Produktivität

Warum Produktivitäts-Techniken oft nichts nützen

Ralf Senftleben • 02.03.2009 • email Weiterempfehlen

Wenn man selbstständig ist, muss man produktiv sein, sonst kann man auf Dauer nicht von seiner Selbstständigkeit leben. Zum Glück gibt es ja genug ausgefeilte Methoden und Tipps, die einem dabei helfen, seinen Arbeitsalltag produktiver zu gestalten: Zeit- und Selbstmanagement ist das Stichwort.
Vor ein paar Jahren war es zum Beispiel die ALPEN-Methode von Lothar Seiwert. Im Augenblick liegt gerade die Methode „Getting things done“ (GTD) von David Allen im Trend.

Die Idee hinter diesen Methoden ist, dass wir produktiver werden, also mehr in weniger Zeit erledigt bekommen. Und diese Techniken funktionieren tatsächlich … wenn man sie dauerhaft anwendet. Das Dumme ist nur, dass so ein Produktivitäts-System eine ganze Reihe von dauerhaften komplexen Verhaltensänderungen erfordert.

Bei GTD müssen Sie sich zum Beispiel fest angewöhnen:

  • Ihre Postkörbe und E-Mail-Postfächer regelmäßig zu sichten.
  • Jede Aufgabe und jedes Projekt aufzuschreiben.
  • Für jedes Projekt kleine Schritte zu definieren, die man in einer einzigen Arbeitssitzung abarbeiten kann.
  • Jede Woche alle Listen einem „Review“ unterziehen.
  • Und und und …

An sich sind das keine komplizierten Dinge, nur gehen die meisten von uns eher intuitiv durch ihren Arbeitsalltag und erledigen die Dinge impulsiv, am häufigsten das zuerst, was am lautesten schreit. Wenn wir unsere normale Vorgehensweise nun an so eine neue Methode anpassen wollen, müssen wir unsere bestehenden (meist unbewussten) Gewohnheiten zuerst “entlernen” und dann neue Gewohnheiten entwickeln.

Und das ist etwas, das die meisten von uns nur mit einem systematischen Training hinbekommen, am besten unterstützt durch eine längerfristige Begleitung durch einen Coach oder Trainer. Denn wie schwer es ist, Gewohnheiten zu ändern, das weiß jeder, der zum Beispiel schon mal versucht hat, seine Ernährung dauerhaft umzustellen.

Diese Problematik führt dazu, dass viele Menschen jahrelang auf der Suche nach der richtigen Produktivitäts-Methode sind, und schon alles ausprobiert haben, was es auf dem Markt gibt. Deswegen sind auch Produktivitätsblogs so beliebt, weil viele von uns immer auf der Suche nach DER Technik sind, die endlich für uns passt.

Und zuerst sind neue Methoden auch immer vielversprechend und wir sind begeistert. Aber schon nach kurzer Zeit kommen wir dann nicht mehr so gut mit der Methode zurecht. Das liegt aber nicht daran, dass die Methode nicht funktioniert. Das liegt eher daran, dass unsere alten Gewohnheiten und unsere inneren Widerstände uns wie ein Gummiband wieder in unser altes, automatisches Verhalten ziehen.

Und deswegen:

(1) Wenn Sie produktiver werden möchten, dann machen Sie sich klar, dass sich durch das Lesen eines Buches oder durch den Besuch eines Seminars nichts ändern wird.

Die meisten von uns wissen das auf der rationalen Ebene, aber trotzdem haben viele den irrationalen Wunsch, dass sich ein neues Verhalten automatisch etabliert, wenn sie nur wissen, wie es geht. Aber Wissen, Vernunft und unser tatsächliches Verhalten gehen eben nicht synchron. Ich persönlich halte mich für einen recht intelligenten Menschen, dennoch habe ich eine ganze Weile gebraucht, um das wirklich zu begreifen grin

(2) Wenn Sie produktiver werden möchten, müssen Sie sich Schritt für Schritt neue Arbeits-Gewohnheiten antrainieren. Das ist anstrengend und unsexy, aber einen anderen Weg gibt es nach meinem Wissen nicht. Ich kenne jedenfalls keinen.

Sie können versuchen, sich die neuen Gewohnheiten selbst anzutrainieren. Eine Methode dazu finden Sie zum Beispiel unter erfolgreiche-gewohnheiten.de und auch der Beitrag Wie kann man sich ändern? enthält dazu einige nützliche Tipps.

Aber wirkungsvoller ist es, wenn Sie sich einen Trainer/Coach suchen, der Sie bei Ihrem Training unterstützt. Das muss selbst kein Produktivitäts-Fachmann sein, aber derjenige sollte Erfahrung darin haben, wie man Gewohnheiten etablieren und wie man innere Widerstände umschiffen kann. Der Coach sollte dabei ein bisschen die Rolle eines Drill-Sergeants einnehmen, also jemand sein, bei dem man nicht mit Ausreden und Entschuldigungen durchkommt und der einem auch mal mit deutlichen Worten in der richtigen Spur hält.

Wenn wir als Selbstständige erfolgreich sein wollen, dann müssen wir am laufenden Band Ergebnisse produzieren. Je mehr, je schneller und je müheloser, desto besser. Deswegen sind Produktivitäts-Methoden in meinen Augen extrem wertvoll. Wenn man sie denn auch dauerhaft anwendet. Und dazu braucht es Training.

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Michael Gerharz am 02.03.2009
Sehr schöner Artikel, der sich absolut mit meinen Erfahrungen deckt.

Bei Seth Godin habe ich vor einiger Zeit einen Artikel zu einem ähnlichen Thema gelesen, in dem er beschreibt, dass er 95% seiner Zeit darin investiert, Menschen zum Handeln zu bewegen, und nur 5% darin, die eigentlichen Handlungen zu beschreiben: How to read a business book
Von: Gitte Härter am 02.03.2009
Hallo Herr Gerharz,

danke für den link: das ist ein sehr spannender Artikel. Das mit dem Ins-Tun-Bringen ist wirklich eine Kunst für sich, zumal ja jeder so seine Eigenheiten hat.

Manche können kleine Anregungen aufnehmen, abstrahieren und legen los. Andere lesen Infos und Tipps erstmal und lassen es dann reifen (manchmal versackt es dann da) und wieder andere "konsumieren" Tipps und hoffen/erwarten, dass durch das Lesen automatisch Dinge passieren.

Das ist auch ein Grund, warum ich am allerliebsten Coachings mache: weil man da "am Mann" ist und bei der Durchführung und Umsetzung unmittelbar beteiligt ist und damit auch sicher was passiert.


PS: Ralf Senftleben ist im Urlaub, also nicht wundern, wenn er selbst sich gerade nicht meldet.

Noch ein PS: Jetzt habe ich gleich nochmal auf Ihrem Blog geguckt und den tollen neuen Artikel zu den Fotos bei Präsentationen erblickt. Werde ich gleich nochmal "drüben" im Tipp ergänzen.
Von: Zamyat M. Klein am 02.03.2009
Wie wahr!! lieber Ralf (bzw. Gitte grin,

ohne regelmäßiges Antrainieren gehen Veränderungen nun mal nicht. Wichtig ist es wirklich, in kleinen Schritten vorzugehen- ich nehme mir in meiner Erst- Begeisterung (nach einem Seminar oder Buch) oft zu viel vor.

Aber bestimmte Dinge habe ich schon im Zuge einer Fortbildung nach und nach installiert als neue Gewohnheiten.

Neben dem empfohlenen Coaching sind ja auch Online- Seminare, Foren etc. gut geeignet zur Unterstützung, da sie ja eben auch längerfristig begleitend sind. Siehe unser WLB-Challenge Projekt mit Gitte...

Ich persönlich liebe da ja auch Listen (wo ich ansonsten fast alles mit Mind Maps mache), in die ich täglich notiere, ob und was ich gemacht habe- und so auch die kleinen Erfolge sehe! Oder eben sehe, wo ich nachbessern muss.

Auf fröhliches Weiter- Verändern
Zamyat
Von: Ivan Blatter am 03.03.2009
Hervorragender Artikel, der mir aus dem Herzen spricht!

Ich sehe - als Trainer für produktives Arbeiten - oft Leute, die Stunden und Stunden damit verbringen, DIE Technik zu finden oder ihr Setup zu verbessern, aber kaum wirklich damit arbeiten und langfristige Erfahrungen sammeln. Der erste Satz, den Kunden von mir hören, ist: Es geht hier nicht um neue Techniken, sondern darum, Ihre Gewohnheiten zu ändern.
Naja, so formuliere ich den schon nicht gerade, aber das ist der Inhalt. grin
Von: Gitte Härter am 03.03.2009
... und da hab ich auch gleich noch was beizusteuern. Ich merke in Coachings und Trainings oft, dass es vielen Leuten gar nicht klar ist, was eine Sache für sie im Alltag bedeutet.

Mit dem Wissen ist man ja schnell bei der Hand. Will heißen: Der Sprung von der Technik zur Gewohnheit führt ja über das Erkennen, welche Handgriffe das berührt. Und das sind ja meistens ganz konkrete, kleine Dinge, die sich summiert dann zu einem großen Effekt bündeln.

Übrigens sind Sie mir unheimlich, Herr Blatter. Ich war nämlich gerade vor zwei Minuten noch auf Ihrer Website und habe Ihren Beitrag über Arbeitsorganisation und Meditation gelesen. Über Meditation hatten wir's kürzlich auch im Rahmen der WLB-Challenge.
Von: Ivan Blatter am 03.03.2009
@Meditation: Echt? Tja, die Themen sind halt endlich. Früher oder später "stolpert" man zwangsläufig über Meditation oder verwandte Methoden, wenn man sich mit Work-Life-Balance oder Selbstmanagement beschäftigt.
Von: Gitte Härter am 03.03.2009
... genau darum fand ich es so interessant, dass Sie das gerade praktizieren: 10 Minuten täglich. Ich hatte geschrieben, dass mir meditieren gar nicht so liegt, aber dass ich denke, dass es gut täte - und jetzt lese ich bei Ihnen, dass Sie genau das tun. Sehr spannend.
Von: Petra Schuseil am 11.03.2009
Hallo Ralf, Deinen Artikel habe ich gerne gelesen.. ich werde darüber in meinem lebentempo-blog.de schreiben und ich stimme Dir sehr zu. Wenn es um erfolgreiche Gewohnheiten und veränderte Verhaltensweisen geht, hilft und unterstützt ein Coach. Womit ich aber nicht einverstanden bin, dass Du den Coach ein wenig in der Rolle des Drill-Sergeants siehst. Ein anderes Wort würde mir hier besser gefallen, um meine Klientin oder Klienten anzusprechen. Ich sehe mich in der Rolle als Anschubserin, manchmal Bremserin, dann wieder Wegbegleiterin und Schritte-macherin ... Coaching geben ist nicht Drillen. Ganz im Gegenteil. Mein Coachee muss mit Herz, Kopf und Bauch Verhalten ändern wollen, dann wird er oder sie Erfolg haben. Wenn mein Gegenüber spürt, dass Verhaltensänderung eine Abenteuerreise, ein Experiment und damit Erfolg verspricht, ist er/sie auf dem richtigen Weg. Dabei unterstützen dann die verschiedensten Coaching-Tools und vor allem "gute und sinnvolle Fragen"

Viele Grüße aus Hong Kong. Herzlich. Petra
Von: Gitte Härter am 11.03.2009
Hallo Frau Schuseil,

ich wollte nur kurz Bescheid sagen, dass Ralf noch bis kommende Woche in Urlaub ist. Nicht, dass Sie sich wundern, dass er nicht antwortet.

Der Drill Sergeant ist sicherlich ein etwas heftiger Begriff und ist nicht als Synonym für Coach gedacht - das wesentliche ist der Teil hier: "... bei dem man nicht mit Ausreden und Entschuldigungen durchkommt und der einem auch mal mit deutlichen Worten in der richtigen Spur hält."

... und da ist das Anschubsen, Bremsen, Schritt-machen und Begleiten ... und manchmal in den Allerwertesten treten (hihi) sicherlich in allen Formen präsent.

Herzliche Grüße
ins ferne Hong Kong
(wie viel Uhr es da wohl grad ist)
Gitte Härter
Von: Petra Schuseil am 12.03.2009
Hallo Gitte, danke für die Antwort. HOffe, dass sich Ralf gut erholt. 7 Stunden Zeitunterschied trennen uns. Wir gucken gleich Nachrichten. Herzlicher Abendgruß. Petra
Von: Gitte Härter am 13.03.2009
Weil's so schön zu Ralfs Artikel passt: Habe eben bei amazon eine Rezension zu einem Buch über Depressionen gelesen:

"Hab es gelesen. Bin leider noch immer depressiv."
Von: Ralf Senftleben am 17.03.2009
Hallo Petra, ja, das mit dem Drill-Sergeants ist natürlich ein bisschen "pointiert".

Auf der anderen Seite ist so ein Drill-Sergant tatsächlich eine nützliche Instanz, wenn es darum geht, Ergebnisse zu erzielen.

Und ich glaube, das ein guter Coach situationsorientiert auch mal in die Rolle eines Drill-Sergants gehen können muss, wenn der Client genau das braucht. Manchmal braucht es klare Worte und manchmal ist es sinnvoll, den Gegenüber mit der Realität zu konfrontieren.

Aber da hat jeder Coach wahrscheinlich auch sein eigenes Selbstverständnis. Ich persönlich habe nichts gegen ein bisschen Drill.

Schöne Grüße, Ralf
Von: Ralf Senftleben am 17.03.2009
Und auch an alle anderen einen schönen Dank für die Kommentare. Ich war wie Gitte schon geschrieben hat ein paar Wochen im Süden: Stichwort: Work-Life-Balance grin
Von: Petra am 17.03.2009
Hallo Ralf, hoffe Du hast Dich gut erholt. Manche Coachees wünschen sich oft, dass ich mit Ihnen dran bleibe oder sie an das erinnere, was sie eigentlich wollten, wenn ich merke, sie driften ab. Sie wünschen sich manchmal, dass ich "streng" bin ... Mir ist klar, worauf Du hinaus willst, aber das Wort Drill-Sergeant ist mir immer noch zu heftig. Ich glaube nicht mal, dass ich diese Rolle übernehmen würde, wenn mich mein Coachee darum bittet. Ich schicke meinen Klienten dann zu Dir, ok? Viele Grüße aus Hongkong. Petra
Von: Ralf Senftleben am 17.03.2009
Petra, danke, ja ich bin ziiiiiemlich erholt. Und Bitte nicht zu mir schicken: Ich arbeite ja nicht als Coach grin
Von: Gitte Härter am 17.03.2009
... außerdem bist Du viel zu nett, um jemanden zu drillen. Gib's zu! tongue laugh
Von: Ralf Senftleben am 17.03.2009
Gitte, stimmt, aber ich arbeite daran, als "Arsch" besser zu werden grin
Von: Dagmar von Consolati am 18.03.2009
Danke Ralf,
für den anregenden Artikel.grin

Mir geht bei der Diskussion durch den Kopf, dass es für mich einen Unterschied macht, ob ich einen Coach oder einen Trainer haben möchte.

Ich persönliche wünsche mir vom Coach Coaching, das das bietet was ich brauche und vereinbart habe.
Meiner Erfahrung nach ist in vielen Menschen schon eine Überdosis Drill verinnerlicht. Sie wünschen sich deshalb auch andere Wege zu ihren Zielen.
Einen Auftrag "drille mich" lehne ich ab.
Aber das ist auch das Gute, dass es für verschiedene Wünsche und Anliegen von Kunden und Kundinnen die passenden Coachs gibt.

Schönen Tag noch an alle Mitdiskutierenden. grin
Von: Ralf Senftleben am 18.03.2009
Dagmar, stimmt... wir brauchen einen neuen Begriff. Nicht Training, oder Coaching sondern "Drilling" grin

Und klar, wennn ein Mensch sich selbst eh schon genug Druck macht, dann braucht er nicht noch mehr. Oder er braucht vielleicht eine andere Art von Druck.

Aber es gibt eben auch viele Menschen, denen würde ein bisschen mehr Druck vielleicht gut tun.

Und vielleicht noch einmal zur Klarstellung. Mir schwebt hier niemand vor, der einen anbrüllt oder fertig macht. Ich meine jemanden, der einen einfach mal klar mit der Realität konfrontiert und einem auch mal Dinge sagt, wie :

- Das sind doch nur Ausreden und Ausflüchte.

- Wenn du nichts für deinen Wunsch nach X tust, dann bleibst du in deiner unerfreulichen Situation stecken.

- Oder: Da gibt es einen Teil in dir, der will das Ziel gar nicht erreichen ...

Und was ich unter "Drilling" auch verstehe, ist vielleicht ein täglicher Anruf, um sich zu vergewissern, ob mein Klient seine "Hausaufgabe" wirklich gemacht hat.
Von: NicoAppel am 30.06.2010
Also ich bin selbst von der Theorie in die Praxis der Produktivität gewechselt. Das ändert alles.
Da ich auch Coach und Trainer bin, stimme ich dem Punkt vollkommnen zu, dass HANDELN und TUN wichtig oder besser wichtiger ist als WISSEN.
In einem individuellen Coaching lässt sich die persönliche Motivation des Klienten natürlich sehr gut herausarbeiten und verstärken (zu irgendetwas sind wir nämlich alle motiviert). Dann ist es oft sinnvoll die Motivations-Strategie zu optimieren und dem Klienten zu helfen den entsprechenden Schwung aufzubauen.
Außerdem braucht es Inspiration, also die Begeisterung für eine Sache. Die kommt oft mit der Definition der persönlichen Ziele, die wir meist nicht klar genug vor Augen haben.
Und wenn das passt, und der Coach gute Arbeit geleistet hat, dann wird es leicht, ganz leicht und Veränderung und persönliche Entwicklung ist unausweichlich!
Von: Gitte Härter am 01.07.2010
Hallo Herr Appel,

danke für Ihre Sicht.

Die meisten Dinge weiß man eh - zumindest "irgendwie" (auch wenn auch da Bücher, Trainings, ein erfahrener Kollege oder Coach ... Feinheiten und Tricks vermitteln kann) - lieber wenig TUN als immer nur viel denken/wissen.

Viele Grüße
Gitte Härter

 

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