Motivation und Ausgleich

Gestresst, entspannt – stimmt das wirklich?

Gitte Härter • 05.08.2008 • email Weiterempfehlen

Work-Life-Balance heißt ja nicht nur, dem Beruf und dem Privatleben gleichermaßen Raum zu geben, sondern es geht in erster Linie ja um uns als Person. Sie können um 17 Uhr den Computer runterfahren und Feierabend machen. Aber bedeutet das automatisch, dass Sie diese Freizeit genießen, dass Sie sich entspannen, dass Sie etwas für sich tun? - Natürlich nicht.

Wenn Sie immer mal in unserem Blog stöbern, dann wissen Sie schon, dass ich nicht unbedingt der Held in Entspannungsfragen bin. In letzter Zeit aber fällt mir eines ganz besonders auf: Oft stimmt das Denken und Beabsichtigen nicht unbedingt mit dem tatsächlichen Empfinden überein.

Stress sagen und gestresst sein

Eine Zeitlang besonders viel zu tun haben, gerade mitten in eine Arbeit vertieft sein und dann läutet penetrant das Telefon ... wenn die Zeit drängt oder viel gleichzeitig auf einen einstürmt, dann liegt das S-Wort1 nahe.

Aber wie oft sagen wir das nur und wie oft sind wir wirklich auch körperlich gestresst? Ich merke zum Beispiel gerade in letzter Zeit, dass mich eigentlich nur wenige Dinge wirklich stressen: Wenn mein PC oder Internet nicht ordentlich funktioniert, lang andauerndes lautes Babygeschrei aus der Nachbarwohnung, hektisch brummende Fliegen, die ständig an der Scheibe entlangschwirren.

Das sind jetzt banale Beispiele, aber in diesen Situationen fühle ich mich wirklich gestresst: Ich merke körperlich, dass ich in Aufruhr und bis zum Zerbersten angenervt bin, dass ich aggressiv und dünnhäutiger werde und dass ich in irgendeiner Weise sofortige Abhilfe schaffen muss, weil ich es sonst nicht aushalte.

Alle anderen Situationen, die ich mit dem Aufkleber „Stress“ versehen würde, sind nicht körperlich stressig, sondern es ist eher die Beschreibung für „ist gerade viel auf einmal“ oder „ist zeitlich gerade etwas eng“.

Überlegen Sie doch einmal

  • was Ihre ganz persönlichen echten Stress-Situationen sind und wie sich das Gestresst-sein dann äußert. (Ein sehr empfehlenswertes und erhellendes Buch dazu ist übrigens Gib den Stress-Hormonen, was sie brauchen - gibt’s leider nicht mehr regulär im Handel, aber bei amazon oder ebay können Sie es vielleicht als Gebrauchtbuch ergattern.)
  • und bemerken Sie ganz bewusst, in welchen Situationen Sie Stress zwar sagen und denken, es aber keineswegs so starke Auswirkungen hat, dass Sie sich körperlich oder seelisch wirklich spürbar unter Druck fühlen.

Wichtig für Ausgleich und Stressresistenz ist – das ist oft zu lesen – das richtige Maß von Anspannung und Entspannung. Wie steht es denn bei Ihnen mit dem Entspannen?

Pseudo-Entspannung und wirklich entspannt

Im Artikel Wie Sie von der Arbeit abschalten und gut in den Feierabend starten gibt Christine ja einige Tipps, wie man den Übergang von der Arbeit in die Freizeit wirklich bewusst vollzieht. Aber das ist ja noch lange nicht alles. Denn alleine die Abwesenheit von Arbeit ist ja nicht gleichbedeutend mit Entspannung.

Viele Menschen machen zur Entspannung sowas: mit Freunden treffen, vor dem Fernseher sitzen, ein schönes Buch lesen, sich im Sport auspowern ... aber ist das wirkliche Entspannung? Also körperlich spürbare echte Entspannung?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir ist das – wie mit dem Stress – oft so, dass ich Entspannung sage oder denke, aber nicht fühle. Auf der Couch liegen und einen schönen Film anschauen, das macht Spaß und bringt Ruhe rein, keine Frage. Aber entspannen tut es nicht ... oft sogar im Gegenteil: Wir verfolgen die Handlung, der Fernseher flackert uns Bilder und Töne ins Hirn und selbst das bequeme Drapieren auf der Couch kann körperlich das Gegenteil von relaxter Muskulatur & Co. sein.

Überlegen Sie doch mal:

  • Wann waren Sie das letzte Mal so richtig körperlich spürbar entspannt?
  • Welche Situationen gibt es, wo Sie nicht großartig denken, sondern den Kopf ganz entlasten können?
  • Was lässt Sie ruhen und erfrischt und wie aufgetankt fühlen?

—————————————————————————————1 Ich meine STRESS. Was haben Sie denn gedacht?!

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Norbert am 05.08.2008
Hallo, Gitte!

"Wann waren Sie das letzte Mal so richtig körperlich spürbar entspannt?"

Vielleicht meinst Du mit dieser Frage etwas anderes, aber mir ist im Mai folgendes (zum ersten Mal!) passiert:

Meine Frau und ich sind mit dem Auto wieder einmal für einen Tag an die Nordsee gefahren. Weg von allem. Weg aus allem. Abstand. Pause vom Alltag. Ruhe.

Wir sind sehr lange am und auf dem Deich entlang spaziert, haben die Seeluft tiiiief eingeatmet. Den Strand haben wir uns ebenfalls mit den Füßen erlaufen. Wun-der-bar!

Diesmal hatten wir uns etwas zum Picknick mitgenommen, statt in das dortige Restaurant zu gehen. Wir haben die Decke ausgebreitet, die mitgebrachten Leckereien vor und zwischen uns verteilt und es genossen, beim Blick auf die Nordsee Mitgebrachtes zu essen und zu trinken. Auch hier: Wun-der-bar!

Nach dem Essen legte ich mich wie ein Maikäfer auf den Rücken und beobachtete die Wolken bei ihrem Zug am Himmel. Und während ich so beobachtete...

Eine Stunde später wunderte ich mich, warum meine Nase Grasberührung mit dem Deich hatte. Ich hatte doch Wolken...?

Da war ich also tatsächlich das erste Mal am Deich eingeschlafen.

Ich denke, ich war vollkommen entspannt. Kein Telefon, kein Notebook, kein Schreibtisch, kein Da-muß-ich-jetzt-noch... Einfach nur Ruhe, Wind, Wellen und Wolken. Und an meiner Seite meine Frau, die sich derweil mit einem lustigen Buch vergnügt hatte.

Herzliche Grüße aus Hamburg
Norbert
Von: Gitte Härter am 06.08.2008
Hallo Norbert,

das ist doch ein wunderschönes Beispiel für bewusstes Seele-baumeln-lassen (<- ein sehr schöner Begriff).

Da habt Ihr Euch ganz bewusst in die Natur begeben und Du hast Dich so fallenlassen, dass Du eingeschlafen bist.

Praktisch zwei "Extreme": Seele baumeln <-> weggetreten grin

Und dann gibt es noch so eine Stadium. Wenn man "da" ist, aber gleichzeitig ganz entspannt, so eine Zwischenphase.

Ich kenne das beispielsweise von der Progressiven Muskelentspannung oder ganz, ganz selten auch mal vom Fitnessstudio, wenn am Schluss ein paar Minuten Entspannung ist.

Alle Mitleser, die richtig Entspannung oder Meditation machen, die kennen das ganz intensiv.

-

Alleine die Abwesenheit von Computer und Muss-ich-noch hat auch Einiges für sich! smile

Viele Grüße
Gitte
Von: Ursula Kruck-Hantschel am 11.08.2008
Hallo grin

zunächst einmal möchte ich gerne das Wort "Stress" genauer betrachten:

Viele Menschen belegen den Begriff grundsätzlich negativ, jedoch:

es gibt zwei übergeordnete Gruppen - den
Eustress und Disstress. Stress kann nämlich auch positiv belegt sein. Verliebt sein, ein glückliches Erlebnis, Arbeit, die ich gerne tue, ein Workout für den Körper.. und einiges mehr - dies einmal grundsätzlich zu der Thematik.

Stress ist häufig hausgemacht, die Abwesenheit mangelnder Kommunikation und auch ein Stück Hilflosigkeit. Eigentlich findet dieser im Kopf statt, denn es sind Gedanken, die wir uns über Situationen machen. Sogar über Situationen, die noch gar nicht stattgefunden haben (Sorgen machen). Der Gedanke mit Lebenssituationen nicht fertig werden zu können, nicht genügend Zeit zu haben und sich letztendlich unsicher zu fühlen.

Entspannt sein - nicht nur körperlich, sondern auch geistig - ist eine Lebensaufgabe, ständiges Üben und der Entschluss, es zu sein.

Uff, höre ich schon manch einen Stöhnen - leicht gesagt. Nein, es ist nicht leicht gesagt, es ist meine Erfahrung im Umgang mit dem täglichen Leben, es ist tägliche Übung! wink

Die Balance zu finden bedeutet für mich in meiner eigenen Balance zu sein.

- Stressresistenz entwickelt zu haben durch viele Lebenssituationen, die ich meistern konnte und zu wissen wo meine Stärken und Schwächen sind.

- Zu wissen, dass es Instrumente gibt, deren ich mich jederzeit gewinnbringend bedienen kann. (z.B. Zeitplanung und: wenn’s zu laut wird – der Nachbar baggert seinen Garten um, gibt’s Ohrstöpsel.- lach)

- Mich genüsslich, ohne schlechtes Gewissen, einfach in den Garten zu begeben, mein Arbeitszimmer quasi in die Natur zu verlegen und dort die Augen auch mal für eine halbe Stunde zu schließen und in der Sonne träumen - die Arbeit läuft ja nicht davon wink

- Täglich neu mich zu entscheiden entspannt an die Abläufe zu gehen und mir erlauben auch mal etwas nicht 150przentig zu machen.

- Meinen Tagesablauf bewusst mit meinen eigenen Pausen zu planen, komme, was wolle.
- Loszulassen im Bewusstsein unabhängig von allem sein zu können.....

Dies habe ich nicht von heute auf morgen einfach mal eben so praktiziert, nein, dazu hatte ich bereits 51 Jahre Zeit zu trainieren wink und spätestens, wenn mich das Geschrei der Nachbarskinder nervt, ist das ein Warnzeichen, dass ich vergaß zu Üben....

Herzliche Grüße
Ursula

 

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