Meditation für Zappelphilippe: Seilspringen
Wer viel leistet, muss auch für Ausgleich und vor allen Dingen für Entspannung sorgen: den Kopf immer mal frei kriegen, ins innere Gleichgewicht kommen, abschalten können. Doch nicht jeder tut sich leicht damit. Dieser Artikel ist für alle unruhigen Zeitgenossen, die ihre Gedanken nicht kommen und ziehen lassen möchten, die auf Klangschalen allergisch reagieren und denen die Aufforderung, warme Socken mitzubringen wie eine Drohung vorkommt.
Ja, die gibt es. Und wir sind sogar ziemlich arm dran. Denn einerseits wissen wir, dass uns Ausgleich gut täte, andererseits sind wir MacherInnen, die es nicht entspannend finden, einfach so rumzuliegen.
Doch egal, auf wen wir treffen oder welches Buch wir aufschlagen: immer wieder werden uns die typischen Entspannungswege empfohlen. Meditation, Massage, Wellness.
Ich konnte mit soetwas noch nie etwas anfangen. Das Einzige, was mir einige Zeit sehr gut gefallen hat, war die progressive Muskelentspannung, weil man da etwas zu tun hat, während man spürbar entspannt. Aber auch das war auf Dauer nicht meines. Nun habe ich kürzlich ernsthaft mit dem Seilspringen angefangen. Das konnte ich nie und es grenzt für mich an ein Wunder, dass ich es mittlerweile tatsächlich kann. Das alleine ist ja schon großartig. Jetzt, wo ich seit einigen Wochen fast täglich übe und mittlerweile richtig gut bin, entdecke ich die fast meditativen Aspekte daran:
Das Seilspringen spiegelt das Innere.
Ist man unruhig im Inneren, sind die Bewegungen abgehackt anstatt entspannt. Das Zusammenspiel von Handgelenk (aus dem die Drehbewegung kommt) und Beinen funktioniert nicht. Man springt sperrig und unbequem. Es fühlt sich nicht richtig an und man fällt immer wieder über das Seil. Ist man ruhig, fühlt sich alles trotz Körperspannung entspannt an. Die Seil-Bein-Koordination funktioniert wie geschmiert. Das Springen ist locker.
Für mich besonders spannend ist es, wie sehr man beim Springen den Anspannungszustand spürt. Wir alle sind ja mehr oder weniger im Alltag angespannt und sehr häufig sind wir uns dieser Anspannung gar nicht bewusst. Wir sitzen, stehen, gehen und kommen uns vielleicht sogar ganz normal vor, obwohl unser Kiefer total auf Zug und der Oberschenkelmuskel angespannt ist. Es kann sogar sein, dass Sie den ganzen Rücken hinab zum Bersten angespannt sind und es nicht bewusst bemerken. Wenn Sie sich jetzt sofort einmal flach auf den Boden legen und Ihren Körper kurz „durchgehen“, dann merken Sie, wo Sie unbewusst anspannen beziehungsweise wie angespannt (oder ruhig) Sie insgesamt sind. Auch beim Seilspringen bemerkt man den gesamten Körperzustand sofort.
Ein Muss: im Hier und Jetzt sein.
Besonders MacherInnen sind oft gar nicht im Hier und Jetzt: wir tun, wir denken voraus, vielleicht jonglieren Sie mit verschiedenen Dingen gleichzeitig. Beim Seilspringen kann man gar nicht anders, als im Hier und Jetzt zu sein. Denn man ist voll darauf konzentriert, dass das Schwingen und Springen im gleichen Rhythmus passiert.
Je weniger das am Anfang klappt, desto mehr ist das bewusste Hier und Jetzt gefragt. Der Kopf kann beim Springen nicht abschweifen, denn sobald Sie an Ihre To-do-Liste denken oder was Sie nachher privat noch tun möchten, können Sie nicht springen. Bei vielen anderen Sportarten ist es durchaus möglich, an Gott und die Welt zu denken und nur ja nicht beim Sport selbst zu bleiben. Das Seilspringen erfordert die Konzentration auf das, was Sie gerade tun.
Rhythmus bringt Gleichgewicht.
Wenn Sie schon einmal getrommelt haben, dann kennen Sie diese ganz besondere Auswirkung auf den Körper, die Rhythmus hat. Beim Trommeln ist das deshalb so krass spürbar, weil sich die Töne und Schwingungen der Trommel direkt über die Hände auf den Körper übertragen. Rhythmus ist für uns Menschen in allen Bereichen wichtig. Ob es Musik selbst ist – das Spielen, Singen oder Tanzen – oder ob es der Rhythmus in Bewegungen ist: die Bäckerin, die den Teig knetet; der Berater, der im Zehn-Finger-System sein Angebot tippt; der Masseur, der gleichmäßige Kreise zieht. Beim Seilspringen ist dieses Rhythmusempfinden ebenso unmittelbar.
Im Fluss, ob langsam oder schnell – oder beides.
Was mir beim Seilspringen ganz besonders gefällt, ist, dass einerseits ein gleichmäßiger Rhythmus entsteht und ich dadurch so richtig in Fluß komme, dass ich aber gleichzeitig variieren kann.
Wenn es Ihnen so geht wie mir, dass Sie sich langweilen, wenn etwas zu gleichförmig ist, dann ist das ideal. Ich kann nach Belieben langsam springen oder die Geschwindigkeit anziehen, ich kann jederzeit die Schritte variieren. Ich kann zu Musik springen. Und gleichzeitig bleibt der Grundfluss immer bestehen: denn das Ziel ist ja, dass das Seil nicht stoppt, sondern sich Schwung und Sprünge stetig aufeinander einstimmen.
Das Glück, etwas zu meistern.
Wie bei allem – auch beim Meditieren – heißt es, erst einmal die Grundfähigkeit zu erwerben. Das war für mich beim Seilspringen sehr schwer. Ich konnte es schlichtweg als Erwachsene nicht und war sehr frustriert und ungeduldig, dass ich immer wieder über das dumme Seil gefallen bin. Mittlerweile bin ich richtig glücklich und stolz über meine Fortschritte. Ich entwickle sogar einen für mich ganz unüblichen Ehrgeiz. Und wenn ich überlege „Sitze ich jetzt lieber auf der Couch oder gehe ich runter zum Seilspringen?“, dann gewinnt der Gedanke ans Seilspringen und ich ziehe meine Turnschuhe an.
Dazu kommt natürlich noch, dass es ein hervorragendes Herz-Kreislauf-Training ist. Im Nullkommanichts kommt man ins Schnaufen - und immer wieder mal gezielt den Puls hochjagen und an der Ausdauer arbeiten, ist rundum gesund. Ganz nebenbei werden die Hosen lockerer.
Seit noch nicht einmal eineinhalb Monaten übe ich mehrmals pro Woche zehn bis zwanzig Minuten – hier habe ich einige Details zum Üben geschrieben - und bin mittlerweile richtig gut geworden. Hallelujah!
Vielleicht ist das ja auch eine schöne Alternative für Sie. Wie bei allem: Erst wenn man über die holprige Anfangsphase hinauskommt, fängt es an Spaß zu machen. Also probieren Sie es aus ... und wenn Ihnen das „Prinzip Seilspringen“ gefällt, dann bleiben Sie einige Zeit ernsthaft dran! Dann klappt es auch bei Ihnen.
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Anmerkungen & Kommentare
darüber habe ich sehr gelacht: wer unkonzentriert ist, den straft das Leben. Ganz genau, und die Karate-Strafe erfolgt besonders schnell.
Das hört sich gut an mit dem Karate, vor allen Dingen auch die Variationen (schnell oder langsam) und dass Du es zu Hause gut üben kannst. Ich bin ja momentan wirklich extrem hyper mit dem Seilspringen, weil ich wirklich von Tag zu Tag merke, wie viel besser ich werde - dieses ständige Üben, auch wenn es nur kurz ist, macht einen Riesenunterschied. Das ist bei den automatisierten-konzentrierten Bewegungsabläufen im Karate bestimmt auch so, dass du irre profitierst, wenn du es richtig intus hast.
Die richtige Technik ist halt immer das A und O!
Viele Grüße
Gitte
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Gitte Härter •
du hast es sehr treffend formuliert:"Ein Muss: im Hier und Jetzt sein". Das ist wirklich wesentlich, denn sonst handelt es sich nicht um eine Erholung, sondern um etwas, das den vielen Tätigkeiten noch hinzugefügt wird.
Meine neue Lieblings-Methode, mich zu aktiv zu bewegen, zu entstressen und zu erholen ist Karate. Auch hier muß ich im Hier und jetzt sein (wer unkonzentriert ist, den straft das Leben ...
In diesem Sinne: Gute Erholung und Entstressung!
Christine