Selbstmanagement

Offener Brief an alle Hamster

Gitte Härter • 08.02.2010 • email Weiterempfehlen

Liebe Hamsterinnen und Hamster,

während ein Hamster in seinem Laufrad seinen enormen Bewegungsdrang auslebt und mit Freude rennt und rennt und rennt, ist für uns Selbstständige das Gefühl, im Hamsterrad zu stecken, nur mit Anstrengung und Stillstand verbunden.

Wenn Sie beim Lesen der Überschrift aufgemerkt haben, weil „das was für Sie“ ist, dann lade ich Sie heute ein, sich Ihr Hamsterrad mal etwas näher anzuschauen. Denn Sie wissen ja: Je konkreter Sie hinsehen, desto eher zeigen sich bereits erste Lösungsansätze.

Sind Sie einfach angestrengt und ausgelaugt?

Man kann noch so viel Freude an seiner Arbeit haben: Wenn man es übertreibt, geht es nach und nach einfach an die Substanz. Erst recht, wenn Sie noch weitere Lebensbereiche haben, denen Sie gerecht werden wollen oder die Sie rein zeitlich fordern, zum Beispiel ein Familienleben.

Arbeiten Sie sich tagein, tagaus „den Arsch ab“?

Sind Sie irgendwie im Lauf der Zeit in eine richtige Tretmühle geraten? Und arbeiten, arbeiten, arbeiten, damit gerade so alles läuft, aber eine Pause ist gar nicht drin?

Das ist häufig bei Selbstständigen der Fall, die für Zielgruppen arbeiten, die schlecht bezahlen, oder die einzelne Kleckerlesaufträge bedienen. Nehmen Sie das Beispiel eines Trainers, der für Bildungseinrichtungen oder Verbände arbeitet und dafür niedrige dreistellige Euro-Beträge pro Tag bekommt, während er, würde er die gleiche Leistung in einem Unternehmen anbieten, das Vierfache davon bekäme. Oder nehmen Sie alle Leute, die für Stundensätze arbeiten oder mit preisgünstigen Waren handeln, wo es nur über die Masse geht.

Hat sich Routine breitgemacht?

Manchmal sind es die schiere Wiederholung und Gleichheit, die Monotonie und Lustlosigkeit mit sich bringen. Das ist die Kehrseite von Sicherheit und dass es einem leicht von der Hand geht, wenn man sein Metier in- und auswendig kennt und „alles schon mal da war“.

Vielleicht arbeiten Sie schwerpunktmäßig für einen Kunden oder haben zwei, drei fortlaufende Aufträge, die zwar gutes Geld bringen, die Sie aber auch im Schlaf machen. Ein Grafiker beispielsweise, der nur noch Texte setzt, anstatt richtig zu gestalten. Oder ein Computermann, der seit vielen Jahren für einen großen Kunden das Netzwerk betreut. Alles schon mal da gewesen! Ich könnte Sie nachts um 3 Uhr wecken, und Sie könnten sofort an die Arbeit gehen.

Fühlen Sie sich fremdbestimmt?

Eine anderer Grund, warum man sich oft im Hamsterrad gefangen fühlt, ist die Fremdbestimmtheit: wenn Kunden oder feste Termine den Rhythmus vorgeben und keinen Freiraum lassen. Wenn Sie vielleicht seit Jahren nicht recht wissen, wie Sie in Urlaub gehen sollen, weil Sie die Vertretung nicht geregelt bekommen oder glauben, dass Ihnen Kunden davonlaufen, wenn Sie mal nicht erreichbar sind.

Begrenzen Sie sich selbst?

Es kann auch sein, dass Ihr Hamsterradgefühl daher kommt, dass Sie sich nicht an Veränderungen herantrauen: aus dem, was gut läuft, auszubrechen – die Segel neu zu setzen oder auch, sich andere Zielgruppen oder Leistungen zutrauen. Da bleibt man dann „bei seinen Leisten“, anstatt sich zu fordern und aus der Komfortzone herauszukommen. Sicher ist nun mal sicher. Und das ist total menschlich: Das Gewohnte gibt uns Sicherheit, und Veränderungen sind immer ein Unsicherheitsfaktor: Wie wird es sein? Werde ich es können? Wird es klappen?

Nie sofort zur Lösung springen!

Etwas, das Sie von mir immer wieder hören, ist der Appell, nicht sofort zur Lösung zu springen, sondern sich länger mit der Frage aufzuhalten.

Darum nehmen Sie sich doch heute oder am Wochenende eine halbe Stunde Zeit für sich: Machen Sie es sich mit Stift und Block gemütlich (vielleicht gehen Sie dafür ins Café) und schauen Sie sich mal die „Beschaffenheit“ Ihres Hamsterrades näher an:

  • Trifft einer der obigen Punkte zu oder ist es eine Mischung davon? Welche? Wie sieht Ihr Hamsterrad genau aus?
  • Welche Teile davon sind „eigentlich“ in Ordnung? Und wo sind die Aspekte, die anstrengend sind?
  • Manchmal ist es auch so, dass man sagt: „Wenn xy nicht wäre …“ Wenn was nicht wäre? Was wäre dann?

Es wird Ihnen guttun, sich mal ganz bewusst damit auseinanderzusetzen, was anstrengt und was nicht so toll ist. Sammeln Sie Erkenntnisse – und vielleicht haben Sie schon die eine oder andere Idee. Dann lassen Sie es liegen und schauen sich Ihre Antworten nach einigen Tagen noch mal an, um sie weiter zu ergänzen. Diese „zweite Gedankenwelle“ bringt oft die wertvolleren weiteren Stichpunkte und Ideen.

Erst danach schauen Sie, was Sie davon herausgreifen und verändern möchten. Dann fällt es Ihnen auch leichter, auf „Lösungsmodus“ zu schalten.

Hatten Sie auch schonmal so ein Hamsterradgefühl? Wie sind Sie rausgekommen?

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Anke Stockhausen am 08.02.2010
das Gefühl habe ich aktuell, weil ich etwas ausgelaugt bin, zu viel Train the Trainer Seminare etc. Gutes Geld aber eben anstrengend (ja ich weiß, da könnte ich auch ansetzen wink. Ich habe mit dem Gitarre spielen (Kurs mit anderen) begonnen, was ich mir schon seit Jahren vorgenommen hatte. Für manche mag das eine zusätzliche Belastung sein, mir macht es hammer Spaß, zwischendurch und abends zu klampfen. Ich nehme meine Gitarre auch mit ins Hotel- sieht cool aus wink, sorgt für small talk in der Lobby und ich kann abends schrummeln und singen- das entspannt mich!

einen flotten Start in die Woche allen!
Anke Stockhausen
Von: Monika Knauer am 08.02.2010
Jaja, das Hamsterrad-Gefühl...den Sprung aus dem "großen" Hamsterrad habe ich durch das Aussteigen aus der Angestellten-Stelle gewagt und geschafft, da war es u.a. die Fremdbestimmung, auch Routine, aber v.a. die schlechte Stimmung im Team, die mich am Rad drehen ließen.
Natürlich bringt auch die Selbständigkeit Streßzeiten und Zerreißproben, gerade was das innere Gefühl des "allem gerecht werdens" - Arbeit mit Aquise, Familie, eigene Oasen... - betrifft. Aber das Gefühl der gewissen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind mir grad enorm wichtig und wertvoll. Das schmälert das Hamsterrad-Feeling enorm!
Ich glaube es ist enorm wichtig, sehr achtsam zu sein und erste Anzeichen von wachsenden Hamsterzähnen wink zu beachten...dann ist der Ausweg noch leichter und erfordert nicht so einen extremen Um-Bruch.

Schönen Tag und eine gut gelaunte Woche für euch alle!
Monika
Von: Amos Ruwwe am 08.02.2010
Sind es nicht eher die Backen beim Hamster, auf die geachtet werden sollten, nicht die Zähne? Da stopft der Hamster sich gerne mal was rein, so für später oder auch nur, weil gerade soviel davon da ist. Kleine Kinder machen, wenn sie gegessen haben ein Bäuerchen und schon ist gut. Wer mit Hamsterbacken rumläuft, wahrscheinlich eben in diesem Hamsterrad, da ist das mit dem wohltuendem Bäuerchen schwierig.Ein Hamsterrad entspricht nicht der natürlichen Umgebung eines Hamsters, ist also gänzlich fremdbestimmt, eingesperrt, gefangen. Das Rädle habe ich aber mit sowas von einem Satz verlassen, als ich in die Selbstständigkeit ging, das ich noch bis heute vor Freude darüber durch die Welt purzel.
Von: Beatrice Legien-Flandergan am 08.02.2010
Das Hamsterrad-Syndrom ist derzeit ein großes Thema vieler Menschen. Auch ich war im Hamsterrad gefangen in der Zeit als ich noch Angestellte war, bis mein Körper mir ein starkes Zeichen gab. Ich hatte mit Vehemenz für die Ziele anderer geschufftet und glaubte, es musste so sein. Zum Glück hat mein Körper dieses starke Signal gesendet, woraufhin ich ins Nachdenken kam und nach und nach Veränderungen einleitete.

Als Selbstständige fühle mich heutzutage viel freier und besser trotz aller damit verbundenen Herausforderungen. Das Positive an meinen Erfahrungen ist, dass ich daraus viele Erkenntnisse gewonnen habe, die ich auch in meine Selbstständigkeit einfliessen lassen konnte.

Dennoch ist es immer wieder wichtig, von Zeit zu Zeit zu reflektieren, wie man unterwegs ist, um nicht plötzlich wieder aus dem Lot zu geraten.

Ich wünsche allen noch einen angenehmen Tag und herzliche Grüße

Beatrice Legien-Flandergan
Von: Gitte Härter am 08.02.2010
... ganz herzlichen Dank für die Ergänzungen, Erfahrungen und schon konkreten Anregungen. Das Thema betrifft viele (ich habe auch schon einige E-Mails darauf bekommen), und so freue ich mich, wenn wir da vielleicht noch ein paar Erfahrungen oder Anregungen bringen - gerne auch schöne Buchtipps dazu.

Über die wachsenden Hamsterzähne bzw. die Frage, ob es nicht eher die Backen sind, auf die man aufpassen sollte, habe ich schallend gelacht. Das muss man sich mal alles beim Lesen bildlich vorstellen grin
Von: Petra Bergermann am 08.02.2010
Mein Hamsterrad (eines von mehreren hintereinander, man liebt ja die Abwechslung !!!) war zuviel Arbeit für zu wenig Geld. Da habe ich mir dann folgendes überlegt: wie finde ich die Kunden raus, für die es sich zu arbeiten lohnt und auf welche kann ich locker verzichten? Schliesslich bin ich selbständig und kann mir meine Vertrags-Partner auswählen. Ich vergesse es nur manchmal. Hier kommt also mein Kundenbewertungssystem, aus ein paar Excel-Tabellen:

Ein einfaches Bewertungssystem für Kunden oder Kundengruppen:
Gesamtumsatz mit diesem Kunden, sein Anteil am Gesamtumsatz der Unternehmung
Umsatz pro Rechnung/Auftrag (wie viel Verwaltungsarbeit verursacht dieser Kunde?)
Deckungsbeitrag (wie viel Gewinn bringen die Aufträge dieser/s Kunden wirklich, wenn die direkten Kosten wie Material vom Umsatz abgezogen werden?)
Interessante Aufgaben? Bringt dieser Kunde uns weiter, in dem er uns herausfordert? Lernen wir durch diesen Kunden dazu?
Ist die Zusammenarbeit mit diesem Kunden einfach? Oder ist er übermäßig heikel und verursacht laufend Zusatzarbeiten oder Missverständnisse?
Versorgt er uns regelmäßig mit Aufträgen?
Zahlt er regelmäßig und pünktlich?
Ist er ein Preisdrücker?
Mag ich ihn überhaupt leiden?
... und so weiter.
Die besten bei jedem Merkmal bekommen 5 Punkte, die schlechtesten bekommen einen Punkt, die Mittelklasse je nach dem 2,3 oder 4 Punkte. In diesem Fall kommen höchstens 45 Punkte für die besten Kunden zusammen. Bei 20 Punkten sollte man sich überlegen, ob diese Kundschaft überhaupt zum eigenen Unternehmen passt. Auf jeden Fall weiss man dann, wie sich der einzelne Kunde im Wettbewerb um MEINE Arebeitskraft darstellt. Und wenn ich will, kann ich ja auch für einen Arbeiten, der wenig Ertrag bringt aber interessante Jobs zu vergeben hat. Zugleich schaffe ich mir den Freiraum, auch neue Sachen auszuprobieren.

Selbstverständlich gilt diese Bewertung auch umgekehrt und wenn ein alter Kunde sich im Neuen Jahr nicht mehr meldet, sind wir bei ihm vielleicht durch die Kunden-/Lieferanten-Bewertung gefallen. Auch das ist ein wichtiger Grund, fortlaufend nach neuen Kunden zu suchen, neben der Tatsache, dass man so seine Unabhängigkeit bewahrt.

Wichtig: eine endgültige Rangfolge aufstellen und abheften. Das Ergebnis zusätzlich auf einen kleinen Zettel schreiben und an den Monitor hängen, damit man auch immer wieder daran denkt.

Wenn gerade Flaute ist, kann man diese Analyse gut machen. Es macht Spaß und man fühlt sich durch das Ergebnis jedenfalls befreit.

viele Grüße
Petra Bergermann
Von: Gitte Härter am 09.02.2010
... wow, Petra! Ganz herzlichen Dank für diesen ausführlichen, nützlichen Tipp.
Von: Petra Bergermann am 09.02.2010
Guten Morgen, Gitte und alle anderen LeserInnen,

als selbständig arbeitende Leute müssen / dürfen wir uns ja selbst Richtlinien machen. Die Methoden dafür sind vorhanden, aber leider wissen zu wenige (neu selbständige) Leute davon. Unternehmerisch tätig zu sein ist keine allgemein anerkannte Berufsperspektive, auf die unsere Jugend vorbereitet würde. Aber wie gut es tut, selbständig zu arbeiten kann man ja in den Beiträgen weiter oben lesen. In meinem Kopfkissenbuch "Kleiner Fisch" habe ich unter diesem Gesichtspunkt zusammengetragen, wofür ich in 30 Jahren Selbständigkeit sehr viel Lehrgeld bezahlt habe. Und trotzdem profitiere ich immer wieder von Deinen Newsletters etc, liebe Gitte.

Einen schönen Tag mit genug Zeit zum Nachdenken und Planen, und nicht nur Zeit zum Geldverdienen (oder dem Geld hinterher-hecheln-müssen) wünscht allen LeserInnen

Petra Bergermann
(Besserwissi wink) )
Von: Sinah Altmann am 09.02.2010
Hallo Leute,

für mich gibt es in Sachen Hamsterräder derer zwei:

1. Das Hamsterrad, gefüllt mit Aufgaben, die ich gerne tue

In einen solchen sass ich sieben Jahre lang, habe mit einem dicken Burn-Out bezahlt, und drei Jahre gebraucht, mich neu zu sortieren.

2. Das Hamsterrad, in dem ich mit ungeliebten (schlecht gezahlten etc.) Aufgaben sitze

Auch dieses kenne ich aus eigener Erfahrung: Soziales Engegagement für kleines Geld und immer weitermachen ... Auch hier bin ich ausgestiegen. Zwar nicht mit einer (tollen!) Excelliste, sondern mit ausreichend Zeit für den Rückzug und die Klärung der Frage:
Was sind meine Herzblutthemen und was bin ich mir selbst wert?

Mir hat das geholfen und mein Weg läuft wieder okay. Nun muss ich allerdings aufpassen, dass ich nicht wieder in Hamsterrad Nummer eins lande ... wink

Herzlich, Sinah
Von: Volkert Brammer am 09.02.2010
Jedem sein Hamsterrad! Es gibt Phasen da bewege ich mich zielstrebig aufs Hamsterrad zu, steige ein und drehe meine Runden. Puh, müde, schnauf, anstrengend und öde fühlt es sich dann "plötzlich". Spannend finde ich den Moment der Erkenntnis, dass es so nicht wirklich zur eigenen Freude und Zufriedenheit geschweige denn guten Balance führt. Und der Moment kommt natürlich nicht nur einmal, man kennt als Selbständiger ja auch sein Hamsterrad und schätzt es ja auch, poliert es, ölt es und bessert es auch aus.
Bei mir ist es derzeit eine Mischung aus Kleinkleckeraufträgen, vielen Vorarbeiten für Herzensblut- und weiterführenden Aufträgen, gut bezahlten Aufträgen. Aber auch eigene Veränderungsprozesse führen mich in die Nähe oder ins Hamsterrad -ist ja auch vertraut, bequem.
Ich überprüfe derzeit meine Aufträge und das führt zu spannenden Erkenntnissen: Was lohnt sich wirklich, macht Sinn und Freude, wo bin ich richtig und auch wo könnte ich auch hinpassen (Wegweiser, die auf neue Routen jenseits des Hamsterrades zeigen). Zum Schluss noch ein dickes Lob an dich Gitte, dass du so tolle Selbstlernkurse entwickelst, die einfach klar, anregend, humorvoll sind und mich auf viele neue Lösungsansätze bringen.
Von: Norbert Jothann am 09.02.2010
...als ich die Überschrift "Offener Brief an alle Hamster" gelesen habe, war meine erste Assoziation, dass damit all jene gemeint sind, die etwas "Hamstern"... - Für schlechte Zeiten oder betrieblich schlechter werdende Zeiten...
wink
Von: Gitte Härter am 11.02.2010
... vielen Dank für die hilfreichen Erfahrungsberichte und Ergänzungen! grin

PS @Norbert: Ja, das kann man auch so verstehen und wäre auch ein gutes Thema.

 

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