Gemeinsam selbstständig? Ein nützlicher Fragenkatalog
Sich gemeinsam mit anderen selbstständig zu machen, hat seinen Reiz: Man kann Kenntnisse und Erfahrungen bündeln, Stärken gemeinsam nutzen und hat vor allen Dingen einen oder mehrere Mitstreiter beim Aufbau des eigenen Unternehmens.
Leider geht dieses Vorhaben häufig schief. Hier einige Aspekte, die Sie sich vorher gut ansehen sollten.
Was haben Sie überhaupt vor?
Bevor Sie sich darüber Gedanken machen, ob und mit wem Sie sich zusammentun möchten, ist es wichtig, dass Sie sich klare und konkrete Vorstellungen über Ihre Pläne machen:
- Was genau möchte ich an Leistungen anbieten/an Produkten vertreiben?
- Auf welchem Weg?
- Was bringe ich an fachlichen und persönlichen Fähigkeiten/Qualifikationen mit?
- Wo sehe ich Informationsdefizite oder mangelnde Kenntnisse/Fähigkeiten/Erfahrung?
Das sind natürlich nur einige allgemeine Fragen, die Ihnen dabei helfen sollen, Ihre Pläne zu konkretisieren.
Vielleicht sind Sie bereits selbstständig und möchten sich nachträglich mit jemandem zusammentun: Weil Sie eine interessante Person kennengelernt haben, mit der Sie sich eine gemeinsame Firma vorstellen können. Weil Sie Ihr Geschäft erweitern möchten und weiteres Know-how oder Kontakte mit ins Boot holen möchten.
Auch wenn Sie bereits ein eigenes Unternehmen führen, sollten Sie sich fragen, wo Ihr Weg Sie hinführen soll - und weswegen Sie der Ansicht sind, dass es gut oder wichtig ist, sich mit anderen zusammenzutun.
Es ist sehr verlockend, gleich Pläne für zwei oder mehrere Leute zu machen: Wir könnten dies, wir könnten jenes ... Tun Sie sich jedoch den Gefallen und klopfen erstmal Ihre persönliche Situation/Ihre Vorstellungen und Pläne ab - denken Sie zunächst einmal nur für sich.
Wie sattelfest sind Sie?
Eben habe ich es bereits kurz erwähnt: Wie sattelfest sind Sie, was fachliches Know-how, Fähigkeiten und Erfahrungen angeht? Denken Sie hier nicht nur an Ihre Kernkompetenzen, sondern auch an die weiteren Themen, die für ein eigenes Unternehmen relevant und wichtig sind (Finanzfragen, Verkauf etc.)
Identifizieren Sie die Bereiche, in denen Sie sich
- kompetent, sicher und “sattelfest” fühlen
- unsicher fühlen oder wissen, dass Sie Defizite bzw. kein Interesse an bestimmten Themen haben
Notieren Sie die einzelnen Themengebiete, Kenntnisse und Fähigkeiten. Denn nur mit einer solchen Bestandsaufnahme können Sie konsequent überlegen und planen.
Häufig tun sich Selbstständige mit anderen zusammen, weil sie eigene Defizite ausgleichen möchten. Das ist prinzipiell ein sinnvoller Gedanke, doch wird dabei schnell übersehen, dass es nicht unbedingt nötig ist, deswegen gleich ein gemeinsames Unternehmen zu gründen.
Es gibt vielfältige Formen der Kooperation - und es gibt die Möglichkeit, für bestimmte Gebiete externe Dienstleister zu beauftragen.
Was sind Ihre Gründe?
Einige Gründe, sich mit anderen gemeinsam selbstständig zu machen, habe ich bereits angesprochen. Ergänzen möchte ich drei weitere:
1. Vereinsamung
Auf sich alleine gestellt zu sein - ob am Anfang oder nach einigen Jahren - ist etwas, das den meisten Einzelunternehmern an die Nieren geht: Niemand zum Austauschen da, keiner, der einen auch mal aus einem Motivationsloch holt - oder einfach Ansprache, andere Ideen, Power, Leben in der Bude.
2. Der Wunsch, das Risiko zu teilen
Besonders zu Beginn ist der Wunsch groß, sich nicht alleine in das Abenteuer Selbstständigkeit zu stürzen - dabei ist nicht nur vom geschäftlichen Risiko die Rede, sondern auch vom Mut, den Schritt zum eigenen Unternehmen zu wagen und das “Baby” gut auf die Welt zu bringen und erfolgreich weiterzuentwickeln.
3. Die Hoffnung, die andere Person bringt Aufträge heran
Oft sind Selbstständige fachlich top, tun sich jedoch schwer mit der Akquise und dem aktiven Selbstmarketing. Wir sehen immer wieder, dass sich Einzelunternehmer zusammenschließen in der Hoffnung, dass die andere Person - ob Neuling im Geschäft oder jemand mit eigenem Business - Aufträge (mit)bringt.
Abgesehen von den beispielhaft genannten Gründen: Hinterfragen Sie unbedingt
- Warum hegen Sie den Wunsch, sich mit jemandem zusammenzutun?
- Was erhoffen Sie sich davon?
- Was erwarten Sie von der anderen Person?
- Wenn Sie bereits eine oder mehrere konkrete Person(en) im Auge haben: Warum gerade diese Konstellation?
- Wenn Sie unsicher sind oder in gewisser Beziehung Zweifel haben: Worin bestehen diese? Wie gehen Sie damit um?
Wie suchen/finden Sie mögliche Partner?
Was Sie bitte keinesfalls tun sollten, ist mit vagen Bekannten oder Freunden mal eben auf den Wir-könnten-uns-doch-gemeinsam-selbstständig-machen-Zug aufzuspringen! Die absurdeste Variante, die ich leider immer wieder zu hören bekomme, sind Sachen wie diese: “Ich überlege gerade, mich selbstständig zu machen, und war auf einem Info-Abend beim Existenzgründerbüro. Da hab ich eine nette Frau kennengelernt, die meine Leistungen gut ergänzen würde. Wir überlegen jetzt, eine gemeinsame Firma zu gründen.”
Hilfe! Bitte, bitte machen Sie sowas nicht. Es ist immer gut, wenn Sie neue, interessante und auch nette Kontakte knüpfen. Wenn diese auch noch wichtiges Know-how oder ergänzende Leistungen anbieten, wunderbar. Doch bitte nicht gleich in Form eines gemeinsamen Unternehmens.
Sie können wunderbar einzelne Projekte zusammen machen - oder auch eine Bürogemeinschaft eingehen ... jedoch empfehle ich Ihnen getrennte Firmen und getrennte Kasse. Sollte sich nach längerer erfolgreicher Zusammenarbeit zu einem späteren Zeitpunkt herauskristallisieren, dass Sie eine gemeinsame Firma ins Leben rufen möchten, wunderbar. Jedoch keineswegs spontan und auf reiner Sympathie oder vagen Plänen basierend.
Weitere Varianten für die gemeinsame Firmengründung sind “wir haben gemeinsam eine Schule/Fortbildung besucht”, “wir haben zusammen studiert” und “wir sind befreundet/im selben Bekanntenkreis”.
Klar, Sich-gut-Verstehen ist wichtig, sich zu mögen ebenso - doch ausreichend ist das noch lange nicht. Ideal ist es, wenn man längere Zeit bereits miteinander gearbeitet hat, das kann auch projektbezogen sein.
Theorie ist geil - Praxis ist ernüchternd
Mit dieser plakativen Überschrift ist gemeint: Pläne zu machen und auszuhecken, was man alles gemeinsam tun könnte und möchte, ist eine Sache. Die Praxis mit einem ganz neuen oder jungen Unternehmen ist reichlich ernüchternd.
Ich kenne Firmen (zu zweit oder mit einem Team von Leuten), die ständig hochbeschäftigt sind - mit Meetings, Budgetplanung, Ideen und Strategien - und die eine Illusion von Firma und Beschäftigung aufbauen. Tatsächlich sind die Außenkontakte und die Auftragslage flau. Je mehr man sich jedoch in Plänen und reinen Vorbereitungen verliert, desto nebliger wird die Realität. Und so ist schon manche Firma in die Binsen gegangen, die nach außen gesund aussah.
Sofern Sie sich also zusammenschließen: Behalten Sie Bodenkontakt und passen Sie auf, dass Sie sich nicht nur miteinander in tollen Ideen ergehen, davon können Sie nämlich Ihre Firma nicht beleben und Ihre Miete nicht bezahlen.
Wohin geht die Reise?
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Ziele und Vorstellungen, die Sie bei einem gemeinsam geführten Unternehmen haben. Diese beziehen sich auf die eigene Funktion, auf die Planung und konkreten Visionen und Ziele, die Sie für Ihre Berufstätigkeit, Ihre Firma und Ihre Kunden haben:
- Wie soll sich meine Firma nach außen geben? Wie soll sie sein? Was verkörpern wir? Wofür stehen wir?
- Was ist mir wichtig? (Was ist meinem tatsächlichen oder potenziellen Geschäftspartner wichtig?)
- Wo sehe ich mein Unternehmen in einigen Jahren?
- Welche Strategien stelle ich mir vor?
Das Ganze funktioniert natürlich auch umgekehrt:
- Was möchte ich auf keinen Fall?
Diese Aspekte sind besonders am Anfang sehr schwierig, denn wenn eine Firma noch in den Kinderschuhen steckt, hat man häufig noch nicht so genaue Vorstellungen - vieles ergibt sich erst nach einem, zwei, drei Jahren: Die Inhalte können sich ändern, die Zielvorstellungen anpassen oder es ergeben sich durch zu viele oder zu wenige Aufträge neue Themen und Erfordernisse.
Was Sie jedoch bereits im Vorfeld abklopfen können und sollten, sind die grundsätzlichen (momentanen) Ziele.
Beispiel: Möchten Sie, dass Ihr Unternehmen klein und inhabergeführt bleibt, oder planen Sie, mit Mitarbeitern zu starten bzw. später zu expandieren?
Grundlegende Vorstellungen und Pläne müssen von vornherein so klar wie möglich sein und auch mit möglichen Partnern abgestimmt werden. Das heißt nicht, dass Sie mit Ihren Zielen auf ewig verheiratet sind. Doch Sie finden gemeinsam gleich heraus, ob Alarmglocken läuten müssen oder ob Sie grundsätzlich unterschiedliche Richtungen anstreben.
Gehen Sie niemals leichtfertig darüber hinweg, wenn Vorstellungen und Erwartungen bereits am Anfang deutlich auseinanderklaffen.
Tipp: Kooperation muss keine gemeinsame Firma sein.
Mit anderen zu kooperieren - kurzfristig für einzelne Projekte oder auch längerfristig - ist für Einzelunternehmer eine feine Sache. Im Regelfall heiraten Sie jemanden, den Sie gerade kennengelernt haben, auch nicht sofort, sondern nähern sich erstmal an, ziehen irgendwann mal zusammen bis sie sich zur Ehe entschließen oder gar eine Familie gründen. Dieses Annähern hat durchaus auch im beruflichen Kontext ihre Vorteile.
Lesen Sie auch: Zu unterschiedlich?
Das Thema hatten wir schonmal:
Sich gemeinsam selbstständig zu machen – oder es zu sein – hat es ganz schön in sich. Denn einerseits hat es ganz viele Vorteile, andererseits entstehen oft auch Hürden oder es kommt zu Streitigkeiten: aufgrund unterschiedlicher Ziele, weil der eine den Eindruck hat mehr oder weniger zu machen als der andere, aber auch aufgrund unterschiedlicher Charaktere ...
Gemeinsam selbstständig: zu unterschiedlich?
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Anmerkungen & Kommentare
Eine Gemeinschaft sollte aus einer ungeraden Anzahl - die kleiner ist als drei - von Personen bestehen.
Maria
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... mit denen Selbstständige
meistens danebenliegen
Gitte Härter •
wohw,was für ein wunderbarer, wichtiger und richtiger Artikel!!!
Genau solche Fragen beschäftigen viele Gründer und z. T. auch Jungunternehmer, denen vieles (Akquise, Aufträge generieren, etc. z. B.) schwer fällt.
Theorie ist geil - Praxis ernüchternd - und wie das stimmen kann! Anfang meines 3. Jahres wollte ich das Handtuch schmeißen, machte vorher noch 2 Wochen Urlaub und dachte daran bis zum Sommer die Freiberuflichkeit abzuwickeln. Bis dahin hatte ich noch einige, wenige Aufträge. Während meines Urlaubs (und danach auch) purzelten genügend Aufträge in mein E-Mail-Postfach. Was war los? Meine Akquisebemühungen trugen endlich Früchte. Es hatte sich herum gesprochen
a) welchen teils begehrten Schwerpunkt ich liefere
b) gute Arbeit und Ideen
c) weiß der Geier...
d) einige kamen über Empfehlungen zu mir
Kein Gedanke mehr daran die Selbständigkeit an den Nagel zu hängen. Bereitet viel zu viel Freude und Urlaub dient der Entspannung, nicht der Ideensucherei "wie find ich das Ei des Kolumbus":-) Ein Marketingberater teilte mir mal mit, bei meiner Idee braucht es ca. 5 Jahre bis ich weiß ob meine Selbständigkeit sich finanziell kontinuierlich tragen kann.
Ernüchternd. Aber es gibt da so einen irrwitzigen Funken, der entzündet Lichtbälle wenn die Laune mal wieder sacken sollte. Und das zweite Standbein ist in Vorbereitung, geht im Anfang 2012 online. Schon wieder freischaffend, verknüpft altes und neues. Freude pur. Verrückt? Manchmal.
Kooperationen wollen gut überlegt sein, zur gemeinsamen Firmengründung gehört eindeutig mehr als sich zu mögen oder nur Defizite auszugleichen.