Im Zweifelsfall nicht auf Freunde und Familie hören
Eigentlich wollte ich Ihnen heute von einer tollen Firma erzählen, die mir auf einem Spaziergang begegnet ist: Sofort einprägsamer und sympathischer Name, der die Leistung klar auf den Punkt bringt. Hat vorbildliche Auto-Werbung. Aber dann bin ich auf die Website gegangen: Ein Alptraum!
- furchtbares, ja schon stümperhaftes Layout (nicht auf vorteilhafte, eher sympathische Weise)
- kaum lesbarer Text wegen schlechter Farbkontraste und dominierendem Hintergrundbild
- qualitativ schlechte, uneinheitliche Bilder und hektische Animationen
- kurz: So ziemlich alles, was man bei einer Website in puncto Gestaltung, Inhalt und Technik überhaupt falsch machen kann.
Und dann schaue ich ins Gästebuch (Gästebücher sind meist ohnehin keine gute Idee), und sehe fast nur private Einträge – erkennbar an der Duzerei und sonstigen privaten Details zum Familien- und Urlaubsleben irgendwelcher Leute, die man auf einer Geschäftswebsite nicht lesen will. Unter anderem:
- Tolle Webseite!
- Wunderschöne Homepage.
- Klasse Layout!
- Sehr gute Seite.
Aaaaaaaah!
Unterstützung ist gut. Aber wie objektiv sind Ihre Freunde?
Kürzlich habe ich mich mit Ralf darüber unterhalten, dass es vielen Menschen schwer fällt, sich selbst richtig einzuschätzen. Dabei kamen wir auf Castingshows. Sie haben sicher auch schon Szenen im Fernsehen gesehen, bei denen jemand im Vorfeld sagt „Ich kann so toll singen!“ und die Mutter steht daneben und sagt: „Der Klausi kann so toll singen! Es treibt mir immer die Tränen vor Rührung in die Augen.“ Rechts davon stehen die besten Freunde und sagen: „Boah, der Klaus hat’s wirklich drauf!“
Und dann geht Klaus auf die Bühne und liefert etwas völlig Indiskutables ab. Klausi kann nicht singen. Nicht nur nicht gut. Sondern gar nicht.
Warum aber schwärmen Mutter und Freunde von seinen Sangeskünsten?
Da gibt’s jetzt mehrere Möglichkeiten
Wenn Ihnen die Leute Ihres privaten Umfelds Feedback geben, kann das konstruktiv und nützlich sein, es kann aber auch von Haus aus “gefärbt” sein. Im Beispiel von Klausis Mutter und Freunden kann sein:
- Ihnen gefällt’s tatsächlich.
- Sie sind zu unkritisch.
- Sie singen genauso oder noch schlechter und das ist der Maßstab.
- Sie wollen höflich sein.
- Sie finden, dass Familie und Freunde immer unterstützen und zureden sollten.
- Sie trauen sich nicht, etwas Kritisches oder Negatives zu sagen.
- Sie wurden selbst schonmal durch Feedback entmutigt und befürchten, dass das eintreten könnte, wenn sie ehrlich sind.
- Sie wissen insgeheim, dass er nicht singen kann, lassen ihn aber ins Messer laufen (oder hoffen, dass jemand “Externes” es ihm schon irgendwann sagen wird).
- Klausi kann mit Kritik nicht umgehen und reagiert ungut darauf, so dass sich niemand mehr was sagen traut.
- Klausi lässt sich eh nichts sagen. Also warum sich überhaupt die Mühe machen?
Feedback von anderen
Wenn Sie sich von Familie und Freunden beraten lassen, dann lassen Sie sich immer begründen, was genau sie gut finden und was nicht – und warum. Warum sie glauben, dass etwas gut oder nicht funktionieren wird. Warum sie Ihnen etwas zutrauen oder eher nicht.
Hinterfragen Sie die Objektivität und die Ehrlichkeit.
Fragen Sie sich: Reicht mir dieses Feedback schon? Kennen sich meine Freunde und Familie gut genug dafür aus, mir für mein Business Rat zu geben? Und zwar nicht nur für ein kurzes Feedback à la “Sieht gut aus: schönes Blau!”, sondern auch um mein Business aktiv anzukurbeln?
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Anmerkungen & Kommentare
das ist viel wert, wenn man Leute um sich hat, die ehrlich und konstruktiv sind (was ja, das darf man nicht vergessen, durchaus häufig der Fall ist! Es ist nur mal gut, das zu durchleuchten oder auch das eigene Verhalten zu überprüfen).
Die gesunde Selbstkritik und die Fähigkeit zu reflektieren ist halt auch für viele Leute schwierig. Wenn man keinen Maßstab hat - was ja auch das Leid vieler Einzelunternehmer ist: dass sie sich gar nicht einschätzen können im Verhältnis zu anderen oder wenn man überkritisch erzogen ist und sich selbst nichts Recht machen kann oder oder oder ... das ist wirklich komplex.
Viele Grüße
Gitte
Meistens erhalte ich ein: "Das ist toll. Wirklich!"
Ganz schlimm sind dann allerdings Kommentare wie: "Viel besser als letztes Mal" nachdem die letzte Arbeit auch mit "Das ist toll. Wirklich!" kommentiert wurde.
bei Ihrer Schilderung musste ich unwillkürlich laut lachen: Wie frustrierend! Gerade in dieser Kombination.
Die gute Nachricht: Das können Sie ganz fix beheben! Und zwar auf zwei Arten.
*1. indem Sie differenziert fragen*
Also nicht einfach fragen "Wie findest Du das?", sondern so fragen, dass der andere gezwungen ist, klare Aussagen zu machen, z. B.
Was gefällt Dir besonders?
Was gefällt Dir nicht so gut?
Würdest Du Dir das ins Wohnzimmer stellen - warum genau ja/warum eher nicht?
Was sagst Du zum Material?
Sie würden also von vornherein schon so fragen, dass Sie zu Teilbereichen antworten bekommen oder schon in eine bestimmte Richtung lenken (also nicht, um die Antwort zu manipulieren, sondern um die Gedanken/den Fokus des anderen auf einen bestimmten Aspekt zu richten).
Darum ist es wichtig, dass Sie sich immer vorher überlegen, zu welchen Aspekten Sie sich Feedback wünschen. Und das dann abfragen.
Haben Sie das vergessen oder kommt dennoch eine Antwort in Richtung "Toll, echt!" oder "Viel besser als letztes Mal.", dann immer ein- oder mehrmals nachhaken.
*2. indem Sie nachhaken*
- "Das ist toll. Wirklich!"
- "Das freut mich! Was genau gefällt Dir daran so gut?"
- "Viel besser als letztes Mal!"
- "Interessant, das letzte hat Dir auch so gut gefallen. Was ist denn an diesem Teil Deiner Meinung nach so viel besser?
Wichtig ist: Eine Frage stellen. Interessiert schauen (interessiert sind Sie ja!) und SELBST DEN MUND HALTEN. Geduldig, auch wenn es etwas länger dauern sollte.
Erst Ruhe geben mit dem Nachfragen, wenn Sie das Gefühl haben, das ist jetzt wirklich greifbar.
*
Viele Menschen sind es nicht gewohnt, differenziertes Feedback zu geben. Meine Erfahrung ist, dass es auch wenn man sich dessen bewusst und darin geübt ist, oftmals nicht ganz einfach ist, ad-hoc sagen zu können, warum man etwas jetzt "gut" oder "blöd" findet.
Darum ist es auch gut, das selbst zu üben. Ich habe mir vor einigen Jahren zur Gewohnheit gemacht, dass, wenn ich jemanden lobe immer ganz konkret sage, was ich so toll finde. Wenn ich also jemandem eine E-Mail schreibe und mich für den "tollen Service" bedanke, überlege ich vorher auch genau, was ich denn nun so toll daran finde und benenne das dann auch konkret.
Üben Sie's auch selbst. Machen Sie's im privaten Umfeld vor. Und helfen Sie durch konkretes Fragen und Nachfragen. Dann bleiben so allgemeine und frustrierende Aussagen sicherlich mehr und mehr aus.
Viele Grüße
Gitte
Ich werde nächstes Mal versuchen richtig nachzuhaken und interessiert (anstatt genervt
Vielen Dank für die Hinweise.
fotografr.de/Portfolio-Review: Wie gut sind meine Fotos wirklich?
gerne aufgegriffen.
aber gerne - wir danken Ihnen für den Verweis
Schöne Grüße
Gitte Härter
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Nicht immer gefällt mir, was ich zu hören bekommen. Nicht immer richte ich mich danach, was mir als konstruktive Kritik oder fragende Anregung nahegebracht wird, aber ich habe das Gefühl, daß mich niemand auf eine Bühne aus Bohlen hochloben wird, nur um mir nur ja nicht mein selbsterdachtes Selbstbild kaputt zu machen.
Eine gute Portion gesunder Selbstkritik und ein reflektiertes Selbstbild helfen allerdings auch.