Selbstmanagement

Mitmischen und Ergebnisverfälschung

Gitte Härter • 20.08.2008 • email Weiterempfehlen

Ich lese gerade ein Buch von und über Drehbuchautoren und das erinnert mich an ein wichtiges Thema, das auch viele andere Selbstständige betrifft: das Ein-, Mitmischen und manchmal sogar Verfälschen der eigenen Arbeit.

Hier einige Beispiele:

  • Ein Webdesigner gestaltet eine Super-Seite, steht dick und fett im Impressum und stellt im Nachhinein fest, dass der Kunde durch eigene Veränderungen das Layout ruiniert hat oder sich plötzlich tote links auf der Seite befinden.
  • Vielen Textern geht es mit Werbe-, PR- und Brieftexten genauso wie den Drehbuchautoren: Alle möglichen Leute reden mit, leben ihr eigenes Schreiben aus und verschlimmbessern den Text.
  • Ein Fotograf macht geniale Bilder, aber der Kunde veröffentlicht sie in technisch schlechter Qualität, so dass es so aussieht als ob hier Murks abgeliefert wurde.
  • Oder Berater oder Trainer, die ein Rundumkonzept machen, bei dem jeder Baustein wichtig ist und ineinander greift. Der Kunde will aber dann doch lieber nur das da und dieses hier ... Ihnen als Fachkraft ist klar: So kann das nicht gehen!

Besonders schön ist das nie. Aber manchmal kann es regelrecht geschäftsschädigend sein: Etwa wenn der Ruf des Webdesigners auf dem Spiel steht, weil die Website eine mehr als schlechte Arbeitsprobe darstellt – denn der Betrachter weiß ja nicht, dass der Webdesigner das so niemals abgeliefert hat, sondern denkt: „Iiiih! Schlampig. Unprofessionell.“

Schließlich werden Sie immer auch an Ihren Erfolgen gemessen. Wenn also ein Gesamtkonzept so verfälscht wird, dass es nicht klappen kann, so ist Ihr Name fest damit verbunden. Dass Herr Meier aus dem Marketing und Frau Korn aus der Finanzabteilung da auch noch mitgemischt haben, fällt nicht mehr ins Gewicht. Immerhin hat man ja extra einen externen Dienstleister geholt – das hat sich dann ja wohl doch nicht so gelohnt.

Was tun?

Ommmmmm

Es ist wichtig, Gelassenheit zu entwickeln. Sie werden niemals alles kontrollieren können. Sie können vorbauen (dazu kommen wir gleich noch), Sie können bestimmte Leistungen nicht mehr anbieten, wenn Sie es nervlich nicht aushalten – aber Sie können auch einfach lernen zu unterscheiden, wann etwas dramatisch ist und wann Sie darin gefordert sind, lockerer zu werden.

Ich weiß, wie schwierig das oft ist! Auch mir werden manchmal Aussagen in den Mund gelegt, die ich peinlich finde. Oder bei Büchern wegen des Umfangs oder aus Layoutgründen so stark gekürzt, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Oder bei der Diskussion um Trainings fast unmerklich ständig weiter und weiter verändert bis von meinem Vorschlag kaum mehr was übrig bleibt.

In vielen Fällen ist es nicht wirklich so schlimm wie es einem selbst vorkommt. Dann ist es eine gute Gelegenheit zu lernen, dass die Welt davon nicht untergeht. Selbst überschätzt man die Reaktionen anderer häufig.

Was mir über die Jahre half, hier wesentlich weniger hysterisch zu sein, ist:

  • Die Tatsache zu akzeptieren, dass das immer mal passieren wird.
  • Das Bewusstsein, dass andere nicht wissen, wie es hätte sein sollen und so das Endergebnis für diese oft ganz normal oder sogar sehr gut erscheint (auch wenn man selbst weiß, wieviel besser es hätte sein können).
  • Loszulassen. Also sich nicht immer weiter und weiter hineinzusteigern und das Ganze aufzublähen, von wegen wie schrecklich, unfair oder rücksichtslos das doch ist.

Aber natürlich auf jeden Fall auch immer Rückmeldung an Ihren Kunden geben, wenn Sie mit einer Veränderung – auch wenn sich jetzt daran nichts mehr ändern lässt – nicht einverstanden waren und warum. Auf diese Weise fühlen Sie sich viel wohler, weil Sie es nicht einfach auf sich beruhen haben lassen und Sie hegen keinen stummen Groll. Vor allem sensibilisieren Sie Ihren Kunden darauf, das nächste Mal anders vorzugehen.

Vorsichtsmaßnahmen ergreifen

Das heißt in erster Linie einmal Information: Wenn Sie beispielsweise Ihren Kunden ganz klar vermitteln, wenn verschiedene Aspekte eines Konzeptes ineinander greifen und wie sich eine teilweise Umsetzung auf das Ergebnis auswirkt, können Sie eine Verstümmelung Ihrer Idee in vielen Fällen vermeiden.

Wenn es Hindernisse für die Gesamtumsetzung gibt, können Sie diese besprechen und eine „Light-Variante“ anbieten. Das ist ja genau Ihr Plus: Sie sind fachkompetent, um eine Teilumsetzung sehr viel ergebniseffektiver umzubauen, wenn die vollständige Umsetzung Ihres Vorschlages einmal nicht möglich ist.

Sie können bestimmte Beschränkungen vorab vereinbaren: Wenn Sie also Texte schreiben, dann sollten Änderungen nur nach vorheriger Absprache mit Ihnen möglich sein.

Auch können Sie die Betreuung oder Pflege einer Leistung als Service mit anbieten, so wie das beispielsweise viele Webdesigner machen, die auch die Aktualisierung mit übernehmen.

Schadensbegrenzung

Wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, können Sie reagieren. Bei veröffentlichten Ergebnissen können Sie Ihren Kunden darauf aufmerksam machen und bitten, es zu richten oder sich dazu anbieten. So kann der Fotograf, der seine Bilder schlecht komprimiert auf einer Kundenwebsite findet, weil dieser ganz offenbar keine Ahnung von Bildbearbeitung hat, das Bild einfach selbst ordnungsgemäß in den richtigen Abmessungen vorbereiten und mit einer netten E-Mail an den Kunden schicken. Das findet der Kunde genial, freut sich drüber und die paar Minuten Arbeit, die der Fotograf investiert hat, sind in puncto Kundenbindung hervorragend investiert.

Schadensbegrenzung kann aber auch bedeuten, seinen Namen zurückzuziehen: Der Webdesigner würde darum bitten, aus dem Impressum gelöscht zu werden, der Autor erlaubt vielleicht die Nutzung des Textes, weil er ordentlich dafür bezahlt wurde, bittet aber darum, dass sein Name nicht erscheint.

Manchmal bedeutet Schadensbegrenzung auch, sich komplett aus einem Auftrag zu verabschieden. Wenn beispielsweise ein Beratungs-, Trainings- oder Werbekonzept so verändert wurde, dass Sie nicht mehr dahinter stehen oder glauben, dass es auf diese Weise zu einem Disaster wird, dann ist es auch wichtig, das sachlich und freundlich zu sagen und zu begründen, warum Sie in diesem Fall den Auftrag dann doch nicht annehmen möchten, sich aber auf künftige Zusammenarbeit freuen (wenn dem so ist).   Gehört es auch zu Ihrem Arbeitsalltag, dass diverse Leute mitreden und Ihre Arbeit maßgeblich verändern? - Wie gehen Sie damit um?

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Paul am 20.08.2008
"Auch können Sie die Betreuung oder Pflege einer Leistung als Service mit anbieten, so wie das beispielsweise viele Webdesigner machen, die auch die Aktualisierung mit übernehmen."

Seh ich persönl. genauso. Den Kunden auf die Situation anzusprechen, ist ein guter Service soweit es auch der Kunde wünscht. Es stellt in den meisten Fällen einen Mehrwert für den Kunden dar. Nach einem Abschluss eines Auftrages, spielt der Kunde weiterhin eine große Rolle und wird dabei aufmerksam gemacht, welche Position der Kunde für den z.b Webdesigner hat.
Von: Frank Obels am 21.08.2008
Viele meiner Kunden im Homepagebereich "versauen" unsere Arbeit aus purer Unwissenheit - und trauen sich dann nicht, uns anzurufen und den Fehler einzugestehen.

Die meisten Kunden empfinden es tatsächlich als Mehrwert, wenn man ihnen hilft, wieder "gut auszusehen" grin

Greetings

Frank
Von: Gitte Härter am 21.08.2008
Hallo Paul, hallo Frank,

danke für die Ergänzungen! - Erst gestern hatte ich ein Gespräch darüber, was "Service" ist und ob VERKAUFEN auch dazu gehört. Aber klar: Wenn es im Sinne des Kunden ist und ein Mehrwert, dann wird das nicht nur sehr gerne angenommen, sondern auch als echter Service eingeordnet. Umso "schader" (<- hä?), dass sich viele Selbstständige so vor dem Verkaufen scheuen.

Das mit dem "Sich-nicht-trauen", wenn was irrtümlich verhunzt wurde, habe ich noch gar nicht bedacht: Wichtig!

Einen schönen Feierabend
Gitte
Von: Ursula Kruck-Hantschel am 24.08.2008
Hallo & Guten Tag,

gerne binde ich den Kunden gleich zu Beginn mit in das Projekt ein und bitte alle Mitarbeiter, die in das Thema involviert sein werden zu einem "Brainstorming".

So höre ich im Vorfeld heraus, wer welche Ideen mit einbringen möchte, Durch das „Einbeziehen“ entsteht nicht im nach hinein der Wunsch nach einer Korrektur oder sogar Kurskorrektur, weil der eine oder andere sich benachteiligt oder sogar ausgeschlossen fühlt.
Oft finden sich dadurch kreative Anregungen. wink

Ein zufriedener Kunde hat nicht das Bedürfnis etwas ändern zu wollen!

Herzliche Grüße aus der Hessischen Toscana
Ursula

 

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