Selbstmanagement

Von einem, der an sich glaubte

Gitte Härter • 17.01.2010 • email Weiterempfehlen

Gestern habe ich meinen Samstagabend damit verbracht, vier Stunden lang zu heulen. Ich habe mir nämlich den Film zum Musical RENT angesehen und anschließend die beigefügte Dokumentation über dessen Schöpfer Jonathan Larson.

Ich weiß, dass wir einige Künstler unter unseren Lesern haben – doch dieser Artikel ist nicht nur für sie gedacht. Es geht nämlich in erster Linie um Beharrlichkeit und darum, an sich zu glauben ... es aber nicht nur dabei bewenden zu lassen.

Und darum schreibe ich diesen Blogbeitrag: Jonathan Larson hat das gelebt, was ihm am Allerwichtigsten war. Er hat an sich geglaubt, obwohl er viele Jahre wirklich verhältnismäßig schlecht gelebt hat, und trotzdem immer weiter gemacht. Er hatte große Ziele und hat sie schließlich erreicht! Seinen wahnsinnigen, weltweiten Erfolg mit RENT hat er leider nicht mehr erlebt: Nach der Generalprobe ist er - am Abend vor der Premiere - zu Hause an einer Aortendissektion gestorben.

Große Ziele

Jonathan Larson hat sein Leben lang für die Musik gelebt und an seinem Ziel gearbeitet, vom Komponieren leben zu können. Außerdem hatte er die große Vision, die Musicalszene zu revolutionieren: wichtige und gesellschaftskritische Inhalte in Musicalform zu bringen und Musicals auch für die MTV-Generation interessant zu machen. Er wollte ein Rockmusical schreiben, das „das Hair der 90er“ würde.

Jetzt stellen Sie sich das mal vor: Da ist ein junger Komponist, frisch von der Uni, der in New York lebt und die Musicalszene revolutionieren möchte! Haha! Klar. Ganz New York wimmelt von Künstlern, die den Durchbruch schaffen wollen. Und da ist einer, der so ein Ziel hat!

“Commitment“

Jahrelang lebte Jonathan Larson von der Hand in den Mund: er jobbte von Freitag bis Sonntag als Kellner in einem Diner, um seine Miete bezahlen zu können. Er lebte mit verschiedenen Mitbewohnern in einem runtergekommenen Loft ohne Heizung, ganz ärmlich - die Badewanne stand in der Küche -, immer gerade genug Geld, um zu leben. Ich will nicht propagieren, dass man das genau so machen sollte oder müsste ... interessant ist jedoch Folgendes: Jonathan Larson lebte so, um den Rest der Woche komponieren zu können.

Er hat nicht etwa gewartet, dass der Durchbruch kommt oder ein bissl was dafür getan. Nein, er hat gekellnert, um von Montag bis Donnerstag die „freie“ Zeit dafür zu nutzen, wirklich von früh bis spät zu komponieren – neben einigen kleineren, bezahlten Auftragskompositionen arbeitete er an eigenen Stücken, teilweise jahrelang an einem Musical, das am Ende zwar oft auf positive Resonanz stieß, aber nicht produziert wurde.

Sich aktiv vermarkten!

„Jon hasste es, sich zu vermarkten“, sagt ein anderer Freund auf der DVD. Dennoch hat er es nonstop getan: er schickte seine Arbeit an Produzenten und er nahm sogar Kontakt mit einem seiner Idole, dem amerikanischen Komponisten Stephen Sondheim auf, den er sehr bewunderte.

Alleine das muss man sich mal vorstellen: Da schreibt ein noch unbekannter Komponist an einen superbekannten Star der Branche und bittet ihn um Feedback. Toll! ... und noch toller ist, dass er damit erfolgreich war: Stephen Sondheim gab ihm daraufhin immer wieder Feedback zu seinen Werken und schrieb ihm sogar eine Referenz, die für sein Talent bürgte.

Nicht sofort entmutigen lassen!

Freunde und Kollegen berichten, dass es selbstverständlich sehr hart für Jonathan Larson war, dass seine ganzen Mühen nicht von Erfolg gekrönt waren. Er war immer wieder mal frustriert, wie es jeder wäre, aber er gab nicht auf.

Auch RENT hatte eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich und wäre fast im Nichts verlaufen: Der Stückeschreiber Bill Aronson hatte die Idee, ein Musical zu schreiben, das auf der Oper „La Bohème“ basierte. Gemeinsam mit Larson begannen sie, aber die Zusammenarbeit verlief schließlich im Sande und das Projekt war erstmal erledigt.

Da Jonathan Larson an die Idee glaubte, fragte er kurzerhand bei Aronson nach, ob er dessen Idee weiterverfolgen dürfe. Da sie im Guten auseinandergegangen sind, gab Aronson ihm die schriftliche Erlaubnis (mit dem Zusatz, dass dieser, wenn RENT Geld einspielen würde, einen marktüblichen Anteil bekäme).

Ein Netzwerk schaffen

Jonathan Larson hat immer ein enges soziales Netz gehabt und gepflegt, hat auch beruflich immer wieder neue Kontakte geschaffen.

So bekam er nicht nur sozialen Halt, sondern holte sich auch immer wieder aktiv Feedback ein, zum Beispiel spielte er Freunden und Arbeitskollegen seine Lieder und Musicals vor, teilweise einfach auf den Anrufbeantworter um zu sehen, wie sie ankommen.

Da er nicht viel Geld hatte, konnte er nicht großartig ausgehen. Eines seiner Rituale war, einmal im Jahr in seiner kleinen Wohnung ein Festessen zu improvisieren: viele Freunde und enge Kontakte wurden eingeladen, jeder brachte etwas zu essen mit und er nutzte die Gelegenheit, alle zu unterhalten und ihnen neue Kompositionen vorzuspielen.

Kritik annehmen + zusammenarbeiten

Als RENT schließlich soweit war, endlich realisiert zu werden, bekam er viel Feedback – und auch Kritik – von seinen Produzenten und Kooperationspartnern. Das war, schildern sie, anfangs sehr schwer für ihn, weil er – wie viele Künstler – so von seinem Werk eingenommen und überzeugt war, dass er nichts daran ändern wollte.

Da es aber immer noch viel zu verbessern gab, um dem Musical seine Endform zu geben, nahm er die Kritik an und schrieb neue Lieder und arbeitete mit anderen an der Story. Nur dadurch konnte RENT zu diesem großen Erfolg werden!

Viele wichtige Qualitäten

Mich beeindruckt diese Lebensgeschichte nicht nur aufgrund des wahnsinnigen Megaerfolgs von RENT, der schließlich dabei rauskam, sondern weil man sich dieses Leben mal in Echtzeit vorstellen musste. Einerseits die Freude und die Leidenschaft, genau das zu tun, was man am Allerliebsten tut – andererseits aber mit der Realität umzugehen: kein Geld, Absagen ... viel Lob, aber so lange kein Durchbruch.

Alleine die Tatsache, zu Hause für sich selbst jahrelang an einer Sache zu arbeiten, für die man zwar nicht bezahlt wird, aber an die man glaubt. – Es aber nicht dabei zu belassen, sondern über seinen Schatten zu springen und sich enorm aktiv nach außen zu zeigen und seine Arbeit zu vermarkten, obwohl es einem ein Gräuel ist, das zu tun.

Wie schon gesagt: für viele Selbstständige, auch wenn sie aus ganz anderen Branchen sind, trifft das ebenfalls den Kern.

Ich finde es sehr inspirierend. Auch wenn Jonathan Larson seinen aberwitzig großen Erfolg tragischerweise nicht mehr erlebt hat.  hmmm


Wen Details interessieren: Hier ein englischer Artikel über die Entstehung von RENT: The Seven-Year Odyssey That Led to ‘Rent’ oder die wirklich sehr interessante Dokumentation auf der RENT-DVD ansehen.

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Amos Ruwwe am 18.01.2010
Die Kunst von der Kunst zu leben ist der Titel von einem Semninar, das ich regelmässig anbiete. Der Künstler und auch der Selbstständige und man soll es nicht glauben, auch die Angestellten sind in ihrer jeweiligen Kategorie nur erfolgreich, wenn sie neben dem operativem Geschäft, das Durchhalten trainieren. Dazu gehört eine Portion Wahnsinnn," ein Musical willste schreiben, ach ne, is ja wat ganz neues!", eine Portion Kreativität, der Mix eben auch andere Tätigkeiten auszuüben, um seinem Ziel näher zu kommen und schließlich auch der Mut zu sagen, okay, das war ein Versuch wert, is aber nich.Erfolg ist sehr individuell
Von: Elisabeth Grabner am 18.01.2010
Danke für die Horizont-Erweiterung! Mir sagte weder der Name noch das Musical was. Schön, wieder was Tolles gelernt zu haben.
Von: Gitte Härter am 18.01.2010
@Amos
Dein Seminar hat ein Super-Thema und dürfte auf große Resonanz stoßen. Ich hatte über die Jahre immer mal Künstler, etwa Maler, in Coachings oder Trainings - und da scheint es gar nicht so viele wirklich einschlägige Angebote zu geben. Jetzt weiß ich ja, dass Du sowas auch speziell machst und denke dran, wenn wieder mal jemand Dein Angebot gut brauchen kann!

Für alle Mitleser: Das ist übrigens wieder mal ein Beispiel von "gut zu wissen" - Amos hatte ich nämlich bisher nur als "Märchenerzähler und Organisationsberater" auf dem Schirm. Wie wir immer gebetsmühlenartig sagen: Redet mit der Welt wink

@Elisabeth
Das freut mich sehr! Ich kenne das Musical seit vielen Jahren nur vom Titel her und habe erst kürzlich die Musik dazu entdeckt. Es ist wirklich sehr ergreifend und wie ich meine geradezu genial komponiert - und von den Darstellern umgesetzt.
Von: Norbert Jothann am 18.01.2010
Danke für diesen Beitrag, Gitte.

In den 1980er Jahren habe ich einige Bücher über Menschen gelesen, die ihren Traum lebten, aber über lange Zeit nicht von ihrem Traum leben konnten. Sie taten (fast) alles, um ihren Traum zum Leben zu erwecken - und ihn dann wach zu halten, bis sie ihn tatsächlich leben konnten.

Viele mußten einige Umwege zum Ziel gehen, andere erkannten nicht, daß sie bereits am Ziel angekommen waren, als der Traum Wirklichkeit zu werden begann, weil sie so damit beschäftigt waren, gegen die immer wieder aufkommenden Widerstände anzuarbeiten.

Dieser Beitrag von Dir, Gitte, bildet einen guten Anlaß, sich selbst zu befragen, ob man wirklich für das "brennt", was man macht und will.

Mir gefällt der Hinweis auf das "Durchhaltenlernen". Wie schnell ist man doch bereit, von seinen Vorhaben abzukommen, wenn nur genügend andere sagen, dass es die Mühe nicht wert ist, dieses Ziel zu verfolgen. Wie Amos es schon schreibt: "...ein Musical willste schreiben, ach nee, is' ja wat ganz Neues!"

Herzliche Grüße
Norbert
Von: Christine am 19.01.2010
wollte spontan auch meinen Senf dazugeben wink

Mein Lieblingsautor Hans-Peter Zimmermann hpz.com hat ein Buch über einen Geldmagneten geschrieben, sehr lesenswert.

Er stellt hier eine Formel vor:

Wirkung = Qualität der Arbeit x investierte Energie
x Anzahl Menschen, denen man damit dient X Selbstsicherheit

Manchmal, wenn ich mich selbst nicht so gut einschätzen kann, frage ich mich nach jedem dieser Begriffe um selbst ein Gefühl zu mir zu bekommen und um zu wisen, wo ich heute ansetzen kann.
Z.B. wie sieht es denn heute mit deiner Selbstsicherheit aus: 65%
wie sieht es denn heute mit deiner Qualität aus? Kann ich meine Qualität heute zum Ausdruck bringen: 80%
usw.

Mir hilft es mich wieder auszurichten und dann auch nicht so selbstzerfleischend mit mir umzugehen.
Ok, wenn ich heute nur eine Qualtiät von 80% habe, setzte ich diese zu vollen 100% ein.

Und schon merke ich, das da in mir etwas ist, das sich entspannt, die Schultern sinken, die Atmung geht wieder mehr in den Bauch,die Stimme wird tiefer .....

Ich merke, das, wenn das Geschäft nicht so läuft wie ich es gerne hätte, es bei mir fast immer an der Massenwirkung liegt. Dann tue ich zuwenig "rein".

Und deswegen fange ich jetzt an.....

allen ein frohes Schaffen heute

viele Grüße, herzlichst
Christine
Von: Gitte Härter am 19.01.2010
Hallo Christine,

vielen Dank für Deinen Beitrag und die vielen Anregungen.

Den direkten link auf das eBook von Herrn Zimmermann habe ich entfernt. Wir haften als Blogbetreiber für alles, was verlinkt ist, und ich kann mir jetzt kein so umfassendes PDF erstmal durchlesen, bevor ich es verlinke.

Du hast die Website ja angegeben. Das eBook kann dort kostenfrei heruntergeladen werden. Wer interessiert ist, wird rüberklicken und es sich dort selbst besorgen.

Viele Grüße
Gitte
Von: Christine am 19.01.2010
Hallo Gitte,

alles klar, ok, mit der Haftung, habe ich nicht dran gedacht, werde in Zukunft keine direkten Links mehr angeben ......

Nachtrag:
Hier der Titel des Buches:

Geld ist schön

Falls es einer liest, würde ich mich über ein Feedback freuen.

Viele Grüße
Christine
Von: Amos Ruwwe am 19.01.2010
Moin Christine, bis zur Seite 40 bin ich gekommen, in der PDF Geld ist schön. Schön für Herrn Zimmermann, das dieses Buch ein longseller ist. Nach meinem persönlichen Eindruck hat Herr Zimmermann wohl ein gut funktionieresndes Marketingsystem und Dein Beitrag mit Hinweis auf ihn, passt exzellent zu dem Thread, einer der an sich glaubt. Zimmermann ist für mich ein gutes Beispiel, wie mit Allgemeinweisheiten, ein Buch geschrieben werden kann, bissken Popularismus rein und schon ist ein longseller fertig. Mit der Vermarktung und das Glauben an sich selber wird das schon. Aus dieser Sicht, Gratulation von mir, ansonsten würde ich das Buch nicht weiter empfehlen,nichts als Binsenweisheiten.Ich bleibe lieber Herrn Robert Zimmermann treu, bekannter unter dem Namen Bob Dylan
Von: Gitte Härter am 19.01.2010
Huhu Christine und Amos,

Tipps sind ja immer subjektiv - und was für einen banal ist, ist für anderen ein "Heureka!" grin

Bitte schont meine Nerven und lasst keine Kritik-über-Dritte-Diskussion hier entstehen. Dankeschön.

Holldrio!
Gitte
Von: Christine am 19.01.2010
Moin Amos,

danke für dein Feedback.

Das er an sich glaubt, auf jeden Fall, er ist sehr von sich überzeugt. Ist auch schon ein "alter Hase" in seinem Geschäft.
(Wenn ich nicht selbst an mich glaube, wer sonst)

Ich sach immer, wer heilt hat recht, ok, ist gediebt ...

HPZ gibt viele kostenlose Tipps, so wie Gitte & co, ich habe viel von ihm gelernt und auch von Gitte, Christine und Ralf.

Ich werde mir Deinen Tipp auch mal anschauen.

vielen lieben Dank
Christine

 

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