Finanzielles

Wann hat es ein Ende?

Gitte Härter • 13.02.2012 • email Weiterempfehlen

Meine Ausbildung habe ich beim Rechtsanwalt gemacht. Gesetzliche Fristen sind eine extrem strenge Angelegenheit: Der letzte Tag der Frist “zählt” bis 24.00 Uhr. Werfen Sie Ihre Post erst um 00:01, ist die Frist versäumt. Auch wenn es nicht Ihre Schuld ist, weil Sie an jeder Ampel stehen mussten oder unterwegs einer Passantin geholfen haben, ein Kind zu entbinden. Zu spät ist zu spät.

So streng sind wir Selbstständigen in der Regel nicht. Weil wir die Dinge lockerer nehmen, uns sagen “ach komm, das mach ich noch schnell” oder weil wir einen engeren Kontakt zu unseren Kunden haben. Je besser man sich mit seinen Kunden versteht, desto mehr verschwimmen im Business die Grenzen.

Nun bin ich die Letzte, die jede Minute abrechnet oder superstreng ist, aber ich habe über die Jahre gemerkt, dass ich Auftragsgrenzen oft zu sehr aufgeweicht habe (von mir aus) oder mich über Gebühr beanspruchen habe lassen.

Zum Beispiel:

  • Ich habe so manches Mal nach einem Seminar ausführliche Unterlagen zusammengestellt und verschickt. Das war ein toller Service, es hat mir total Spaß gemacht, so individuelle Unterlagen zu erstellen und alles, was im Workshop erarbeitet wurde, individuell reinzustricken. Aber ich war damit 2-3 Tage beschäftigt (schreiben, ausdrucken, sortieren, in Ordner packen, einzeln adressieren und verschicken). Zwei bis drei Tage, die nicht im Seminarpreis einkalkuliert waren. Zeit und Material gingen also auf meine Kosten. Und zusätzlich die Opportunitätskosten, also das Geld, das Ihnen verloren geht, weil Sie in dieser Zeit keine bezahlten Projekte oder Akquise machen können.
  • Nachdem ein Auftrag abgeschlossen und abgerechnet ist, fallen dem Kunden noch einige kleine Aspekte ein. Das sind keine Fragen zum fertigen Auftrag, sondern hängen irgendwie damit zusammen, so dass man es nicht so recht trennen mag. Vor allem: Das ist zwar jetzt Arbeit, aber nicht sooooo viel, dass es sehr ins Gewicht fällt, und außerdem hat der Kunde ja erst diesen einen Auftrag gemacht. Auch wenn es immer wieder solche Grenzfälle gibt, wo Sie etwas herschenken möchten, sehen Sie auch das große Ganze: viele Kunden, die immer nur Kleinigkeiten extra wollen, beanspruchen Ihre Zeit insgesamt. Siehe auch: Kleinvieh macht auch Mist.
  • Mitunter werden nach einem Auftrag noch weitere Handgriffe nachgeschoben. Sie haben das Logo designt. Jetzt bräuchten wir ein paar kleinere Änderungen und neue Dateiformate, das machen Sie bestimmt “so”, gell? Besonders Meetings gehen ins Geld. Sie haben doch unsere Website so super umgesetzt. Unser Geschäftsführer ist total zufrieden und würde gerne mit Ihnen nochmal persönlich darüber sprechen.

Wann immer Sie bewusst etwas verschenken möchten, ist das wunderbar. Doch es ist ebenso wichtig, dass Sie BEMERKEN, wann Sie viel zu großzügig sind. Besonders bei Dingen, die Ihnen leicht fallen und die Sie als keine große Mühe ansehen. Und erst recht bei Projekten, bei denen Ihr Idealismus Wellen schlägt.

Ich kann Ihnen sagen, dass ich seit zwölf Jahren jedes Jahr etwas strenger geworden bin. Und das alleine zeigt Ihnen, wie absurd locker ich zu Beginn war. grin Und jedes Jahr habe ich immer noch Spielraum!

Es bleibt noch genug Raum für Großzügigkeit!

Achten Sie einfach mal darauf, wie oft Sie Arbeit nach Ende eines Auftrags noch rüberschwappen lassen. Und lernen Sie es, ein festes Ende zu definieren.

Bei Seminaren habe ich zum Beispiel ein festes Ende definiert. Bei einem Online-Workshop sage ich am letzten Tag morgens die Zeit, zu der ich den Computer ausmache und damit den Workshop feierlich, aber klar beende. Ich sage nicht mehr “Um 17 Uhr ist es aus”, weil das eine schwammigere Information ist. So wissen meine Teilnehmer, dass ich alles, was rechtzeitig kommt bis zu diesem Termin bearbeite. Dann ist Schluss - wie beim Fristenbriefkasten.

Seien Sie weiterhin großzügig, aber ganz bewusst da, wo Sie es sein möchten – und nur in einem Rahmen, den Sie sich momentan auch leisten können.

Übrigens: Großzügigkeit und eine angenehme, professionelle Zusammenarbeit definiert sich über sehr viele weitere Kriterien und keineswegs darüber, Ihre Leistungen herzuschenken.

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: monika am 13.02.2012
ja durch diese großzügigkeit u mich ausnutzen lassen bin ich heute schweren herzens gezwungen zu 90 % meine selbstständigkeit aufzugeben.
Von: margot kropp am 13.02.2012
danke!!
sehr guter Impuls für mich, da ich mich gerne auch noch hinterher "beschäftige" ..

mit herzlichem Gruß
Von: Helga Eichner am 13.02.2012
Vielen Dank für diese tolle Erinnerung. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung als Heilpraktikerin zustimmen. Als ich vor 13 Jahren mit meiner Praxistätigkeit begann, habe ich gnadenlos überzogen, d. h. viel Beratungszeit an meine Klienten verschenkt. Als ich in einer Supervision diesen Punkt ansprach, wurde mir klar, dass der Grund dafür in meiner Angst lag, mein Klient könnte sich mehr Hilfe von mir erhofft haben. Ganz geschockt war ich, als mein Supervisor mich fragte, wie ich dazu käme, die Zeit meiner Klienten dermaßen grenzüberschreitend in Anspruch zu nehmen. Dieser Aspekt war bis dahin überhaupt nicht in meinem Fokus.

Heute fällt es mir vergleichsweise leicht, Grenzen zu setzen und auf die Möglichkeit einer weiteren Terminvereinbarung hinzuweisen. In der Tat ist das A und O dabei, für sich zu entscheiden, wieviel "Bonus" man geben möchte. Dann fällt es wesentlich leichter, einen Schlußstrich zu ziehen.

Freundliche Grüße,
Helga Eichner
Von: Silke Bicker am 13.02.2012
Hallo Gitte,

ja, meine Schmerzgrenzen kenne ich inzwischen auch grin. Anfangs habe ich "gerne" noch so kleine Gefälligkeiten erwiesen, wie Seminarunterlagen noch nachträglich umzustricken oder drei Feedbackgespräche mit drei verschiedenen Gesprächspartnern des Auftraggebers geführt. Mittlerweile bin ich strenger und nehme manches schon in das Angebot auf oder auch, das weitere Kleinigkeiten extra berechnet werden.
Und ich spreche Klartext, wo es nötig ist oder scheint.

Grüße
Silke
Von: Kati am 13.02.2012
Hallo Gitte,
ich habe mich ehrlich gesagt ertappt gefühlt beim Lesen des heutigen Newsletters. Gerade bei dem Beispiel mit den Seminarunterlagen. Auch ich bin (noch) sehr großzügig mit kleinen und auch großen Gefälligkeiten. Dank des heutigen "Wachrüttelns" nicht mehr lange bzw. eher bewusster, denn wenn ich etwas verschenken will, tue ich das - aber in Maßen.
Vielen Dank für den Anstuppser.
Kati
Von: noelani am 13.02.2012
der newsletter kommt zur rechten zeit. ich starte jetzt zum 2.x als selbstständige durch und merke, dass ich mit meiner lebenszeit geizig geworden bin. es bedeutet für mich, ganz klar meine grenzen zu setzen, zeiten einzuhalten, konsequent zu sein.
deine newsletter regen mich immer wieder an, mich zu reflektieren. ich bedanke mich herzlichst. noelani
Von: Hans Stalder am 13.02.2012
Das war mitten in den wunden Punkt wink Nach vielen Jahren Selbständigkeit (selber verantwortlich, dass ich Arbeit habe) bin ich mir der 'Zusatzzeit' bewusst. In der Zwischenzeit habe ich gelernt, die Grenzen etwas präziser zu formulieren. Und ich rechne bereits am Anfang etwas Zusatzzeit ein. Schlussendlich denke ich, dass es Ende Jahr stimmen muss, wenn ich alle Rechnungen bezahlen konnte.
Von: Claudia am 13.02.2012
Hallo Gitte,

ein Zufall, das Thema hatte ich heute erst beim Gespräch mit einem Kollegen. Heutzutage versuchen wir doch alles, um es dem Kunden recht zu machen. Gerade für "kleine" Selbstständige ist es kann es schon schwer sein einen Schlußstrich zu ziehen. Kundengewinnung hin oder her, so macht man sich aber selbst zum Affen...

Was man als kostenlose Serviceleistung oder Beratungszeit mit dazu gibt, sollte man gut abwägen. Sonst gibt man dem Kunden das Gefühl, dass er immer alles sofort bekommt - und das für lau. Lernt auch mal mal NEIN zu sagen...Das ist wichtig!
Von: Dr. Alexandra Bischoff am 13.02.2012
Hallo Gitte,

wie so oft kommt Deine Anregung genau zum richtigen Zeitpunkt ... Das "Zuckerl-Paket", das ich heute für jemanden überlegt habe, bevor überhaupt die Konditionen besprochen wurden, stelle ich jetzt nochmal in Frage.

Übrigens kann ich als Teilnehmerin Deines letzten Online-Schreibkurses bestätigen, dass die Botschaft "Um 17 Uhr wird der Rechner ausgemacht" sehr klärend und intensivierend für die Nutzung der folgenden Stunden am letzten Kurstag gewirkt hat. grin

Viele Grüße
Sandra
Von: Barbara Steldinger am 13.02.2012
Liebe Gitte,

wieder ein Volltreffer und ein Thema, das ich auch gut kenne.

Bei mir hat es inzwischen jedoch eine andere "Färbung" bekommen. Ich lerne gerade und immer wieder, auch mal klar NEIN zu sagen, wenn sich jemand meldet, der Hilfe braucht und nicht zahlen kann.

Ganz oft habe ich geholfen und war dann frustriert, wenn um Hilfe immer wieder angeklopft wurde, aber Geld keines kam. Da fühlte ich mich dann mit meiner Arbeit nicht wertgeschätzt.

Die Glaubenssätze, die da sind "gemocht zu werden", "helfen zu müssen","ein guter Mensch" zu sein", "abgelehnt zu werden, wenn ich Nein sage" haben mich gut beschäftigt und mich veranlasst, sie intensiv zu bearbeiten.

Seitdem bin ich immer klarer geworden. Natürlich habe ich auch immer kostenfreie "Sozialprojekte" laufen. Aber da bestimme ich, ob ich das möchte und wie lange und zu welchen Bedingungen ich das ermöglichen will.

Es geht einfach sehr schnell, dass man in beratenden Berufen ausgenutzt wird oder sich selbst ausbeutet, wenn die o.g. Glaubenssätze so oder ähnlich als Programme laufen.

dir eine schöne Woche und
alles Liebe
Barbara
Von: Andrea Brunstein-Vogel am 13.02.2012
Oh ja... das muss ich noch ganz viel lernen! grin

DANKE, Gitte!

Einen schönen Feierabend allen Selbstständigen
Andrea
Von: Silke am 13.02.2012
Hallo,

es gibt auch so ein paar Pappenheimer, die auf die Tränendrüse drücken. Entweder, das sie kein Geld oder nicht so viel Geld zahlen können oder diejenigen, die denken bei XS-Budget einen XXL-Service dennoch zu bekommen. Bei ersteren war ich früher immer sehr schwankend. Bis ich merkte, dass manche von ihnen auch kein Geld ausgeben wollten. Bei Arbeitslosen, Studenten und Co. gehe ich mit meinem Stundensatz deutlich runter.
Wenn dann noch gejammert wird, kommen wir eben nicht zusammen. Denn gratis arbeiten kann ich mir wiederum nicht leisten und solche "Hilfen" sprechen sich in Windeseile herum.

Ab dem 2. Jahr meiner Selbständigkeit kamen vermehrt Absolventen auf mich zu, Tipps abstauben wie Öffentlichkeitsarbeit & Naturschutz & gut verdienen klappt. Wie, das kostet etwas? Wir sind doch alle "grün" - dafür kannste doch kein Honorar nehmen!?! Doch. Kann und muss ich.
Ab und zu kleine Hilfen geben ist okay, aber nicht nur. Und wo und wie will mittlerweile überlegt sein, um Haken erst gar keine Chance zu geben.

Viele Grüße
Silke
Von: Annette Markert am 14.02.2012
Guten Morgen Frau Haerter,

vielen Dank für Ihre wertvollen Anregungen! Als Dozentin habe ich das Problem stets und ständig. Sehr viel Vorarbeit, Absprachen, Nacharbeit sind nötig, die ich jedoch nicht abrechnen kann.
Grenzziehung ist dennoch ein wichtiger Vorgang für eigene Psyche, das sowohl im Beruf als auch im Privatleben. Vielleicht auch eine weibliche Schwäche? Meine sicher.
Liebe Grüße
Annette
Von: Hans Stalder am 14.02.2012
Zum Thema...
rechte Hirnhälfte: sei gut zu den Menschen, denk' was Dir Deine Mutter immer gesagt hat..
linke Hirnhälfte: rechne, was Deine Stunden kosten und Du hast ja ein Umsatzziel...
rechte Hirnhälfte: Du hast immer ein gutes Gefühl, wenn Du etwas verschenkt hast...
linke Hirnhälfte: schon mal etwas von Vollkostenrechnung gehört ?
rechte Hirnhälfte: freue Dich ob dem herzlichen DANKESCHÖN!
Von: Christa am 15.02.2012
Liebe Gitte,
danke für die wertvolle Anregung - da sind mir ein paar Lichter aufgegangen und ich werde sicher etwas verändern.
Von: Beatrice Legien am 15.02.2012
Liebe Gitte,

ich kenne solche Erfahrungen auch von mir, gerade bei Dingen, die ich gerne mache und mir leicht fielen, hatte ich mich nicht gut gefühlt, dafür genug Geld zu nehmen. Ich war dann schon glücklich, wenn es ihnen durch meine Unterstützung besser ging.

Nur mit der Zeit merkte ich, dass ich doch mehr Gegenleistung wünschte. Auf Dauer fühlt man sich dann doch ausgenutzt.

Da sind gerade wir Frauen besonders gut drin. Aber ich merke, Frauen lernen immer besser, ihre Grenzen zu setzen und klare Forderungen auszusprechen. Sie kommen dadurch auch viel souveräner in den Augen der Kunden rüber.

Herzliche Grüße
Beatrice Legien-Flandergan
Von: Sabine Winter am 17.02.2012
Liebe Frau Härter,
ich lese Ihren Newsletter immer mit sehr viel Interesse und heute möchte ich Ihnen endlich mal sagen, wie sehr ich mich freue, immer wieder zu lesen, dass ich/wir mit unseren Problemchen nicht allein sind, sondern dass es vielen Unternehmern und deren Mitarbeitern ähnlich geht. Gerade dieses Beispiel ... ach, das mach ich grad noch so , kostet uns ja nicht viel... typisch! Das kommt bei uns geradezu fast täglich vor und jedesmal wieder fällt man wieder drauf rein.
Also, nochmals vielen Dank!
Von: Gitte Härter am 20.02.2012
Hallo zusammen,

wow! Ich bin ganz geplättet ob der großen Resonanz zu diesem Thema. Es freut mich, dass es für viele eine gute Erinnerung war und Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit-teilen.

Herzliche Grüße
Gitte Härter

 

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