Selbstmanagement

Schuldgefühle sind ein schlechter Ratgeber

Ralf Senftleben • 16.02.2009 • email Weiterempfehlen

Als Selbstständige sind wir relativ frei darin, selbst zu bestimmen, was wir tun wollen. Schließlich haben wir keinen Chef, der die Richtung vorgibt.

Das ist zumindest die Theorie. Denn es gibt natürlich trotz unserer Selbstständigkeit manchmal Sachzwänge von außen, denen wir uns beugen müssen. Manchmal können wir es uns nicht leisten, einen Kunden zu verlieren, weil dieser einen Großteil unseres Umsatzes ausmacht. Oder manchmal müssen wir in einem ungeliebten Bereich arbeiten, weil wir es bisher noch nicht geschafft haben, in den Arbeitsfeldern genug Umsatz zu erzielen, die uns mehr Spaß machen.

Und dann gibt es noch einen Faktor, der unsere Freiheit einschränkt. Und zwar ist das unser Gewissen und jetzt wird es richtig schwierig:

  • Ich würde ja gerne diesen Kunden abgeben, weil ich mit ihm mehr Arbeit habe, als er mir einbringt, aber ich arbeite schon so lange für ihn …
  • Ich würde ja gerne meinen Vorsitz in diesem Verband/Verein aufgeben, weil mir die Sache nichts mehr bringt, aber die Leute verlassen sich ja auf mich …
  • Ich würde diese Kooperation am liebsten einstellen, aber ich will meine Kooperationspartner nicht enttäuschen …
  • Für diesen Kunden dürfte ich eigentlich überhaupt nicht mehr arbeiten, weil er gar nicht mehr in mein neues Profil passt, aber er wäre verloren ohne mich …
  • Ich würde diesen Mitarbeiter am liebsten entlassen, weil er nicht die Leistung bringt, die ich mir erhofft habe, aber in der wirtschaftlichen Lage findet er ja nie einen anderen Job und ich will nicht so ein "unsozialer Arsch" sein …

All diesen Situationen ist eines gemeinsam: Wir sind unglücklich mit der Situation und wir ändern nichts daran, weil wir auf die eine oder andere Art Schuldgefühle hätten, wenn wir es täten. Und das ist ja auch irgendwo gut so, denn das zeigt, dass uns andere Menschen nicht egal sind und dass wir mitfühlen. Und ein bisschen mehr Gewissen und Schuldgefühle würden unserer augenblicklichen Wirtschaft vielleicht ganz gut tun.

Die Sache hat natürlich auch eine Schattenseite. Denn wenn wir etwas beibehalten, nur um Schuldgefühle zu vermeiden, dann bezahlen alle Beteiligten einen Preis dafür. Nicht nur wir, sondern auch die Menschen, denen gegenüber wir Schuldgefühle empfinden.

Zum einen wirkt sich unsere Unzufriedenheit natürlich auf unsere Zusammenarbeit mit den Menschen aus und wir fangen an, mit angezogener Handbremse zu fahren. Wir senden dann doppelte Botschaften und unser Gegenüber merkt wahrscheinlich längst, dass etwas nicht stimmt und dass wir uns nur nicht trauen, ehrlich zu sagen, was uns auf der Seele liegt. Oft kommt unserer innerer Konkflikt auch auf anderen Wegen ans Licht. Unsere Arbeit ist plötzlich nicht mehr so gut, wir sind werden unzuverlässiger, vergessen Dinge. Oder anders gesagt: Wir bringen nicht mehr die Leistung, die wir eigentlich bringen könnten. Oder noch schlimmer: Wir brechen wegen einer Kleinigkeit einen großen Streit vom Zaun, damit wir einen Vorwand haben, die Sache zu beenden.

Wenn Sie also aus Schuldgefühlen in einer ungeliebten Situation bleiben, dann schaden Sie letztlich nicht nur sich selbst, sondern auch den Menschen, denen gegenüber Sie die Schuldgefühle empfinden. Sie erschaffen so also eine Situation, in der alle verlieren, eine sogenannte Lose-Lose-Situation.

Gibt es eine Alternative? Na klar, die gibt es. Die Alternative lautet: Reden Sie mit allen Beteiligten ganz ehrlich darüber, wie Sie empfinden. Sagen Sie, dass Sie eine Sache beenden möchten, warum Sie die Sache beenden möchten. Sagen Sie auch, dass Sie sich deswegen schlecht fühlen und Schuldgefühle empfinden. Und dann versuchen Sie, gemeinsam mit den betroffenen Menschen eine Lösung zu finden, die für alle Seiten akzeptabel ist.

Und oft ist die andere Seite auch irgendwie froh, dass die Angelegenheit endlich offen auf den Tisch kommt, denn meistens ahnen die anderen ja schon etwas. Oft lassen sich sogar Lösungen finden, die für alle Beteiligten letztlich besser sind als der Zustand vorher. Aber dazu müssen Sie das Gespräch suchen und Ihren Standpunkt vertreten. Natürlich ist das kurzfristig unbequemer, vermeidet aber langfristig Stress und Leid.

Wenn Sie also etwas in Ihrer Selbstständigkeit ändern möchten, Sie aber deswegen Schuldgefühle haben, dann trauen Sie sich, mit den Beteiligten darüber zu reden und eine Lösung zu finden.

Denn Schuldgefühle sind schlechte Ratgeber. Im Business. Und im Leben ganz allgemein.

Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie schon mal eine Entscheidung aus schlechtem Gewissen heraus vermieden?

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Jürgen Gräbel am 16.02.2009
Hallo Herr Senftleben, liebe Leser,
die vorstehen Zeilen kann ich nur unterstützen. Jedoch habe ich auch Verständnis, für alle, die (glauben) aus wirtschaftlichen Gründen diesen Teufelskreis nicht durchbrechen zu können.
Das Verharren in dieser gar nicht so komfortablen Komfortzone hat aber auch den Preis, dass man nicht mehr voll motiviert bei der Sache ist und die Leistung mit Sicherheit darunter leidet. Man wird nicht nur schlechter, sondern man verpasst auch die Chance für Weiterempfehlungen.
Häufig entstehen solche Situationen, wenn sich ein Selbständiger all zu sehr in Abhängigkeit von einem oder einigen wenigen Auftraggebern begibt. Daher gibt es m. E. nur eine Lösung: Frühzeitg vorbeugen und "auf mehrere Pferde" setzen.
Wenn einem all zu viel gegen den Strich geht, ist auch der Abbruch einer Beziehung manchmal durchaus sinnvoll.
Mir ist es so ergangen. Ich habe mir gesagt, bevor ich mich weiter so stark ärgere, dass ich mir meine Gesundheit ruiniere, steige ich lieber aus.
Ich konzentriere mich jetzt auf ein anderes Geschäftsfeld. Natürlich ist das mit finanziellen Einbußen (wirklich?) verbunden, jedoch geht es mir persönlich eindeutig besser. Ich kann in meinem neuen Geschäftsfeld meine Stärken ausleben, Nutzen bieten und ich fühle mich wohl.
Diesen Mut muss man sich natürlich leisten können, aber auch das gehört für mich zu den vorbeugenden Maßnahmen.
Jürgen Gräbel
Von: Jürgen Gräbel am 16.02.2009
Zu dem Stichwort :"unsozialer Arsch" möchte ich noch folgendes ergänzen. Unsozial ist es in jedem Fall, wenn ich die Entscheidung aufschiebe, mich von einem untragbaren Mitarbeiter zu trennen. Entweder gegenüber den anderen Mitarbeitern, die seine Defizite ausbügeln müssen oder gegenüber der eigenen Familie bzw. mir selbst.
Wenn ich das eingesparte Gehalt auf die anderen Leistungsträger im Unternehmen, die ja die Arbeit machen, verteilen würde, wäre das m. E. viel sozialer.
Jürgen Gräbel
Von: Gitte Härter am 16.02.2009
... Herr Gräbel, da geben Sie mir ein Stichwort: Einer meiner Kunden war vor einigen Jahren in genau so einer Lage. Seine Firma war erfolgreich, er hatte zwei Mitarbeiter eingestellt - und diese Mitarbeiter brachten nicht nur die erhoffte Leistung nicht, sondern schlamperten rum, was dazu führte, dass mein Kunde noch mehr arbeiten musste: Fehler korrigieren, selbst nacharbeiten, sicherheitshalber kontrollieren, Ärger mit Auftraggebern bekam. Gespräche führten zu nichts.

Und vor lauter Wunsch, es irgendwie ohne Entlassung hinzubekommen, hat er schon fast so lange gewartet, dass er in erste Schwierigkeiten kam. Hätte er weitergemacht, wäre seine Existenz bedroht gewesen.

Er hat schließlich beide Mitarbeiter entlassen und mit den zwei Nachfolgern sogar einen echten Glücksgriff getan. Ab da ging's wieder bergauf (und die persönliche Belastung, auch durch Nacharbeiten und Beschwerden war weg).
Von: Norbert Jothann am 16.02.2009
Hallo, Ralf!
Hallo, Gitte!
Hallo, Herr Gräbel!

Wow! Das ist ein wirklich gutes, aber zugleich auch recht emotionales Thema.

Ich finde es schön, dieses Thema hier zu finden. Mir gehen da sofort einige unrunde Erlebnisse durch den Kopf. Mir fehlt allerdings im Moment die Zeit, diese Erlebnisse hier zu schildern.

Wollte aber schon mal einen Kommentar hinterlassen, um mitzubekommen, was andere Leser zu diesem Thema zu schreiben haben.

Euch / Ihnen einen schönen Tag.

Norbert
Von: Ralf Senftleben am 16.02.2009
Herr Gräbel, was Sie schreiben kommt noch dazu, im Fall von Mitarbeitern, mit denen man unglücklich ist. Und ich glaube, dass gerade in diesem Fall ganz oft aus Schuldgefühlen entschieden wird. Ist ja auch schwierig, wenn das Leben anderer Menschen so von den eigenen Entscheidungen abhängt.
Von: Ralf Senftleben am 16.02.2009
Norbert, oh ja, das, das ist ziemlich emotional diese ganze Geschichte grin Aber letztlich hat ja alles in unserem Business / Leben mit Gefühlen zu tun.

Die Hirnforschung der letzten Jahre weist ja recht eindeutig darauf hin, dass unser Verstand nur ein Erklärungs/Rechtfertigungsmechanismus unserer Emotionen sind.

Und in meinen Augen geht es im Business ja auch viel um Gefühle: Gier, Macht, Anerkennung, Angst, Mut, Sehnsucht ... Und Zahlen / Logik sind ja oft nur dazu da, um diese Gefühle zu rechtfertigen.

Ist natürlich nur meine persönliche Philosophie.
Von: Norbert Jothann am 16.02.2009
Ich hab' das jetzt nicht noch einmal nachgeschaut, aber ich meine mich zu erinnern, daß der Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau zu dem Verhältnis von Vernunft (Zahlen, Logik...) und Gefühl gesagt haben soll:

"Die Vernunft formt den Menschen, das Gefühl leitet ihn."

Auch bei der oft zitierten Maslow'schen Bedürfnis-Pyramide des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow geht es ja vorrangig um Gefühle..., wenn man auf die Beweggründe menschlichen Strebens schaut.

Dies könnte also Deine Philosophie stützen, Ralf.
grin
Von: Manfred Hildebrand am 16.02.2009
Hallo Herr Senftleben,
ich kann Ihnen nur beipflichten das verharren in dieser nicht komfortablen
Situation macht einen krank, es kann sogar so weit führen, dass man sein eigenes mit sehr viel Mühe aufgebautes Geschäft aufgeben möchte, also einen Schnitt machen und mit neuem Elan weitermachen ist ein absolutes Muss.

Liebe Grüße Manfred Hildebrand
Von: Claudia Baier am 17.02.2009
Liebe Mitstreiter,

es hat mir sehr gut getan, hier zu lesen, dass das Problem des Verharrens in unleidigen Kundenbeziehungen auch bei anderen Selbstständigen besteht, und es hat dazu geführt, dass ich nun nicht mehr nur den Wald sehe, sondern auch mal die Bäume darin.
Nichtsdestotrotz möchte ich meine Selbstständigkeit niemals aufgeben, mag es auch noch so oft "selbst" und "ständig" bedeutet.
Wir haben wenigstens die Möglichkeit, unliebsamen Kunden oder Mitarbeitern zu "kündigen" ohne alles gleich unsere wirtschaftliche Existenz komplett aufs Spiel zu setzen - und das liebe ich so an diesem beruflichen Dasein.

Liebe Grüße Claudia Baier
Von: Ralf Senftleben am 19.02.2009
Claudia, ich glaube sogar, dass unleidige Kundenbeziehungen sehr häufig vorkommen, weil viele Selbstständige sich nicht den Luxus erlauben, nach Gefühl Kunden abzulehnen. Wobei ich glaube, dass das gar kein Luxus ist, sondern sich letztlich sogar rechnet, nicht nur finanziell sondern auch von der eigenen Kraft her und die eigene Kraft ist ja das wichtigste Gut, dass wir Selbstständigen haben.
Von: Claudia Baier am 19.02.2009
Lieber Ralf,
da kann ich dir nur Recht geben. Wenn man jedes Mal bei einer Auftragsanfrage einfach nur auf seinen Bauch hören würde, dann hätte man sicherlich ein viel befriedigenderes Leben. Aber nur zu oft macht man die berühmte Milchmädchenrechnung, sei es, weil die finanzielle Situation es scheinbar gerade erfordert (und wann tut sie das mal nicht grin), sei es, weil man den Referenzen noch ein paar Highlights hinzufügen möchte. Dummerweise sind diese Jobs aber meistens genau die, die eine Menge zusätzliche unbezahlte Zeit und noch mehr Nerven kosten. Manchmal sogar ein Stück Selbstachtung.
Seitdem ich mir den "Luxus" erlaube, manche Aufträge abzulehnen, geht es nicht nur meinem Konto besser.
Allen einen schönen Abend
Claudia Baier
Von: Gitte Härter am 19.02.2009
... in diesem Zusammenhang der Hinweis auf zwei Artikel von mir:

Ein komisches Gefühl? - Bitte hinhören!
Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie schon mal ein komisches Gefühl bei einem neuen Auftrag - oder generell in einer Kundenbeziehung - hatten, ist recht hoch. Vielleicht ignorieren Sie das Alarmglöckchen und überzeugen sich innerlich, dass das bestimmt nichts zu bedeuten hat - nur um sich im Nachhinein an die Stirn zu hauen: "Ich hab's noch geahnt ...!"

Potenzielle Kunden abklopfen
Als Selbstständiger brauchen Sie Aufträge. Doch das ist nicht alles. Denn wer und wie Ihre Kunden sind, ist genauso relevant! Verstehen Sie sich mit Ihren Kunden nicht, sind Sie aufgrund bestimmten Verhaltens genervt oder wird der Erfolg Ihrer Leistung boykottiert, weil Ihre Kunden nicht mitarbeiten - was für viele Leistungen Voraussetzung ist - werden Sie nicht nur nicht so gut sein wie Sie können. Sondern es kann Ihnen auch passieren, dass Sie Ihren Beruf nur ungern ausüben.

 

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