Sprechen Sie Dialekt?
Letzte Woche habe ich im Fitnesstudio zwei Stunden hintereinander gemacht: Die Trainerin der ersten Stunde - einer Powerstunde - sprach tiefstes Bayerisch. Sie ging offensiv auf die Gruppe zu. Wenn ich ihr Eigenschaften zuordnen würde, dann würde ich sagen, diese Trainerin ist sprudelig, kommunikativ, witzig und mitreißend.
Danach war Qigong. Die Trainerin dieser sehr ruhigen Stunde sprach Schriftdeutsch und wenn ich ihr Eigenschaften zuordnen sollte, wäre ich aufgeschmissen. Denn außer “ruhig” war alles irgendwie “neutral“. Und dieser Eindruck war keineswegs nur auf die unterschiedlichen Stunden zurückzuführen.
Der Clou: Das war dieselbe Frau!
Logisch, dass sich jemand in einer Powerstunde anders verhält als in einer Entspannungsstunde. Doch die Kombination „Trainer macht heftige und Trainer macht ruhige Stunde gleich hinterher“ gibt’s ja oft. Natürlich verhalten sich manche Leute vom Temperament her anders und schrauben in ruhigen Stunden etwas zurück, aber so einen massiven Unterschied habe ich noch nie erlebt.
Da ich selbst normalerweise ziemliches Bayerisch spreche, das ich je nach Gesprächspartner etwas neutralisiere oder stärker durchlasse, habe ich mir die letzten Tage überlegt, inwieweit der Dialekt als Bestandteil und Ausdruck der Persönlichkeit diese auch verfälscht, wenn man ihn ablegt.
Wieviel Ich gibt der Dialekt?
Das Interessante am Beispiel dieser Sportlehrerin war das Neutrale. Da wurde der Dialekt „neutralisiert“ und damit automatisch jegliche Wirkung, die man als Außenstehender so auffängt, fast auf ein Nichts reduziert.
Jetzt stellen Sie sich das mal in einem anderen Kontext vor. Sie sind als Selbstständiger auf einer Veranstaltung, haben einen Termin mit einem Neukunden oder halten einen Vortrag. Maßgeblich dafür, ob man auf Sie zugehen möchte und wie kompetent man Sie erlebt, ist nicht nur das, was Sie sagen und tun, sondern eben auch das Wie. Man macht sich ja von jemandem immer ein Bild. Wenn man nun mit dem Weglassen des Dialektes ein anderer Mensch ist, dann gibt man einen anderen Eindruck von sich – oder, wie im Fall dieser Sportlehrerin – irgendwie keinen.
Natürlich ist es keineswegs immer so, dass jemand, der Dialekt spricht und dann mal nicht automatisch eine völlig andere Wirkung hat. Ich würde sagen, vermutlich ist es sogar die Ausnahme. So krass habe ich es jedenfalls noch nie erlebt. Vielleicht aber habe ich es aber auch nur nicht gemerkt, weil man ja im Regelfall nicht diesen direkten Vergleich hat.
Ich glaube, dass man es selbst auf jeden Fall merkt, wenn man aufpasst:
- Macht es mir Mühe, Hochdeutsch zu sprechen?
- Drücke ich mich umständlicher oder einfach völlig anders aus?
- Bin ich so sehr mit dem „Kampf gegen meinen Dialekt“ beschäftigt, dass alle Konzentration aufs Formulieren geht?
- Fühle ich mich, wenn ich „in der Heimat“ bin oder unter dialektsprechenden Freunden oder Kollegen irgendwie anders, lockerer, extrovertierter?
- Spreche ich im Dialekt lieber - und mehr?
Wenn Dialekt ein Thema für Sie ist, dann sollten Sie sich diese Fragen mal stellen.
Stehen Sie zu Ihrem Dialekt?
Mit Anfang 20 war ich in einem Kommunikationsseminar. Damals war ich auf dem Trip, mir Hochdeutsch angewöhnen zu wollen, weil Bayerisch (und ich als Bayer darf das sagen) teilweise schon ziemlich dumm klingt. Klingt! Nicht ist! – Und jetzt gehen Sie bitte nicht auf mich los: Ich finde Bayrisch sehr lustig – aber wenn Sie einen Satz auf Hochdeutsch aussprechen und danach den gleichen Satz in einem beliebigen Dialekt, dann klingt das meistens im direkten Vergleich ziemlich amüsant. ![]()
Jedenfalls hatte ich damals einen Kommunikationstrainer, der mir das gleich wieder ausredete, indem er sagte: Dialekt ist sympathisch. Dialekt gehört zu dir. Es ist nichts, was man sich abgewöhnen müsste oder sollte.
Klar ist die Einschränkung die Verständlichkeit! Ich würde in Hamburg auch keinen Vortrag auf Bayerisch halten.
Häufig ist Dialekt zudem etwas sehr Verbindendes. Man bekommt zu anderen Dialektrednern häufig schneller einen persönlichen Draht oder der Dialekt ist ein schöner Einstieg à la „Sie kommen sicher aus ... da mach ich immer Urlaub!“ oder „Ich höre das so gerne!“
Im Dialekt lassen sich Dinge oft auch sehr viel direkter ausdrücken. Wenn ein Bayer mit einem anderen Bayern Tacheles redet, denkt man als Außenstehender manchmal, dass jetzt sicher gleich der Punk abgeht – dabei klingt das oft nur etwas grob. Alles ganz harmlos.
Wie stehen Sie zu Dialekt? Wie ist Ihre Erfahrung damit in Ihrem Geschäftsfeld?
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Anmerkungen & Kommentare
Da will ich gerne von meinen Erfahrungen berichten. Bei meinem ersten Vortrag habe ich Dialekt gesprochen und bin damit in meinem Thema aufgegangen. Ich konnte einfach richtig drauflosreden. Es sprudelte aus mir raus. Anschließend meinte eine Bekannte, die Geschäftsfrau ist, ich solle in Zukunft Hochdeutsch sprechen, weil das seriöser klingen würde. Eine andere Frau wiederum meinte, ich sei sehr authentisch rübergekommen. Hm...
Ich freue mich immer über Rückmeldungen und schaue, was sich daraus machen lässt. Deshalb habe ich experimentiert - Dialekt weglassen: Hat sich für mich selber irgendwie nicht richtig angefühlt und auch nicht richtig angehört. Ich habe festgestellt, dass ich mit Hochdeutsch die Vorträge inhaltlich auch anders aufbaue. Zwischenzeitlich bin ich wieder beim Dialekt (je nach Publikum etwas stärker oder schwächer - aber eindeutig Dialekt) - und ich muss sagen: Da fließt es einfach besser. Das ist fast so, als ob ich da mehr Wissen hätte und die Inhalte sind für mich auch viel logischer (obwohl sie dieselben bleiben, aber anders aufgebaut).
Zum bayerischen Dialekt gibt es noch ein bekanntes Beispiel: Der Kabarettist Django Asül aus Hengersberg (das liegt in Bayern an der Donau zwischen Deggendorf und Passau). Wenn er hier in der Gegend (= Deggendorf und Umgebung) auftritt, ist das für ihn ein Heimspiel und er spricht tiefstes bayerisch. Wenn er in Köln auftritt passt er seine Sprache der Verständlichkeit wegen an, aber nie so, dass er seinen Dialket verleugnen würde. Und trotz Dialekt hat er Erfolg.
Herzliche Grüße,
Sonja
Danke an Sonja und Heike für Eure Erfahrungen
es war von Reden die Sprache, nicht vom Schreiben. Da bevorzuge ich das gute deutsche Schriftbild!
Herzliche Grüße
Heike
Oft wirkt ein Dialekt aber leider auch dümmlich. Und ehrlich gesagt erwische ich mich dabei, dass ich bei 2 gleich kompetenten Personen immer den ohne Dialekt als Geschäftspartner vorziehen würde.
Ein leichter Akzent ist dagegen irgendwie sympathisch. Sei es nun fränkisch. berlinerisch oder französisch.
Herzliche Grüße,
Fabian Raschke
Ich habe nämlich nicht nur einen, sondern mehrere "Dialekte".
Eigentlich bin ich Westfälin mit allem Drum und Dran.
Aber ich wurde auch schon verdächtigt, aus Berlin, Hamburg, dem Ruhrgebiet oder Frankreich zu kommen bzw. entsprechende Wurzeln zu haben.
Das liegt daran, dass ich ein gutes Ohr habe, und mir einfach bestimmte Marotten abschaue (abhöre). Und manchmal habe ich dann offenbar eher meine Hamburg-Phase oder meine Frankreich-Phase.
(Ich selbst kriege das i.d.R. gar nicht mit, werde nur von Anrufern pp. darauf angesprochen.)
Ach ja, eine Englisch-Trainerin meinte sogar mal, ich hätte einen "Ami-Akzent". *hihi* Da habe ich ihr erklärt, dass ich früher eine Zeit lang viel Originalfilme mit Untertiteln gesehen habe. (Niederländischer Sender) Da ist der Klang einfach hängengeblieben.
Ich werde auf meinen Dialekt achten. *schmunzel*
LG Heike
Von meinen Eltern wurde mir dann vorgeworfen (als ich hochdeutsch sprach), ich meine wohl, ich sei was besseres.
Da meine Freundin (bzw. ihre Eltern) aus Schlesien kamen, schnappte ich da auch das ein oder andere auf.
Ich habe dann wohl lange Hochdeutsch gesprochen- und mir erst sehr spät bewusst wieder einen Dialekt- Einschlag erlaubt. Spätestens als BAP dann Furore machte, war Kölsch wieder in (nicht das Getränk!).
Inzwischen handhabe ich es auf Seminaren und bei Vorträgen so, dass ich bei bestimmten Worten den Dialekt einfließen lasse (dat und wat) oder meine kölsche Herkunft direkt erwähne (wenn ich mich mal wieder "verkleide" oder mit irren Requisiten auftrete- als kölsch Mädsche hat man da ja weniger Hemmungen
Denn auch privat spreche ich nicht wirklich kölsch.
Früher war es wohl noch stärker: jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutter telefonierte, wechselte ich wohl automatisch ins Kölsche, worüber sich alle daneben stehenden köstlich amüsierten. Auch das war mir nie bewusst gewesen.
Ich denke, Dialekt darf sein und kommt gut im Sinne von authentisch sein. Und in der Tat kann man manche Dinge damit besser ausdrücken.
Allerdings sollte man als Trainerin oder Rednerin für alle verständlich sein- sonst wäre es kontraproduktiv.
Ich spreche schwäbisch und als ich mehrere Jahre auf den Philippinen lebte ,in der Deutschen Schule in Manila unterrichtete, redete ich nicht den breitesten Dialekt- aber Dialekt- den jeder ,sonst kann man ja nachfragen verstand. Mit etwas langsammer Rede ist das alle mal möglich und verständlich -für den wer will.
Frnzösisch,russisch ,englisch...,überall wird Dialekt gesprochen -die Dutschen -nicht alle ,haben vielleicht ein Problem etwas was Sie meinen als allgemein gültig zu bezeichnen.Emotionen erhöhen im einen Gespräch mit dem eigene lieben Dialekt das Gesagte.
Hoch lebe jedem sein Dialekt und die liebe zum miteinander verstehen .Wir sind alle auf dem Weg zu mehr Lehrfähigkeit.
Ganz lieben Schmatz von mir . Andrea
Und ist es nicht verrückt, wie individuell wir auf Dialekte reagieren: die einen Dialekte finden wir charmant oder witzig, andere kann man nicht hören. Bleiben tut das auch nicht. In dem Moment, wo man auf positive Weise mit einem bestimmten Dialekt vertrauter wird, etwa weil ein lieber Mensch ihn spricht, dreht sich dieser Eindruck: vorher mochte man den Dialekt nicht hören, dann liebt man ihn geradezu, weil man sich "eingehört" hat oder mit der Person oder schönen Erfahrungen verbindet.
A scheens Wochnend
Gitte
Nichts für ungut
Ingrid Bittner
- Meine "Muttersprache", im wahrsten Sinne des Wortes, die ich im Kreis der Familie und in der Heimat meiner Mutter spreche
- Den Dialekt meiner Heimat, den ich mit Freunden und allgemein unter Bayern spreche
- Mein unvollkommenes Hochsdeutsch, das ich sonst spreche
Am liebsten würde ich mich von dieser "3-Sprachigkeit" verabschieden und nur noch den wunderschönen oberbayerischen Dialekt meiner Heimat sprechen, aber wenn man sich das "Switchen" einmal angewöhnt hat ist das leider nicht so einfach.
ich habe herzlich gelacht über das "Switchen zwischen 3 Dialekten". Das alleine ist ja schon eine preiswürdige Sprachnutzung.
Das mit der Umgebung - besonders, wenn die Leute alle etwas anders reden, ist wirklich eine große Beeinflussung.
Ich bin ja auch Bayer, und kürzlich fiel mir noch eine weitere Facette auf, die in diese Richtung geht. Manchmal merkt man ja, wann man es mit einem "versteckten Bayern" zu tun hat (oder natürlich auch ein anderer Dialekt). Das heißt: Man spricht mit jemandem, der hochdeutsch spricht, aber man merkt, dass das eigentlich ein Dialektsprecher im Hochdeutschgewand ist. In diesen Fällen kommt meine Sprache völlig durcheinander: Ich passe mich dem Hochdeutsch an, muss aber gegen den Dialekt ankämpfen - wodurch das Hochdeutsch völlig gekünstelt wird, weil das Bayrisch durchdrückt.
Finde ich sehr interessant, wie stark die "Muttersprache" immer noch wirkt.
Wiedaschaun!
Gitte
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da hast Du aber eine krasse Erfahrung gemacht. Meine Erfahrung hierzu: Dialekt kommt gut, wenn man authentisch ist. In früheren Jahren hatte ich auch eher versucht reines Hochdeutsch zu sprechen. Aber je älter man wird, desto authentischer wird man und steht zu seiner Sprache
Außerdem beobachte ich unsere Mitarbeiter mit ihrem pfälzischen Einschlag. Wenn die versuchen, Hochdeutsch zu sprechen, weil sie meinen, sie müssten für ihre Gesprächspartner verständlicher sein, dann wirkt das wie, wenn Sie eine ausländische Sprache sprechen wollen, die sie aber nur eingeschränkt beherrschen. Deshalb: Dialekt in Maßen, je nach Gesprächspartner etwas zurücknehmen. Mit einem Norddeutschen kommt Bayerisch ganz gut, weil zwei Welten zusammen prallen.
Ich plädiere auf jeden Fall auch dafür, zu seinem Dialekt, zu seiner Heimat zu stehen.
Viele Frühlingsgrüße
Heike