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Rikscha-Betrachtung

Gitte Härter • 13.09.2010 • email Weiterempfehlen

Nachdem ich acht Tage lang fast nur krank rumgelegen bin, habe ich gestern den schönen Sommertag genutzt, mich zur Abwechslung mal wieder zu bewegen und Sauerstoff zu tanken. Eine gute Idee! Denn so konnte ich für Sie eine Rikscha-Feldstudie durchführen.

Natürlich geht es hier nicht nur um Rikschas. Eh klar. Schauen Sie mal, wie Sie meine Beobachtungen auf Ihr Business anwenden können.

Ich weiß gar nicht, seit wann es hier in München diese vielen Rikschas gibt. Entweder sie sind noch relativ neu oder ich habe sie einfach bisher nie wahrgenommen. Jedenfalls ist gerade in der Innenstadt ein starker Wettbewerb: Unzählige Rikschas warten auf dem Marienplatz und ständig kommen neue dazu. Gestern habe ich das Ganze mal eine Stunde lang beobachtet.

Die Wartezeiten sind relativ lange. Umso interessanter war es, sich die Rikschas und vor allen Dingen das Verhalten der Fahrer genau anzusehen. Von den ca. fünfzehn Rikschas, die nebeneinander geparkt haben, sind mir drei ganz besonders in Auge gestochen. Und das ist das Bemerkenswerte. Denn was wir kleinen Unternehmen in erster Linie schaffen müssen, ist genau das: Aus der Masse der Mitbewerber erst einmal hervorstechen, um überhaupt wahrgenommen werden.

Warum sind drei Rikschafahrer hervorgestochen? Was haben sie anders gemacht als die vielen Kollegen?

1. Eine variierte Leistung

Die Rikschas sahen mehr oder weniger gleich aus. Also nicht nur „vorne Fahrrad, hinten Zweisitzer mit Dach“, sondern ich konnte drei verschiedenfarbige Modelle ausmachen. Ob es unterschiedliche Unternehmen waren, kann ich nur vermuten.

Eine Rikscha fiel völlig aus dem Rahmen: Es war eine Art Fahrradbus. Ein gewaltiges Gefährt, das neben dem Rikscha-Fahrer fünf weitere Plätze bot: ein Beifahrersitz und gleich zwei hintereinander angebrachte Zweiersitzbänke. Der Clou: Bei dieser Rikscha tritt jeder in die Pedale. Man lässt sich nicht nur fahren, sondern fährt aktiv mit.

Das - plus der Vorteil, dass dieser „Rikscha-Bus“ mehr als nur zwei Personen mitnehmen kann, hat diesen Anbieter natürlich sofort komplett aus der Masse herausgehoben. Es war auch die Rikscha mit der kürzesten Wartezeit während meiner Beobachtung.

2. Ein besonderes Aussehen

Wenn die Leistung gleich ist, kann man durch das Aussehen hervorstechen. Einer der Rikschafahrer fiel mir im Gewimmel auf dem Marienplatz sofort ins Auge: er hatte eine Glatze und trug ein schwarzes T-Shirt mit einem auffälligen Aufdruck. Also nichts Besonderes, aber anders als die Uniform, die alle anderen Fahrer trugen: helles T-Shirt, helle Shorts.

Das ist denkbar banal. Aber stellen Sie sich jetzt mal eine Messe vor oder Kundenpräsentationen, bei denen alle die typische Business-Uniform tragen. In anderen Branchen ist es die Jeans und der Rollkragenpullover.

Das heißt nicht, dass Sie sich eine Glatze rasieren sollen oder besonders extravagant aussehen. Ich habe vor vielen Jahren mal eine IT-Trainerin kennengelernt, die immer in einem giftgrünen Kostüm zu Vorträgen und Messen ging. So stach sie garantiert farblich hervor und die Leute sprachen sie oft Jahre später an: „Ach: Sie sind ja die grüne Frau! Ich kenn‘ Sie!“.

3. Präsentes Warten und auf potenzielle Kunden zugehen

Das Wichtigste aber war die Art und Weise, wie die Rikscha-Fahrer gewartet haben. Die einen haben sich zu Gruppen zusammengerottet und miteinander gesprochen, während ihre Rikschas leer einige Meter weit weg standen. Andere haben sich auf die Sitzfläche gesetzt, die Augen geschlossen und sich gesonnt oder sich etwas zu essen geholt und offensichtlich Pause gemacht. Einige wenige blieben auf ihrem Fahrrad sitzen und warteten ab.

Ich habe nur einen einzigen Fahrer beobachtet, der vollkommen präsent war: er saß auf dem Fahrrad, nahm andauernd Blickkontakt mit Passanten auf, lächelte, sprach sie an und deutete gleichzeitig auf die Sitzbank hinter ihm.

Der Mann hat viele Körbe kassiert, aber er war auch einer der ersten, der wieder Passagiere bekam.

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Jens Petersen am 13.09.2010
hallo gitte,

zunächst mal wünsche ich dir gute besserung!
du bist wirklich ein ass und machst auch dann noch scharfsinnige beobachtungen, die für uns nützlich sind, wenn du gesundheitlich angeschlagen bist - hut ab!
ich lese deine beiträge immer mit großem interesse, auch wenn ich lange nicht geantwortet habe.

vielen dank, liebe grüße und alles gute
jens
Von: Jacqueline am 13.09.2010
Toll beobachtet!
Herzlichen Dank für diesen interessanten Einblick!
Von: Curty Isaelle F. am 13.09.2010
Ein herzliches Grüezi aus der Schweiz, liebe Frau Härter!

Vielen Dank für den interesanten und gleichzeitig amüsanten Beitrag zu den Rikscha-Fahrern.

Gerne ergänze ich Ihre Zeilen, mit der Tatsache, dass ich eine bekennende Hutträgerin bin. Bei mir heisst es dann nicht, "die mit dem grünen Kleid", sondern: "die mit dem schicken Hut".

In diesem Sinne, bin ich absolut Ihrer Meinung: "Als Unternehmerin muss frau sich einfach etwas einfallen lassen und ganz nach der Devise "AAA" leben. Eben, "Anders als andere".

Mit herzlichen Grüssen

Isabelle F. Curty
Von: Eva Holleitner am 13.09.2010
Hallo,

Interessant; der letzte Satz ist in meinem Augen der beste! Ich nenne es für mich: "Für jede Tür die sich schließt, öffnet sich eine Neue"! Immer dranbleiben und einen Korb oder Ablehnung oder ein Nein bei der Ansprache NIE persönlich nehmen!!
Schönen Montag
Von: Rena Berger am 13.09.2010
Hallo Gitte, wieder ein interessantes, schönes Thema von dir am Montag. Ich freu mich drüber. Dir wünsche ich aber auch gute Besserung, werde einfach wieder rundum gesund!

Ja, man muss sich schon etwas einfallen lassen, damit man so oder so.. ob vielleicht mit Kleidung oder anders-farbige Flyer aus der Masse hervorsticht. Und nicht jeder gibt einem einen Korb..

LG Rena Berger
Von: Monika Birkner am 13.09.2010
Liebe Frau Härter, auch von mir die besten Wünsche für Ihre Gesundheit.

Solche Beiträge wie diesen, die die Brücke schlagen von einer Branche zur anderen, liebe ich.

Der dritte Punkt gilt auch für Taxifahrer. Die meisten warten passiv auf ihre Kunden, putzen allenfalls in der Zwischenzeit den Wagen. Früher war ich des Öfteren beruflich in Frankreich. Jeder (!) der Taxifahrer, die mich vom Flughafen zu meinem Ziel brachten, versuchte sofort, die Rückfahrt unter Dach und Fach zu bringen. Manche versuchten auch sofort einen Abholtermin für meine nächste Reise auszumachen. Hier ist das eher die Seltenheit.

Und was für Rikscha- und Taxifahrer gilt, lässt sich auf viele weiteren Branchen übertragen. Hier ist noch viel, viel Potenzial. Man darf es sich nicht zu einfach machen und darauf warten, dass die Kunden von alleine kommen.
Von: Amos Ruwwe am 13.09.2010
Die mit dem grünen Kleid, das hat was! Die persönliche Note, sich ausdenken,kreieren,ausprobieren, aushalten. Das Aushalten ist schwer. Das Aushalten wie die persönliche Note den so ankommt, für andere und viel noch schwerer für mich. Wann breche ich das ab?
Für mich habe ich die Erfahrung gemacht, die persönliche Note kann nur mit mir identisch sein, nicht verkleiden, nicht einen Matzen mache, so wie ich bin! Das mit den Taxifahrern ist das schwierig. 5 Jahre in Berlin habe ich als Droschkenfahrer gelebt,Gitte hätte ich auch sich gerne mitgenommen. Ist die Mehrzahl von Rischka eigentlich Rischken?
Von: Gitte Härter am 14.09.2010
Hallo zusammen,

herzlichen Dank für die vielen Kommentare, das Lob und die guten Wünsche (die kann ich sehr gut brauchen: hänge immer noch etwas in den Seilen).

Das ist mal wieder so ein Text für mich, wo mich die Resonanz sehr überrascht - neben den Kommentaren sind noch einige E-Mails dazu bei mir eingetrudelt. Interessant!

@Isabelle
"Die mit dem schicken Hut" ist ein tolles ergänzendes Beispiel. So ist es ideal: Sie tragen es gerne und es hat so einen guten Effekt.

@Frau Birkner
Das kenne ich auch mit einigen wirklich findigen Taxifahrern, die sich um die Rückfahrt kümmern, ihre Karte rausgeben. Im Gegensatz zu den Trantüten-Fahrern oder Ärgernissen, die man als Taxipassagier oft so auszuhalten hat (umgekehrt allerdings sicher auch!).

@Amos
In puncto Aussehen/persönliche Note hast Du ja Erfahrung mit Deinem "Rauschebart" wink - und natürlich: nie etwas mit der Brechstange und nie etwas, das nicht zu einem passt. Manchmal heißt das einfach, sich treu zu bleiben. Ich bin zum Beispiel ein Jeans und T-Shirt-Mensch ohne Fönfrisur - wenn Du mich in ein Businesskostüm stecken würdest, würde ich mich wirklich sehr unwohl fühlen. Oft ist es einfach auch eine Normalität, die man sich erlaubt: So sein wie ich bin. Das hat dann sogar doppelten Nutzen.

Rikschas ist tatsächlich die Mehrzahl. Ob es - wie bei Pizzas/Pizzen - auch "zulässig" ist Rikschen zu sagen, weiß ich allerdings nicht. Vermutlich schon, weil es so eine Ableitung eines fremden Wortes ist. Da kann uns vielleicht ein/e mitlesende/r Lektor/in helfen.

Einen schönen Nachmittag
Gitte
Von: Gerit Neumann am 14.09.2010
Hallo Gitte,
auch von mir gute Genesungswünsche, man merkt erst, wenn einen ne Krankheit umhaut, was man hat, wenn man nichts hat!
Aber wenn dabei sowas, für uns alle, interessantes rauskommt, gratuliere.
Ich denke auch öfter nach, wie man sich an mich erinnert und bei nächster Gelegenheit sagt, ach da gab es ja noch den Büro- und Sortierservice und mir dann den Karton mit den Belegen zum Ordnen überläßt.
Aber wie gesagt, man muß im Gespräch bleiben oder durch "Besonderes" auffallen. Also nutzen wir Deine Anregung.
Abendliche Grüße in die Runde sendet Gerit N.
Von: Susanne am 15.09.2010
Hallo zusammen!
während meiner Lehre als Buchhändlerin vor Urzeiten gab es in der Buchbranche eine richtige Legende:
eine Verlagsvertreterin (das sind die welche die neuen Bücher der Verlage bei den Buchhändlern anpreisen/verkaufen) - so eine richtige DAME - kam IMMER in der Luxuskarosse vorgefahren, mit jungem, gutaussehendem Chauffeur, welcher ihr selbstverständlich auch den Vertreterkoffer bis ins Geschäft an den Besprechungstisch brachte...
Damit sie auch nach ihrem Besuch noch in bleibender Erinnerung blieb, legte sie ein starkes Parfum auf.
Auf diesen coolen Auftritt haben wir jungen Azubis jeweils richtig gewartet! grin
Von: Anne Fischer am 15.09.2010
Liebe Betrachter,

als preisgekrönte Stadtführerin, die auch immer wieder gerne mit bestimmten Rikscha-Fahrern zusammenarbeitet, ein kleiner Zusatz zum Arbeitsplatz Marienplatz:

sicherlich gilt es zu unterscheiden zwischen den Selbständigen, Studenten, Angestellten, die auch jeweils unterschiedlich seit etwa 15 Jahren die Wertschöpfungskette am Marienplatz auffädeln - sei es mit Personenfahrten oder als Werbeträger (vgl. hierzu auch Werbeeffekt der Brauereien auf der Wiesn, der ja höher einzustufen ist als der eher beiläufige Ausschank von 6 Mio Litern Bier während der verrückten zwei Wochen).

Das Ermutigende hieran: mit der richtigen Strategie kann auch ein "Kleiner" größer werden, besonders dann, wenn Münchens Bürgermeister hinter der Idee einer autofreieren Stadt stehen, siehe auch Streetlife Festival.

Liebe Gitte, weiterhin gute Besserung - und der Gutschein ist schon unterwegs!
Von: Gitte Härter am 16.09.2010
Herzlichen Dank zusammen für die interessanten Ergänzungen + guten Wünsche!
Von: Angela Braun am 20.09.2010
Liebe Gitte,

ich habe Ihren Anstoss genutzt und bei der Präsentation meiner Heilpraktikerpraxis bei einer kleinen Gewerbeschau umgesetzt:
Ich war präsent am Stand, hab die Besucher mit Blicken oder auch Worten aufgemuntert, bei mir Halt zu machen und ich hatte einen äußerst erfolgreichen Tag mit vielen Kontakten (es ging mir ums gegenseitige Kennen lernen, um das sichtbar machen, dass es mich gibt und was ich anbiete).
Als ich mich nach etwa 5 Stunden mit meiner Standnachbarin hinsetzte, um zu verschnaufen, konnte ich direkt sehen, wie sich das auswirkt: Die Besucher warfen einen kurzen Blick rüber, blieben jedoch nicht stehen, um sich eingehender zu informieren.
Selbst geht es mir an einer Messe auch so: Ich "erwarte" von den Standbetreuern, dass sie präsent sind und die Besucher aktiv ansprechen oder mit Blicken einladen, sich näher heran zu wagen. Messehostessen, die plaudernd auf den für die Besucher gedachten Stühlen sitzen und nicht mal aufschauen, wenn ein potentieller Interessent stehen bleibt, lasse ich gleich links liegen.

Liebe Grüße,

Angela Braun
Von: Gitte Härter am 21.09.2010
Dankeschön, Frau Braun: Das ist ja super, dass Sie Ihre eigenen Beobachtungen hinsichtlich der Präsenz auf der Messe hier schildern. Da kommt noch viel unmittelbarer rüber, wie sehr man selbst doch begünstigt oder - oft ohne es zu merken - "abschreckt". Besonders bei solchen Veranstaltungen, wo man extra hingeht, um gesehen zu werden und neue Kontakte zu knüpfen.

Da fällt mir gerade das andere Extrem zu ein: letztens stehe ich in einer Eisdiele und gehe vor der etwa 4m langen Theke hin und her, um mir erstmal einen Überblick zu verschaffen. Obwohl ich sagte, dass ich erstmal schaue, ist mir der etwas übereifrige Verkäufer wie ein Spiegelbild jeden Zentimeter nach links und rechts gefolgt. Ich fühlte mich richtig belagert. grin

Viele Grüße
Gitte Härter

 

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