Selbstmanagement

Wegerklärer

Gitte Härter • 26.02.2010 • email Weiterempfehlen

Der Markt ist schlecht.
Die Rezession ist schuld.
Meine Branche ist einfach im Keller.
Anderen geht’s auch so.
Niemand ist gerade erfolgreich.
Das liegt daran, dass ich Einzelunternehmer bin.
Mein Home-Office schreckt die Leute ab.
Ich bin zu teuer.

Ich bin zu billig.
Ich bin zu jung/zu neu.
Ich kann keine Referenzen vorweisen.
Ich bin zu alt.
Niemand gibt mehr Geld aus.
Die Kunden machen das jetzt alles selbst.
Firmen arbeiten nicht mehr mit Externen.
Das liegt daran, dass ich keine „richtige“ Ausbildung habe.
In [Ort einsetzen] geht meine Leistung einfach nicht.
Nur [Leute mit Doktortitel/Frauen/Männer/große Firmen] sind erfolgreich.
Ohne Kapital geht einfach nichts.
Ich bin einfach nicht bekannt genug.
Andere haben viel mehr Glück.
Erfolgreiche Leute können sich nur gut verkaufen.
Ich bin halt ehrlich, wenn man ein Schwein ist, würde es gehen.


Warum schreibe ich das?
Ist das nicht so ähnlich wie die 111 Annahmen, mit denen Selbstständige meistens danebenliegen?

Nein, es ist ein ganz anderer wichtiger Aspekt! Es gibt Selbstständige, die verbringen viel Zeit damit zu erklären, warum ANDERE an etwas schuld sind oder warum etwas eh nicht geht.

Das höre ich oft. Manchmal gibt es kleine Netzwerktreffen, bei denen die Leute nichts anderes tun, als sich darin zu bestätigen und in ihr Bier zu weinen. Und es ist durchaus verständlich!

Wir sind ja fleißig, machen und tun – und wenn es dann doch nicht so läuft oder in Gang kommt, ist es sehr frustrierend.

Das ist meine Sache!

Kürzlich habe ich ein Interview mit dem amerikanischen Comedian und Schauspieler Chris Rock gesehen, und er hat was gesagt, was hierzu ganz genau passt.

Er sagt nämlich: „Es ist immer meine Sache.“ Wenn er einen Auftritt hat und das Publikum lacht nicht, dann schiebt er es nicht auf „das schwierige Publikum“ oder „die Umstände“ oder was sonst noch alles gerade sein könnte. Sondern er sagt sinngemäß, dass immer er selbst „schuld“ ist. Es ist seine Aufgabe, den Saal zum Lachen zu bringen. Und wenn mitten in der Aufführung jemand erschossen würde, dann wäre es seine Aufgabe, die Aufmerksamkeit des Publikums wieder zurückzuholen.

Klingt krass, ist aber eine sehr hilfreiche Einstellung. Wegzuerklären und andere Leute oder Umstände vorzuschieben – oder auch einfach Zeit und Energie mit solchen Spekulationen zu vergeuden, das bringt nicht nur nichts, sondern das bindet auch Ihre Ideen und Ihre Motivation zu schauen: „Wie könnte es gehen? Was kann ICH tun, damit es läuft?“


PS: Wenn Sie gerade schwierige Zeiten haben, dann schauen Sie sich den Selbstlernkurs Wenn die Selbstständigkeit belastet - und wie Sie da raus kommen! an.

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: mcarla am 26.02.2010
Hallo Gitte,

Es sind immer die anderen - und nie wir selbst. Mit diesem Satz läßt es sich einfach zusammenfassen.

Du sprichst mir aus dem Herzen. Ich kann es wirklich nicht mehr hören. Und es ist doch interessant, dass gerade wieder in den Medien darüber berichtet wird, wie schlecht es uns doch wieder mal geht.

Ich für mich habe daraus schon lange folgende Lehre gezogen:

Ich kümmere mich nicht drum und mache das was mir Spass macht!

Gruß Mario
Von: Amos Ruwwe am 27.02.2010
Wegerklärer, da musste ich erst einmal den Text lesen. Aha, jett verstehe ich. Es geht nicht um Landkarten lesen,um Wege, sondern.... oder doch?
Sich nicht drum kümmern ist eine Möglichkeit. Sich wie Gitte, dieses Verhalten mal kritisch vornehmen und sich zu nutzen machen die andere. Referenzrahmen wechseln und schon sieht das gleiche Bild anders aus, bzw. macht einen anderen Eindruck. Die Wegerklärer finde ich meistens inspirierend für mich.
Von: Gitte Härter am 28.02.2010
@Mario:
Genau! Das primär auf sich selbst konzentrieren ist sowieso in vielen anderen Bereichen auch sinnvoll.

@Amos:
... da hab ich drauf gewartet, dass es anders gelesen werden könnte ... da aber das "wegerklären" genau das passende Wort ist, wolle ich es nicht ändern. Und genau wie Du sehe ich das auch so: es kann auch richtungsweisend sein - im breitesten aller Interpretationsspielräume!
Von: sevenjobs am 01.03.2010
Manchmal stimmt es leider doch, dass man als kleineres Unternehmen nicht gegen die großen anstinken kann. Nur die Schuld bei sich selber zu suchen kann auch schnell zur Neurose werden. Es ist eine schwierige Gradwanderung zwischen Selbstbewußtsein, Objektivität, Enttäuschung, Finanzdruck und Wirtschaftslage.
Von: Gitte Härter am 01.03.2010
Hallo "sevenjobs",

die Frage ist doch: Warum sollte ich "gegen ein großes Unternehmen anstinken" wollen?

Entweder ich habe eine Geschäftsidee, wo ich als kleiner überhaupt bestehen kann - oder ich habe eine Geschäftsidee, wo es mich stören muss oder wo ich tatsächlich keine Chance habe.

Blödes Beispiel: Wenn ich mich entscheide als "kleine Gitte" ein großer Telefonanbieter zu werden, dann wird das nicht gut mit meiner Zukunft aussehen. Denn da kann ich tatsächlich nicht auf dem Markt bestehen: wie auch?

Dieser Blick auf sich selbst - der tatsächlich nicht immer leicht ist und die ganzen Aspekte mit Selbstbewusstsein, Enttäuschung, Finanzdruck etc., das ist sehr schwierig und da haut's einen manchmal ganz schön hin und her.

Dennoch hilft nur der Blick auf mich und meine Geschäftsidee und das, was ich mache, was ich besser machen kann oder wie ich es mache.

Oder inwiefern müsste man als kleines Unternehmen soweit gegen große "anstinken", dass es ein absolute Hindernis wäre? Da ist es besser, konkret zu werden.

Viele Grüße
Gitte
Von: sevenjobs am 01.03.2010
Wenn man als kleines,aber feines Unternehmen ein Nische ohne Konkurrenz findet, dann kann man sich nur auf sich selber konzentrieren. Lebt man aber mit Konkurrenz, dann gibt es bei den Kunden Bauchgefühle über Qualität und Erfahrung, die an große Namen gebunden sind, die irrational sind, aber somit nicht rational wegdiskutiert werden können. Wenn ein Kunde sich unbedingt hinter RolandBerger helthcare consulting verstecken will und dafür in KAuf nimmt, dass er UniversitätsFrühchen als Berater geschickt bekommt, dann wird er sich nicht von unserer jahrelangen Kompetenz überzeugen lassen. Da brauche ich auch nicht großartig analysieren, was ICH falsch gemacht habe, such is life. Was ich daraus lerne, ist diese Kunden rechtzeitig einschätzen zu können, um meine Aquisebemühungen minimal zu halten und nicht unnötig zu investieren.
Von: mcarla am 01.03.2010
@seveenjobs

Kann Deine Frustration nachvollziehen. Wenn sich ein Kunde von "UniversitätsFrühchen als Berater" blenden ist, dann ist es vielleicht nicht der richtige Kunde gewesen. Manchmal muss man Kunden auch ziehen lassen. Ich weiß, das ist schmerzhaft, aber besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Und manchmal, aber nur manchmal merken die Kunden dann auch, das sie bei Dir besser aufgehoben sind....

Viele Grüße Mario
Von: Gitte Härter am 01.03.2010
... das ist ein super-Beispiel, sevenjobs, danke. Damit kann ich auch den Beitrag oben nochmal klarer machen - so wie ich es gemeint habe.

Ich stehe durchaus auf dem Standpunkt, dass man sich auf sich und seine Kunden (bzw. die, die man finden sollte) konzentriert und nicht ständig nach andern schielen sollte - was ja nicht ausschließt, dass ich mich auf dem Markt informiere, wenn es sinnvoll ist.

Um das Beispiel mit der Unternehmensberatung mal aufzugreifen:

- Ja, es gibt Kunden, die eine bestimmte Vorstellung von einem Berater haben und die bspw. einen der Elefanten wie Roland Berger vorziehen. Das läuft einerseits ja unter "freier Wille" - ich weiß, dass das jetzt blöd klingt, aber ich meine das schon so. Jeder Kunde hat bestimmte Kriterien, die er nutzt und nicht immer kann man sie nachvollziehen. Manchmal WEISS man sogar, dass sie "blöd" sind oder nicht stimmen. Aber das ist die Realität.

- Es gibt z. B. auch durchaus Kunden, die auf keinen Fall mit Einzelunternehmern arbeiten möchten. Darum ist da auch nicht mit gedient, einfach ein "Wir" vorzuschieben, wo nur ein "Ich" ist. Wenn die Firma das will, ist das ihr Kriterium.

Jetzt aber zu Ihrem Beispiel direkt zurück.

Der "Wegerklärer" würde sich auf die Couch setzen und sagen: "Gemein. Ich kann als kleiner Berater kein Geschäft machen. Alle wollen nur die Großen oder sogar irgendsoeinen Berater frisch von der Uni."

Der Weg, den ich oben angesprochen habe, ist natürlich der aktive: "Ah. So ist die Realität (bzw. ein Teil davon, denn es stimmt ja nicht, dass JEDER Kunde nur die großen Berater haben will bzw. sie sich leisten können). Was kann ich tun? Wie kann ich solche Vorbehalte vielleicht direkt in meiner Akquise und Unternehmensauftritt vorwegnehmen und ansprechen? Was habe ich, wie Sie das ja schon ansprechen, aus solchen Reaktionen für meine künftige Akquise gelernt? Habe ich vielleicht eine Zielgruppe bisher im Auge, wo ich tatsächlich direkt in Konkurrenz mit solchen großen trete und mir schon gesagt wurde, dass ich aufgrund meines kleinen Unternehmens öfter den kürzeren ziehe?

Nur darum geht es mir: die Realität durchaus sehen - aber zu schauen, was ich selbst tun kann. Denn das ist letztlich das, worauf es ja bei allen Selbstständigen in jeder Branche ankommt.

Die gute Nachricht ist ja auch: Wir müssen nicht einen kompletten Markt aufrollen. Gerade als Einzelunternehmer oder kleine Firma ist auch unsere eigene Kapazität begrenzt. Das ist ja auch eine gute Nachricht.

Das "Was kann ich besser machen?" oder auch "Was habe ich evtl. falsch gemacht - oder nicht so ganz schlau bisher?" ist immer ein nützlicher Ansatz. Denn ich bestätige mir das, was funktioniert und erkenne das, was bremst oder auch nur das, was ich noch weiter optimieren kann.

Viele Grüße
Gitte
Von: sevenjobs am 01.03.2010
Ich bin nicht frustriert. Ich lebe genau dass, was Gitte hier propagiert. Positiv denken, lernen, nicht aufgeben und vor allem: nie jammern. Lieber die frei Energie, die man zum Jammern nutzen will in neue ideen investieren. Aber dennoch: die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern eben auch grau und vielfältig. Deshalb fällt es mir schwer, einen Weg als den einzig Glückseligen zu predigen. Auch der 'Wegerklärer' hat einen richtigen Ansatz: nämlich auch negative Seiten des unternehmens aufzuzählen. Nur darf man darin nicht verhaftet bleiben, sondern nun Lösungen zu den einzelnen Punkten suchen und Verbesserungen einführen. Der WEGerklärer ist kein Unternehmer und wird über kurz oder lang scheitern. Leider. Bei Existengründerberatungen benenne ich im persönlichen Gespräch klipp und klar.
Von: Gitte Härter am 01.03.2010
Ja genau:

>>Auch der 'Wegerklärer' hat einen richtigen Ansatz: nämlich auch negative Seiten des unternehmens aufzuzählen. Nur darf man darin nicht verhaftet bleiben, sondern nun Lösungen zu den einzelnen Punkten suchen und Verbesserungen einführen.

grin
Von: Norbert Jothann am 01.03.2010
Das ist ja eine spannende Diskussion hier.

Beim Lesen der von Dir im Artikel aufgeführten Punkte, Gitte, kamen in folgender Reihenfolge diese Gedanken.

1. Selbstverhinderungs-Brems-Begriffe
2. Beschwichtigungs-Schein-Argumente
3. Selbstprogrammierungen als Ausrede für's Nichtstun
4. Sich möglicherweise selbst erfüllende Prophezeiungen
5. Fragesätze, deren Wörter durcheinandergewürfelt wurden und denen das Fragezeichen fehlt.

Beispiele für meinen 5. Punkt:

A. "Der Markt ist schlecht." - "Ist der Markt schlecht?" - Was muß ich tun, um herauszufinden, ob meine Annahme über den Markt und seinen Zustand für mich richtig ist? Wie komme ich an Informationen, die meine These belegen oder entkräften?

B. "Das liegt daran, dass ich Einzelunternehmer bin." - "Liegt das daran, daß ich Einzelunternehmer bin?" - Wer und wie viele sind als Einzelunternehmer in meinem Marktsegment oder mit meinem Dienstleistungsangebot ebenfalls auf dem Markt unterwegs? Sind die anderen Einzelunternehmer ebenfalls wenig erfolgreich? Wie komme ich an Zahlen, Daten, Fakten, die meine These bestätigten oder entkräften?
Von: Gitte Härter am 01.03.2010
Vielen Dank, Norbert, für diese hilfreiche "Draufsicht" auf die verschiedenen Bremsklötze - und die besonders nützlichen weiterführenden Fragen! Das ist wirklich toll!

 

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