Gar nicht gut: An Stress gewöhnen
Seit einigen Wochen lerne ich ja Seilspringen. Das wollte ich letztes Jahr schon mal tun, war aber dann zu ungeduldig. Dieses Jahr habe ich ernsthaft damit angefangen und es hat geklappt! Ich bin mittlerweile richtig gut geworden. Natürlich nicht von ungefähr: ich übe konsequent mehrmals pro Woche.
Meistens springe ich zu Musik, und dabei ist mir so richtig aufgefallen, wie schnell man sich an Geschwindigkeit gewöhnt. Ich habe natürlich mit langsamerer Musik angefangen und immer, wenn ich mich steigere, komme ich am Anfang bei schnelleren Stücken überhaupt nicht mit. Oder mir hängt die Zunge raus, weil ich mich so konzentrieren muss. Nach einigen Tagen ist das Tempo kein Problem mehr und nach kurzer Zeit fühlt es sich total bequem an. Wenn ich mir ein noch schnelleres Lied aussuche, ist das am Anfang ein Problem, aber wenn ich mich gewöhnt habe, kommt mir das Tempo zuvor sehr schnell zu lahm vor.
Mit Arbeitspensum und engen Deadlines ist es ganz genauso.
Nicht nur lernen wir es oft, damit umzugehen, sondern es kommt uns irgendwann normal vor – bis wir so gut darin sind, dass es bequem ist.
Ich kenne das auch noch von meiner Angestelltenzeit: da hatten wir so ein konstant steigendes Tempo und Pensum, dass ich im ersten Jahr meiner Selbstständigkeit bei Kunden vor Ort immer dachte: “Mein Gott, was sind denn hier für Schlaftabletten unterwegs!”
Nun ist es einerseits ja ganz gut, wenn man geübt und souverän mit Belastungszeiten umgehen kann. Andererseits ist es gar nicht gut, wenn solche Sonderzeiten zur Normalität werden. Eine Gefahr, die EinzelunternehmerInnen besonders haben, weil das berufliche Umfeld fehlt, das einen regulieren könnte.
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Anmerkungen & Kommentare
Bei einem hohen Tempo fehlt oft (nicht immer) der Tiefgang und das Gefühl für und zu den Dingen. Je nach Beruf(ung) ist das mehr oder weniger wichtig. Ich habe die Erfahrung gemacht, das fühlen einfach Zeit braucht. Ein Bewußtsein über das was und wie ich es gerade tue, kann ich bei jeder Tätigkeit entwickeln. Ob ich nun arbeite oder einer Freizeitgestaltung nachgehe.
Gerade dieser Tiefgang der Gefühle macht die vergangene Zeit scheinbar länger. Beispiel: wenn Du in Deinem Job nur auf den Urlaub hinarbeitest, wie kommt Dir die Zeit zwischen den Urlauben vor? Und was ist, wenn Du dann im Urlaub bist? Welches Gefühl bekommt dann Raum, wenn Du an die Arbeit denkst? Oder anders ausgedrückt: Weihnachten ist jedes Jahr wieder plötzlich da! was war in den vergangenen 11 Monaten? Welche positiven und negativen Highlights gibt es und wie viele?
Ich pflege und betreue meinen Vater. Ich werde von vielen Seiten gefragt, ob das nicht eine schwere Zeit ist. Meine Antwort: die Zeit ist nicht schwer, aber sehr intensiv. Jeder Tag ist anders und nicht vorhersehbar. Wie die Wellen im Meer, sie kommen und gehen, mal schneller mal langsamer.
Ich teile deine Meinung, dass man sich besser nicht an Stress gewöhnen sollte. Ganz einfach aus dem Grund, dass ich aus schulmedizinischer und naturheilkundlicher Sicht weiss, was Stress im Körper verursacht. Die Folgen kann man gleich bemerken (aber auch ignorieren) und bekommt sie aber nach Jahren und Jahrzehnten knüppeldick serviert.
Deshalb ist Marcos Hinweis, die Schnelligkeit und Anspannung auch wieder mit Entspannung aufzuwiegen, sehr wichtig!
Angela
Ich habe gemeinsam mit meinem Partner in den lezten 25 Jahren ein Unternehmen mit 70 Mitarbeitern aufgebaut.
Der Takt erhöhte sich natürlich mit dem geschäftlichen Erfolg. Das Arbeitspensum wurde von uns aber immer als positiver Streß empfunden !
Die wenige Freizeit wurde sehr intensiv mit der Familie genutzt.
Daß der schnelle Takt auf Dauer nicht geht, bemerkt man erst dann, wenn die ersten Stolpersteine im Weg liegen. Ruhezeiten werden verkürzt, kaum noch Zeit für die Familie eingeplant...die emotionale Ebene und der Blick für andere Dinge im Leben werden in einen Tunnel gesteckt, an dessen Ende nur noch der berufliche Erfolg steht.
Seit 2 Jahren bin ich von Partner und Firma getrennt. Mein persönliches Ziel habe ich in dieser Zeit ganz klar definiert -kein Erfolg mehr um jeden Preis-
Seit ich meinen eigenen Takt für Beruf und Freizeit wiedergefunden habe, erlebe ich eine ganz andere Welt, von der ich lange Zeit nichts mitbekommen habe.
Mein Partner hingegen kämpft gerade mit ernsten streßbedingten gesundheitlichen Problemen. Er schafft schafft es nicht, sich in einem fast 24 Stunden laufenden Betrieb einen Freiraum zu schaffen, wo er alleine den Takt bestimmt.
vielen Dank für die vielfältigen Kommentare, Erfahrungen und Ergänzungen.
Da kommt auch schon insgesamt durch, worauf es mir ankam: Dass dieses "hart arbeiten und dann entspannen", wie Marco es eingangs anspricht, aus meiner Sicht zu kurz betrachtet ist.
Darum hatte ich auch geschrieben, es ist nicht gut, sich dran zu GEWÖHNEN, was das Seilspringbeispiel wie ich finde, sehr gut illustriert.
Wenn man sich gewöhnt, schraubt man Pensum und Geschwindigkeit eventuell konsequent höher ohne zu merken, dass der eigene Maßstab (und das eigene Gefühl) nicht "normal" ist.
Ich meine nicht, dass man nicht gerne viel arbeiten soll. Das tu ich auch. Doch in erster Linie ist doch auch die Frage: Muss man überhaupt hart arbeiten? Viele Leute setzen viel zu viel Energie und Zeit ein für ein Ergebnis, das mit weniger Aufwand erreichbar wäre.
Wenn wir bei der Sportanalogie bleiben, dann wäre das die richtige Technik, das gezielte Training, das auch auf Ökonomie der Bewegungen, des Krafteinsatzes und Regeneration beruht.
Und, was Angela sagt, erinnert mich auch noch an ein nützliches Buch: "Gib den Stress-Hormonen, was sie brauchen" von Sepp Porta und Günther Zagler.
Das fand ich sehr erhellend, weil es einem genau erklärt, was im Körper abläuft - vor allen Dingen, dass diese Abläufe rund um den Stress eben keinen Unterschied dabei machen, ob wir uns subjektiv wohlfühlen. Also diese "positiver Stress"-Geschichte, die wir oftmals fühlen, empfindet der Körper trotzdem als Stress und das veranlasst bestimmte Reaktionen - wie gehemmte Funktionen oder Ausschüttungen im Körper, die wiederum Konsequenzen haben.
Insofern lohnt es sich schon, das differenzierter anzuschauen und es nicht dabei zu belassen, rund um die Uhr zu arbeiten und dann glauben, das gemütliche Weißbier oder die Sauna macht alles wett. Da sind wir Menschen einfach komplexer.
Viele Grüße
Gitte
ich profitiere seit Jahren von Ulrich Pramanns "Wohlfühlbuch", das vor Urzeiten heraus gegeben wurde. Bei Amazon ist es noch erhältlich. Empfehle ich gerne!
GRüße,
Silke
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