Kennen Sie Ihre Grenzen?
Wir sind nicht in allem gut. Es gibt Anfragen, bei denen man selbst entweder sehr genau weiß, dass man einer Sache nicht gewachsen ist, oder zumindest Zweifel hat. Und es gibt auch solche Jobs, die man zwar gut machen könnte, von denen aber klar ist, dass andere einfach besser darin sind.
Wenn Sie solche Anfragen bekommen, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Sie nehmen den Auftrag an und meistern ihn gut. Manchmal geht das jedoch einher mit einem ständigen schlechten Gefühl, Angst und Druck, was nicht besonders angenehm ist.
- Sie sagen zu, fühlen sich aber sehr unsicher, inhaltlich und Ihrem Kunden gegenüber. Das unterminiert Ihr Auftreten und das Vertrauen in Ihre Kompetenz.
- Sie nehmen den Auftrag an und erledigen ihn schlecht, was Ihr Kunde entweder sofort oder möglicherweise erst später merkt. Die Konsequenz: es kommt zu Ärger und/oder Auftragsentzug. Außerdem sind Folgeaufträge und Ihr Image gefährdet.
So sehr Sie einen Auftrag vielleicht momentan brauchen oder keineswegs darauf verzichten möchten, so wichtig ist es, die eigenen Leistungen realistisch einzuschätzen.
Hier spielen natürlich nicht nur die fachlichen Aspekte eine Rolle, sondern auch Ihre zeitlichen Kapazitäten. In meinen Coachings habe ich leider öfter mal Selbstständige, die sagen: Ich nehme immer Aufträge an, von denen ich schon weiß, dass ich sie eh nicht schaffen kann. Das gibt dann immer Ärger, und ich fühle mich schlecht. Was soll ich tun? Die einzig wahre Antwort: Nimm nichts Neues an, wenn Du schon weißt, dass Du es nicht gut machen kannst.
Mit den Grenzen umgehen
Ihre Grenzen zu kennen, bedeutet, dass Sie mehr Macht und Kontrolle haben. Und es bedeutet auch, dass Sie an Glaubwürdigkeit gewinnen.
- Immer einen klaren Überblick über die aktuelle Lage haben: Die meisten von Ihnen werden mit irgendeiner Art von Organisationswerkzeug arbeiten, ob das der gute alte Papierkalender oder eine elektronische Variante ist. Für mich ist zusätzlich ein großer Wandkalender direkt vor meiner Nase wichtig, wo ich persönliche Termine eintrage. So sehe ich nämlich immer für das gesamte Jahr, wo ich wochenweise weg bin und kann bei neuen Anfragen immer gut erkennen, ob es mir in einer bestimmten Zeit eng würde. Notieren Sie aber nicht nur Ihre Termine, sondern setzen Sie sich auch immer mal mit dem Gesamtbild Ihrer Auslastung auseinander. Das heißt, dass Sie vorausschauen, wie die Auslastung aussieht und sich dadurch bewusst machen, wo Sie welche Kapazitäten haben. Das ist auch wichtig für Ihre Akquise: So nehmen Sie künftige Auftragslöcher bewusster war und können rechtzeitig neue Aufträge ranholen.
- Schätzen Sie Ihre Fähigkeiten realistisch ein: Wenn Sie bei einer Anfrage nicht auf Anhieb sicher sind, dass Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten dafür passen, sagen Sie nicht sofort zu, sondern finden erstmal Näheres heraus:
- Was wünscht sich dieser (potenzielle) Kunde genau?
- Welches Ziel hat mein Kunde/was braucht er?
- Welche Aspekte möchte er abgedeckt wissen?
- Wäre es für ihn okay, wenn jemand mit mir kooperiert?
Konkretisieren Sie dann für sich, worin Ihre Zweifel bestehen: - Was genau kann ich leisten?
- Wo bin ich sehr gut, wo mittelmäßig, wo habe ich keine Ahnung?
- Inwiefern kenne ich jemanden, der mit mir gemeinsam das Projekt abwickeln könnte?
Durch dieses Hinterfragen merken Sie schnell, ob Sie einfach gerade etwas unsicher sind, ob Ihnen nähere Informationen fehlen oder ob Sie tatsächlich für diese Anfrage nicht die beste Person sind.
Und bitte: Wird Ihnen ein Auftrag angetragen, bei dem Sie wissen, dass Sie die nötigen Voraussetzungen nicht mitbringen, dann sagen Sie ab. Eine ehrliche Absage mit Begründung rechnet man Ihnen immer hoch an, und Sie untermauern Ihre Glaubwürdigkeit.
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Anmerkungen & Kommentare
dankeschön für Deinen ausführlichen Bericht, der zeigt, dass es manchmal so ganz besonders schwierig ist:
- ein großer Auftrag
- eine interessante Aufgabe, an der man (wie der Kollege auch sagte) wächst und lernt
- gut Kohle :-D
... alles spricht für ein Ja. Man _will_ zusagen. Und dennoch lohnt sich die Bedenkzeit.
Ganz wunderbar ist es auch, wie Du Dir "qualitativ" überlegt hast, ob Du zusagen sollst oder nicht. Fragen zu formulieren, wie Du das gemacht hast, ist da wirklich das Wahre! Da bringt man sich nämlich auch auf neutrales und kritisches Gelände und lässt sich nicht nur durch die positiven Aspekte blenden.
Einen schönen Tag
Gitte
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Gitte Härter •
Über diesen Artikel habe ich mich gefreut. Hier wird gut aufgezeigt, welche Konsequenzen es haben kann, wenn man sich für einen Auftrag entscheidet, obwohl die „Innere Stimme“ und das eigene „Bessere Wissen“ aktiv Warnsignale aussenden.
„Wir sind nicht in allem gut.“
Stimmt. In Gesprächen mit Trainer- und Berater-KollegInnen habe ich von einigen sinngemäß folgende Aussage gehört: „Ich habe so viele Dinge gelernt, um meinen jetzigen Beruf ausüben zu können, da möchte ich das Gelernte auch anwenden. Komplett. Auch wenn es bedeutet, dass ich quasi nach dem „Bauchladenprinzip“ auf dem Markt als Anbieter auftrete.“
Ich selbst habe anfangs auch so gedacht. Aber so funktioniert es eben nicht. Spezialisierung ist hier gefragt, um wahrgenommen zu werden. „Anbieter für alles“ zu sein, wird einem wohl nur noch selten abgenommen. Dafür ist unsere heutige Welt zu komplex geworden. „Problemlöser für den richtigen Umgang mit Kunden“ oder „Image-Berater“ zu sein, sorgt schon eher für die gewünschte Wahrnehmung und Akzeptanz. Ein Kollege nennt sich in der Akquisition „Problemlöser für Vertriebsfragen“. Die Zahl seiner Aufträge hat sich seither erhöht. Daß er sich bei der Umsetzung der Aufträge dennoch seines „Bauchladens“ bedient, ist allein seine Sache.
Wenn ein möglicher Kunde ein Problem hat, das er gelöst haben will, dann will er jemanden finden und haben, der genau *sein* Problem löst. Es ist ihm ziemlich egal, welche Probleme jemand sonst noch lösen könnte. Er sucht für *ein* Problem, einen Anbieter mit genau der für ihn passenden Lösung.
Wenn ich für mein Auto dringend Benzin brauche, ist es mir gleichgültig, ob der Tankwart auch noch Reifen wechseln, Brötchen aufbacken und nebenbei einen Burger-Imbiss betreiben kann. Ich will für meinen fast leeren Tank Benzin haben. Sonst nichts.
Dabei gehe ich davon aus, dass der Tankwart perfekt darin ist, mir Benzin für meinen Tank bereitzustellen. Wenn ich gute Brötchen will, gehe ich zum Bäcker. Und den guten Burger kaufe ich mir einer der bekannten Burger-Ketten.
Vor einem Vierteljahr erhielt ich die Anfrage, ob ich für sechs Monate in einem größeren Unternehmen im Raum Dresden eine Interimsaufgabe durchführen wolle. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, dass man dabei an mich dachte und direkt auf mich zukam. Die Aufgabe reizte mich sehr. Doch meine „Innere Stimme“ sendete mir erstes Signal des Zweifels.
Da ich sehr kurzfristig antworten sollte, räumte ich mir selbst die berühmte Nacht zum Überschlafen ein. Schrieb aber am Abend noch kurz das Für und Wider auf und sendete eine Mail an einen Trainerkollegen, der vor einiger Zeit vor einer ähnlichen Frage stand. Ich wollte gewissermaßen noch eine „externe Meinung“ als Korrektiv hören.
Vor dem Einschlafen kamen mir genau die Gedanken, die Du in Deinem Artikel beschrieben hast:
Bin ich für dieses spezielle Projekt überhaupt qualifiziert genug, um die Aufgabe in der vorgegebenen Zeit zum Erfolg zu führen?
Muß ich mich nicht erst noch in einige Bereiche einarbeiten?
Habe / bekomme ich wirklich die Zeit, um mich vorher einzuarbeiten?
Muß ich nicht sofort loslegen, um für die Umsetzung der analysierten Situation anschließend noch genügend Zeit zu haben?
Werde ich aufgrund meiner jetzigen Kenntnisse und Fähigkeiten und meines jetzigen Wissens über die Situation beim möglichen Kunden so erfolgreich sein, dass es für mich am Ende eine gute Referenz darstellt?
Kann ich es mir leisten, ein halbes Jahr nur für ein Projekt da zu sein und während dieser Zeit nichts für mein Unternehmen zu tun?
Kann ich es mir finanziell überhaupt leisten, den Auftrag nicht anzunehmen?
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich die Antwort für meine Fragen aus meinem Inneren parat: „Ich lehne den Auftrag ab, weil ich der Aufgabe nur zu 70 Prozent gerecht werden kann. Zwar könnte ich den Umsatz aus diesen sechs Monaten sehr gut gebrauchen, aber ich täte mir selbst und meinem Unternehmen keinen Gefallen damit.“
Der erwähnte Kollege schrieb mir: „Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben!“ Das war sehr nett und aufbauend von ihm, aber er schrieb mir auch: „Es ist nicht Dein Schwerpunkt.“ Dadurch fühlte ich mich in meiner Entscheidung bestätigt.
Mit einigem Abstand weiß ich heute, dass ich richtig entschieden habe, da dieser Entscheidungsprozess mir meine Grenzen und meine inhaltliche Ausrichtung bewusster gemacht hat.
Herzliche Grüße aus Hamburg
Norbert