Motivation und Ausgleich

Problemfreie Zonen schaffen

Christine Öttl • 11.07.2008 • email Weiterempfehlen

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen Freiräume und Zeiten, die eigentlich für Erholung und Spaß bestimmt sind, nicht dafür nutzen. Weil sie ihre Schwierigkeiten und Probleme nicht hinter sich lassen, sondern in die Freizeit mitnehmen.

Zum Beispiel:

  • sich beim Abendessen mit Partner/Familie oder Freunden über schwierige Kunden beklagen,
  • im Fitnessstudio bis zum Beginn der Gymnastikstunde über unangenehme Erlebnisse sprechen,
  • sich im Schwimmbad, in der Sauna oder während der Konzertpause über Schwierigkeiten unterhalten.

Das ist schade, denn so werden die unangenehmen und schwierigen Dinge richtiggehend am Leben erhalten, man kommt nicht zur Ruhe, kann nicht abschalten und die Freizeitaktivitäten gar nicht so richtig genießen. Doch genau das ist wichtig, um eine gesunde Distanz zu Problemen zu bekommen, sich vom Alltagsstress zu erholen und Energie zu tanken.

Achten Sie darauf, Ihre Freizeitaktivitäten ganz bewusst von Problemen freizuhalten und im positiven Sinne für sich zu nutzen.

Damit meine ich natürlich nicht, dass Sie Schwierigkeiten unter den Teppich kehren und sich nicht mit jemandem aussprechen sollten. Aber dafür gibt es viel bessere Gelegenheiten: Setzen Sie sich lieber nach dem Sport/Kino o. Ä. zusammen und nutzen Sie das gemeinsame Gespräch, um konstruktiv über Probleme (und mögliche Lösungen zu sprechen), oder machen Sie gezielt einen Termin aus, um sich über Schwierigkeiten auszutauschen.

Verbannen Sie das Problemewälzen ganz bewusst und aktiv aus Ihrer Freizeit. Besonders wenn Sie gerade sehr belastet sind, ist es wichtig, dass Sie sich eine möglichst spannungsfreie „Gegenwelt“ schaffen und diese kultivieren.
Zum Beispiel, indem Sie:

  • Selbstgespräche führen, bevor Sie in den Feierabend starten: “Mein Kopf schwirrt noch, aber jetzt habe ich frei und werde den Abend so richtig genießen. Morgen bin ich wieder frisch und dann befasse ich mich mit der Sache xy.
  • beim Treffen mit einem Freund/einer Freundin explizit sagen, wie es Ihnen geht, und sich beim „Runterkommen“ helfen lassen: “Heute war ein total anstrengender Tag. Ich bin noch richtig angespannt, merke ich gerade. Puh. Erst mal tief durchatmen. Erzähl mir doch was Schönes ...
  • sich ganz bewusst auf das konzentrieren, was Sie gerade tun, und Ihre Aufmerksamkeit gezielt darauf richten (z. B. auf das Buch, das Sie lesen, das Fenster, das Sie putzen, Ihren Körper und Ihre Atmung, während Sie gymnastische Übungen machen oder laufen, usw.)
  • wachsam sind und immer wieder darauf achten, was in Ihnen vorgeht
  • sich gezielt ins Hier und Jetzt zurückholen, wenn Sie sich dabei ertappen, dass Ihre Gedanken abdriften und sich Schwierigkeiten und Probleme in Ihrem Kopf breitmachen.

Auch wenn Ihr Gesprächspartner Probleme ins Spiel bringt, was häufig einfach eine Angewohnheit ist, können Sie gegensteuern und frischen Wind reinbringen. Indem Sie beispielsweise etwas sagen wie “Mir ist aufgefallen, dass wir oft nur über Negatives reden, und das tut mir einfach nicht gut. Lass uns doch mal über positive und schöne Dinge reden!” oder “Ich merke, dass dich diese Sache total belastet und möchte dich wirklich gerne dabei unterstützen, eine Lösung zu finden. Lass uns doch jetzt den Film genießen und danach setzen wir uns zusammen und sprechen intensiv über dein Problem, ok?

So haben Sie (alle) viel mehr davon, als wenn Sie zulassen, dass Schwierigkeiten und Probleme sich auch in Ihrer Freizeit breitmachen.

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Norbert Jothann am 12.07.2008
Hallo, Frau Öttl!

Ihrer These beziehungsweise Aufforderung, wonach man darauf achten soll, seine „Freizeitaktivitäten ganz bewusst von Problemen freizuhalten und im positiven Sinne für sich zu nutzen“, stimme ich grundsätzlich zu. Ich strebe auch danach, genau in diesem Sinne zu handeln. In den meisten Fällen gelingt es mir.

So sind meine Frau und ich im April von Hamburg aus für einen Tag an die Nordsee gefahren. Mit dem Auto. Nur Land- und Bundesstraßen. Wir haben uns während der Fahrt auf die Felder, die Dörfer, die wenigen Menschen und Radfahrer am Wegesrand, die Obst- und Kartoffelstände, die Tiere auf den Weiden, die Menschen auf den Feldern und auf viele andere schöne Dinge, die wir sahen, konzentriert. Und als Fahrer natürlich auch auf die Straße selbst… wink

An der Nordsee angekommen, haben wir uns, nach einem sehr langen Spaziergang am Strand, mit Picknickkorb und Decke auf einen Deich gesetzt. Wir haben den Schiffen, den Möwen, den Spaziergängern, den Wolken und den anbrandenden Wellen zugeschaut. Wir haben den Tag genossen. Es war wie ein kleiner Urlaub. Relativ weit weg von allem und jedem. Kein Computer, kein Telefon, kein Alltag.

Mein Bekannten- und Freundeskreis setzt sich vorrangig aus Menschen zusammen, die keine Neun-Bis-Siebzehn-Uhr-Berufe haben, sondern zu sehr unterschiedlichen Zeiten, an Wochenenden, bis spät in die Nacht hinein und auch in wechselnden Städten arbeiten. Einer geht seinem Beruf derzeit sogar hauptsächlich in Hongkong nach.

Wenn ich mich mit diesen Menschen treffe, bleibt es nicht aus, dass wir während unseres Zusammenseins über Probleme sprechen. Hier ist es oftmals nicht möglich, sich zu zwei Terminen zu treffen. Einen Termin für Probleme und einen Termine nur für die schönen Inhalte. Der nächste Termin könnte erst wieder in zehn bis zwölf Monaten sein. An diesem einen Termin wird dann über das gesprochen, was ansteht. Allerdings sprechen wir auch nicht von „Problemen“, sondern von „Herausforderungen“, vor denen wir stehen oder gestanden haben.

Unsere Treffen sind somit auch eher strukturiert. Am Anfang berichten wir uns zumeist von heiteren Erlebnissen. Danach kommt dann der ernstere Teil. Zum Abschluß sprechen wir über die Dinge, auf die wir uns freuen, die wir erreichen wollen und von denen wir begeistert sind.

Zwischen diesen Treffen halten wir uns, wenn nötig, per E-Mail, SMS oder Telefon auf dem Laufenden.

Meine Frau und ich erzählen uns gegenseitig von unseren beruflichen und persönlichen Hochs und Tiefs. Wenn wir uns unsere Tiefs erläutern, kommt es allerdings mehr einem „noch einmal Revue passieren“ gleich. Hierbei kann der/die Erzählende noch einmal laut darüber reflektieren, was passiert ist. Zumeist finden wir dann Lösungswege für die aktuellen, aber auch für künftige, ähnliche Situationen. Damit ist dieses Thema dann aber auch „vom Tisch“.

Herzliche Grüße aus Hamburg

Norbert Jothann
Von: Christine Öttl am 13.07.2008
Hallo Herr Jothann,

vielen Dank für Ihre schönen und persönlichen Schilderungen. Kann ich mir gut vorstellen, wie intensiv und erholsam die Zeit an der Nordsee für Sie und Ihre Frau war: Sie haben bestimmt richtig aufgetankt und werden sich immer wieder gerne daran erinnern.

Die Treffen und Gespräche mit Ihren Freunden und auch der Austausch mit Ihrer Frau über Arbeitsthemen laufen, wenn ich es richtig verstanden habe, ganz bewusst so ab und sind speziell dafür da, um über diese Dinge zu sprechen und gemeinsam Ideen und Lösungen zu finden. Die Gefahr, dass Sie - ohne es so richtig zu bemerken und aus Gewohnheit - in Problemen stecken bleiben, sehe ich bei Ihnen ganz und gar nicht... Ist doch wunderbar!

Viele Grüße und machen Sie es gut

Christine Öttl

 

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