Ich bin’s, das schlechte Gewissen.
Letzte Woche habe ich mich mit Christine darüber unterhalten, dass das, was man von außen sieht, ja oft nicht das ist, was wirklich ist. So sitzen an schönen Tagen oft viele, viele Leute im Café. Doch sind die wirklich alle relaxt und zufrieden? Oder haben sie ein schlechtes Gewissen, sind sorgengeplagt oder sind sie innerlich total gestresst, weil sie einen Berg von Dingen, die Sie noch erledigen müssen, vor sich sehen.
Gleichzeitig schwirrt mit schon seit Wochen eine Idee im Kopf rum, von der ich sehr unsicher bin, ob sie gut ankommt. Diese Idee ist „Meine Sünden als Selbstständige/r“.
Ich hatte überlegt, dass es lustig – und lehrreich wäre – mal ein wenig zu beichten, was die Verfehlungen in der Selbstständigkeit so waren und sind. Auch andere können davon lernen und so mancher ist froh, dass er nicht alleine mit dem gleichen Problemchen ist.
Eine Kombination dieser beiden Themen ist die Lösung: Ich rege Sie hiermit an, sich mal die Dinge anzuschauen, bei denen sich Ihr schlechtes Gewissen meldet.
Das können Dinge sein, die Unternehmensbereiche betreffen:
Ich will schon seit einem Jahr meine Website online haben.
Ich hatte mir Anfang des Jahres vorgenommen, regelmäßig zu akquirieren. Aber tatsächlich so gut wie nichts bisher gemacht.
Ich wollte meine Preise neu kalkulieren, aber mache es nicht, weil ich Angst habe, höhere Preise zu nehmen.
Meine Buchhaltung ist eine große, unaufgeräumte Schublade mit reingestopften Belegen.
Es können aber auch Alltagsdinge sein:
Ich setze mich in den Garten, aber ich bin nicht entspannt, weil ich eigentlich arbeiten sollte.
Ich war den ganzen Tag daheim und habe mir nicht wirklich ein Bein ausgerissen und meine Frau/mein Mann erledigt auf dem Heimweg nach dem Vollzeitjob auch noch die Einkäufe.
Ich sollte diesen einen Kunden zurückrufen, aber ich habe keine Lust und schiebe es immer wieder auf.
Ich hatte einen tollen, erfolgreichen Tag, aber bin wieder erst so spät heimgekommen, dass kaum Zeit für die Familie blieb.
Bewusst werden!
Ich finde es wichtig, sich diese „Verfehlungen“ näher anzuschauen, denn dann können Sie wirklich entscheiden:
- Ist das (zumindest logisch betrachtet) Quark und mache ich mir hier völlig ohne Grund ein schlechtes Gewissen?
- Ist es schon eine größere „Sünde“, die zwar nachvollziehbar ist, mit der ich aber meinen Geschäftserfolg sabotiere?
Vor allen Dingen aber nehmen Sie sich in die Pflicht, besonders, wenn Sie sich nicht über sich selbst ärgern, sondern überlegen: Wie krieg ich das blöde Gefühl weg? Was kann ich, auch in kleinen Schritten, tun, um mich besser zu fühlen und um diese Sache weiterzubringen. Oder, wie im Falle der Freizeit, sie einfach genießen zu lernen.
—-
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Anmerkungen & Kommentare
Als ich eben meine elektronische Post abrief, kam als erste Nachricht Dein heutiger Newsletter rein. Die zusammengeschobene, lesbare Zeile ergab folgende Information: "Gitte | 'Ich bin's, das schlechte Gewissen'."
Gerade hatte ich die Unterlagen für eine wichtige Aufgabe auf meinem Schreibtisch ausgebreitet. Und wollte "nur mal eben noch" schauen, was heute Vormittag so an E-Mails hereingekommen war...
...aber genau genommen habe ich eine Gelegenheit gesucht, mit der genannten Aufgabe nicht anfangen zu müssen. Und was passiert: Die erste E-Mail hatte den genannten Text. Peng! Erwischt! :-(
Ich schiebe diese Verwaltungsaufgabe schon seit vier Tagen auf den nächsten Tag.
Aber es hilft nix: Die Aufgabe muß nun heute erledigt werden. Der Termin ist näher gerückt. Wenigstens hatte ich ein relativ erholsames Wochenende (an dem ich immer mal wieder daran gedacht hatte, daß ich doch bereits am letzten Donnerstag damit beginnen wollte, um die Aufgabe so entspannt wie möglich erledigen zu können).
Nun muß es alles wieder schnell, schnell gehen. Was kein Problem darstellt, aber den entspannten Teil des Arbeitsprozesses weglassen muß.
Aber auch die Steuererklärung für 2009 schaut mich seit Monaten vorwurfsvoll an. Wenn ich dann mal zu hause bin, mach ich lieber was anderes (nicht immer unproduktiv und meistens sogar wichtig aber....)
Es würde mich echt beruhigen zu hören dass andere auch solche Schlunzis sind! Spuckts aus!:-)
so ein ähnliches Thema hatten wir schon mal, glaub ich. Die Aufschieberitis kennt und praktiziert jeder von uns, das zur Beruhigung.
Ich meine, auch damals geantwortet zu haben, dass sich durch Unterlassen so manche Angelegenheit auch von selbst regelt. Die Steuer gehört leider nicht dazu. Den letzten Termin zur Abgabe habe ich auch in einer Woche. Das meiste ist schon erledigt, nur an Kleinigkeiten hapert´s noch, wie immer.
Das parkinsonsche Gesetz sagt, dass man für eine Aufgabe genau so viel Zeit braucht, wie man zur Verfügung hat. Das kann ich nur bestätigen. Die Steuer kann ich gut in zwei Tagen schaffen, dafür brauche ich keine halbes Jahr. Nur welche zwei Tage ich für meine Arbeit nehme, darüber mache ich mir wenig Gedanken. Das kommt von selbst. Wenn man es von dieser Seite betrachtet, dann gibt es gar keine Aufschiebritis.
Schöne Grüße von
Barbara
Interessante Ausführungen zum Thema.
Das parkinsonsche Gesetz kam mir beim Lesen von Gittes heutigem Artikel auch in den Sinn.
Hier für Interessierte zum ausführlichen Nachlesen:
Parkinsonsches Gesetz:
Parkinsonsches Gesetz
Die Erläuterungen dazu, die Erledigung der Steuerangelegenheiten aufzuschieben, brachten mich auf den Gedanken, ob denn wirklich alles unter den Begriff "Aufschieberitis" fällt, wenn wir nicht mit Umsetzung beginnen wollen.
Könnten nicht einge Aufgaben auch unter die Begriffe "Wegschieberitis", "Beiseiteschieberitis", "Unwichtigschieberitis" und "Ins Land des Vergessens Schieberitis" fallen?
Herzliche Grüße
Norbert
das war gar nicht meine Absicht, die Aufschieberitis in den Mittelpunkt zu rücken, auch wenn das durchaus immer wieder ein Dauerbrenner sein wird (wohl auch bei jedem, mal mehr, mal weniger). Und danke auch nochmal für die Erinnerung ans Parkinsonsche Gesetz.
Hier finde ich das mit dem schlechten Gewissen einfach sehr wichtig. Das kann ja abgesehen vom Aufschieben viele Formen annehmen, manchmal auch völlig absurde Züge. Und das mal zu bemerken und bewusst zu verändern (und sich nicht in die eigene Lebens- und Selbstständigensuppe zu spucken), ist auf jeden Fall wichtig. Genau wie die Blattläuse von nebenan.
Einen schönen Abend
Gitte
Danke für den Artikel!
Dinge aufzuschieben ist eine völlig "normale" Reaktion, schliesslich lohnt es sich ja: Wir gehen unangenehmen Dingen aus dem Weg. Leider lohnt es sich nur kurzfristig, schliesslich müssen wir die Dinge dann doch erledigen.
Problematisch wird es erst dann, wenn man regelmässig aufschiebt und so den eigenen Erfolg sabotiert.
Aufschieberitis ist allerdings nur ein Symptom, die Gründe dafür liegen tiefer. Und ich finde, es lohnt sich, die Gründe dafür anzugehen.
Genau dazu passt Dein Aufruf "Bewusst werden". Das ist IMHO der erste Schritt zu jeder Veränderung.
Herzliche Grüsse
Ivan
Mein schlechtes Gewissen bezieht sich glaube ich fast nur auf Aufgeschobenes. Sonst müsste ich echt nochmal scharf nachdenken, aber da fällt mir so spontan nix ein (*weißewestehab*), zumindest nix was mich ernsthaft bekümmert.
Wir werden schon früh mit den Normen und Werten unserer Eltern „erzogen“, manche mehr - manche weniger! Je früher wir diese Normen und Werte "eingepflanzt" bekommen, desto fester sitzen sie.
Wenn ich aber gegen diese Normen und Werte verstoße, dann meldet sich mein "schlechtes Gewissen", weil sich in meinem Unterbewusstsein etwas regt, das mir signalisiert, dass das nicht in Ordnung ist, was ich da getan habe. Das ungute Gefühl vor diesem schlechten Gewissen hält mich in sehr vielen Fällen auch schon vorher davon ab, gegen die "erlernten" Normen und Werte zu verstoßen.
Schlimmes kann ich nicht daran finden, dass mein schlechtes Gewissen mich zielsicher davon abhält, zu stehlen oder zu betrügen oder meinen Abfall in den Fluss zu werfen oder jemanden vorsätzlich zu verletzen oder ...
Manchmal sind jedoch einige der mir vermittelten Normen und Werte auch nicht sehr hilfreich.
Ich habe zum Beispiel beigebracht bekommen, dass "NEIN SAGEN" ganz und gar nicht gut ist und ich ein schlechtes Gewissen bekomme muss, wenn ich zu irgendwas nein sage, was ich nicht will.
Dann bin ich wohl ziemlich gefährdet, von allen möglichen Leuten ausgenutzt zu werden. In solchen Fällen ist doch mein schlechtes Gewissen nicht richtig geeicht!
Also: Plagt doch ein schlechtes Gewissen oft gerade die, die es gar nicht zu plagen bräuchte, gegenüber denen, die es eigentlich haben müssten.
In diesem Sinne wünsche ich allen eine schöne Woche.
Anita-Luise
dankeschön für die anregende Diskussion. Finde ich ja immer ganz spannend, was sich an verschiedenen Gedanken und weiteren Puzzlesteinchen weiter ergibt.
Ich finde auch, dass das schlechte Gewissen natürlich insofern eine gute "Einrichtung" ist, als sie uns auf Dinge hinweist. Manchmal, wie Anita-Luise schon sagt, allerdings auf eine Art, die nicht gerechtfertigt ist oder uns quält.
Der Grund, warum ich das aufgegriffen hat, war vor allem, dass ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe, wie viele EinzelunternehmerInnen sich quälen. Manche durch Dinge, die sie aufschieben - davon durchaus Sachen, die beruhigt aufgeschoben werden könnten, die sich manchmal von selbst erledigen oder wo es überhaupt nicht schlimm ist, etwas vor sich herzuschieben. Und manchmal mit tatsächlich negativen Konsequenzen, eben wenn das Aufgeschobene zu Zeitdruck, in Folge davon Kundenunzufriedenheit oder gar schlechterer Arbeit führt. Oder wenn wichtige Unternehmensbereiche völlig außen vorgelassen werden (dann wird eine Betriebsprüfung zum Horror, es kommen keine neuen Aufträge rein und und und).
Oft ist es aber auch so, dass der Quälerfaktor aus ganz anderen Dingen herrührt: zum Beispiel aus einem "Nein sagen tut man nicht", so dass man sich ständig viel zu viel aufhalst oder womöglich für zuwenig oder gar kein Geld arbeitet.
Manche haben sogar ein schlechtes Gewissen, weil sie zu erfolgreich sind: Ich habe ja kaum etwas dafür getan und bekomme dafür so viel Geld (ja, auch das gibt es).
Und andere können ihre Pausen oder ihren Urlaub nicht genießen, weil sie, wie oben geschildert innerlich denken "Ich darf jetzt eigentlich nicht einfach dasitzen" oder "Ich hab ja so viel zu tun" oder auch ganz einfach "Angestellte können auch nicht einfach ins Café gehen".
Dinge, die uns ein schlechtes Gewissen machen, das uns wirklich behindert, weil es Energie zieht, unsere Aufmerksamkeit kapert oder uns regelrecht quält, machen uns das (Selbstständigen)Leben unnötig schwer.
Wenn es also beim einen die Aufschieberitis ist, die nur ein bisserl ein schlechtes Gewissen macht und damit kann man gut leben, ist alles gut. Wenn es aber behindert und "weh tut", dann ist es wichtig, einzugreifen.
Ich glaube, dass das Rumquälen deshalb bei vielen Einzelunternehmen so verbreitet ist, weil man alleine auch keinen Maßstab hat - und weil auch kein Umfeld eingreift.
Machen wir uns nicht zusätzlich das Leben schwer! Die Selbstständigkeit ist manchmal schon anstrengend genug, ohne dass da noch hausgemachte Probleme obendrauf kommen.
Viele Grüße
Gitte
Ich habe bis jetzt noch keine vernünftige Fokussierung meines Angebots vorgenommen, obwohl ich weiß, dass ich mich als Gemischtwarenladen wesentlich schlechter im Markt positionieren kann, dass ich mich ständig in neue Themen einarbeiten muss, was Zeit kostet. Trotzdem sage ich Ja zu vielen sehr unterschiedlichen Projekten, statt mich zu beschränken, thematisch greifbarer zu machen und dann eine gezielte Marketing- und Akquisestrategie aufzusetzen. Mea culpa.
Ich lasse mich immer wieder so stark von den Projekten in Anspruch nehmen (wobei die Aufschieberitis zusätzlich dafür sorgt, dass es imemer wieder eng und stressig wird), dass ich darüber alles andere vernachlässige: Buchhaltung, Akquise, Kundenpflege, Strategie, sogar das Schreibtischaufräumen ... Mea culpa.
Ich habe Schwierigkeiten, Dinge zu delegieren. Gut, vieles muss ich tatsächlich selbst machen. Aber sogar den Steuerkram mache ich lieber selbst, als ihn einem Steuerberater zu überlassen. Mea culpa.
Ich habe ständig viel zu viele Baustellen gleichzeitig, bei denen ich den Boden aufreiße, ein tiefes Loch grabe und dann hineinschaue, um zu überlegen, wie ich da jetzt eigentlich weitermachen will. Fortbildung: Ich müsste eigentlich dies und das und jenes ... Akquise: Ich müsste eigentlich hier und da und überhaupt ... Und und und. Mea culpa.
Was die Arbeitsmenge anbelangt, so fühle ich mich eigentlich ständig schuldig: Mal arbeite ich zu wenig (Jetzt schau dir bloß mal die Angestellten an, die auch nicht stundenlang im Internet rumdaddeln können!), mal zu viel (Jetzt schau dir bloß mal die Angestellten an - die machen auch mal Feierabend und Wochenende!). Mea culpa.
Und wer erteilt mir jetzt Absolution?
Herzliche Grüße, Sabine
Das zeigen die vielen Antworten und die eigene Erfahrung ganz deutlich.
Ich muss auch Iwan Recht geben. Wenn man immer wieder die (gleichen) Arbeiten aufschiebt, sollte man sich überlegen, woran das liegen kann, eventuell sogar ein Coaching in Anspruch nehmen. Denn vom schlechten Gewissen getrieben werden, ist demotivierend.
Wenn man Tätigkeiten nach hinten schiebt, dann muss das gar nicht negativ sein und gleich ein schlechtes Gewissen auslösen. Bei diesem heißen Wetter kann es sehr förderlich sein, weniger zu arbeiten und einfach die Sonne zu genießen. Das Arbeiten könnte man dann in die Abendstunden verlegen, ohne schlechtes Gewissen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich dann schneller fertig bin und mit mehr Freude an die Sache gehe.
Es hat auch viel damit zu tun, die Gunst der Stunde zu nutzen. Dann muss man seinen einprogrammierten Weg verlassen und sich auf sein Gespür verlassen. Denn unser Bauchgefühl ist im Lauf der Zeit gewachsen so, dass man sich sicher fühlen kann.
Ich meine, dass sich jeder selbst mehr vertrauen sollte, dass er seine Pflichten erledigen und seine Ziele in der verfügbaren Zeit erreichen kann. Anderenfalls ist es auch hilfreich, sich - beim "Müßiggang" - zu überlegen, ob man sich die richtigen Ziele gesteckt hat. Kurz abschalten und sich etwas gönnen, beflügelt außerdem die Kreativität.
Also, auch Aufschieben, Päuschen, Abschalten, frei Nehmen usw. schadet nicht sondern hält einfach fit und macht Laune.
Schlechtes Gewissen ab heute ade
Barbara
etwas, was das schlechte Gewissen vielleicht etwas gerade, d. h., in vernünftige Bahnen rückt, ist für mich das Buch "Grundrechte" von Ulrich Schaffer (ISBN: 78-3-7831-3267-0)
Eine schöne weitere sonnige Woche wünscht Sandra
Eben sehe ich, dass Elke Fleing in ihrem Blog einen „Schwesterbeitrag“ ergänzt hat:
Und jetzt: Guten Gewissens… ja, was eigentlich?
Eine schöne Idee! Gleich mal rüberspringen!
@Sabine: Hiermit erteile ich Dir Absolution.
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(Marie von Ebner-Eschenbach)
.... da muss ich aber gleich mal das Bloglesen aufhören an einem Montagvormittag und mich an die Arbeit machen