Fluch und Segen von Schnelligkeit
Sind Sie von der schnellen Truppe? Das hat sehr viele Vorzüge. Es gibt aber auch gewaltige Nachteile, die Sie sicher nur zu gut kennen, besonders wenn Sie nach Zeit bezahlt werden.
Manche Menschen sind einfach schnell:
- Vielleicht sind Sie jemand, dem Konzepte innerhalb von Minuten regelrecht zufliegen: Sie sehen etwas. Erkennen, was Sache ist. Und können es ad-hoc auf den Punkt bringen. ... während ein Branchenkollege zehn Stunden dafür braucht
- Vielleicht fällt Ihnen das Schreiben oder Rechnen besonders leicht, und so schütteln Sie Ihre Aufträge „mit links“ aus dem Ärmel. ... während andere erstmal recherchieren, Entwürfe schreiben und dreimal überarbeiten
- Vielleicht sind Sie ein wunderbarer Redner, der alle Argumente parat hat: Ich könnte Sie ohne Vorbereitungszeit in einen Saal schubsen, und Sie würden ein wunderbares Training durchführen, einen Vortrag halten oder eine Konferenz moderieren. Einfach so!
- Vielleicht sind Sie ein begnadeter Techniker: Sie gucken sich was an und schon ist es repariert! Oder Sie sind Entwickler, der sofort weiß „So könnt’s gehen!“ – und so geht’s dann auch.
Sowas ist toll! Es hat durchaus mit Talent und Neigung zu tun. Ist sehr stark vom Know-how und der Sattelfestigkeit im Thema abhängig. Und mitunter spielt auch das Vertrauen in sich selbst eine Rolle.
Der Schnelle ist schnell der Gelackmeierte
Ich tippe wahnsinnig schnell. Nach meiner Lehre habe ich nebenbei bei einem Rechtsanwalt gejobbt. Da haben Sie also ein volles Diktatregal, und das muss weg. Ich brauchte halb so lange für die Arbeit als die Kollegin. Die Kollegin bekam doppelt so viel Geld.
Hä? Eigentlich sollte ich ein Eis obendrauf kriegen, weil ich so fix bin, und die lahme Schnecke gefeuert werden, dachte ich mir damals.
Wenn Sie von der schnellen Truppe sind, dann kennen Sie das aus Ihrem beruflichen Alltag auch.
Es gibt nämlich einige Nachteile, die sich daraus ergeben können, wenn Sie nicht aufpassen. Kommt Ihnen beispielsweise das hier bekannt vor?
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- Sie ärgern sich – wie ich in meinem Beispiel – darüber, dass Sie Stundenzahl X abrechnen und gleichzeitig wissen, dass andere, die doppelt so lange brauchen, auch doppelt soviel verdienen (und der Kunde das anstandslos bezahlt!).
- Hin und wieder will ein Kunde sogar noch handeln, obwohl Sie wissen, dass Ihnen die Geschwindigkeit so schnell keiner nachmacht und der Kunde doppelt froh sein sollte: Dass Sie es so schnell gemacht haben und dass er im Verhältnis zu Mitbewerbern (je nach Ihrem Abrechnungsmodell) einen Bruchteil davon bezahlt hat.
- Einige Kunden gewöhnen sich an Ihre Geschwindigkeit und sehen es nicht mehr als extra Service, sondern nehmen es selbstverständlich. Vielleicht werden die Deadlines sogar immer knapper und wenn Sie nicht sofort springen, bekommen Sie einen Anruf „wo’s bleibt“.
- Der eine oder andere Kunde hält Ihre Leistung für zu banal, wenn das so schnell geht. (Andere haben da immer viel länger gebraucht, vermutlich sind sie gründlicher gewesen als Sie!)
Das klingt jetzt alles so negativ. Aber ich weiß, dass die Schnellen unter Ihnen diese oder ähnliche Situationen kennen!
Ich kenne sie. Zum Glück sind es Ausnahmen: Die meisten Kunden wissen es sehr zu schätzen, wenn man schnell ist – es kann sogar, wenn Sie es richtig einsetzen, ein toller Wettbewerbsvorteil sein.
Wenn Sie selbstständig sind und Ihre Stärke die Geschwindigkeit ist, dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit einmal gesondert darauf – in Bezug auf Ihre Leistungen, Ihren Abrechnungsmodus und Ihr Marketing. Aber auch in puncto Selbstmanagement.
Machen Sie Ihre Geschwindigkeit zu Ihrem Vorteil
Nutzen Sie das schöne Wetter, setzen Sie sich mit einem Block und Stift in die Sonne und schreiben Ideen auf (vielleicht mit dieser von Ralf vorgestellten Methode).
Ihr Business
Überlegen Sie sich einmal ganz allgemein, was Geschwindigkeit für Ihre Selbstständigkeit bedeutet: Wo sind Sie “von der schnellen Truppe“, wo nicht? Nutzen Sie Ihre Talente, Neigungen und Ihr Know-how tatsächlich so, dass Sie davon profitieren können?
Dazu ein kleines Beispiel: Als ich meine ersten Trainings und Vorträge hielt, dachte ich, man müsste alles bis ins Kleinste vorbereiten und durchplanen und betrieb einen riesigen Aufwand. Dennoch fühlte ich mich nie damit wohl. Weil meine Stärke gerade darin besteht, spontan zu agieren. Ich kenne meine Themen, ich kann auf den Punkt Fachwissen „ausspucken“ und mit praktischen Beispielen, die mir zugeworfen werden, sofort gut handeln. Es ist für mich also nicht nur zeitsparender, mir nur einen groben Rahmen abzustecken, sondern es ist zudem viel besser für meine Teilnehmer, wenn ich diese Ad-hoc-Stärken einsetze – anstatt mich selbst in einen fixen Rahmen zu pressen, in dem ich schlechter bin als wenn ich mir Raum zum Improvisieren gebe.
Stellen Sie also mal Ihr Business auf den Prüfstand im Hinblick darauf, was Sie schnell und gut können, praktisch mit links erledigen. Hier einige Fragen, die Ihnen als Initialzündung dienen sollen:
Ihre Leistungen
- Nutze ich meine besonderen Stärken, also das, was mir besonders leicht fällt, was ich schnell erfassen und umsetzen kann, in meinen Leistungen wirklich (schon/genug)?
- Schlage ich Kapital von meinen Feuerwehr-Qualitäten, zum Beispiel indem ich zusätzlich einen Expresservice anbieten oder das vielleicht sogar zum Kern meines Business mache?
Ihr Abrechnungsmodus
- Habe ich das Gefühl, aufgrund meiner Schnelligkeit weniger (zu wenig) zu verdienen? Wie sieht mein Abrechnungsmodus aus, z. B.: Wäre eine Pauschale sinnvoller als Stundensatz?
- Möchte/könnte/sollte ich für besonders eilige Aufträge einen Feuerwehrzuschlag nehmen (oder auch wie beim Express-Postversand das zur Wahl stellen: Wenn Sie es innerhalb von 24 Stunden haben möchten, dann xy Euro.)?
- Kalkuliere ich realistisch oder mache ich vorschnell Angebote, bei denen ich das tatsächliche Zeitpotenzial regelmäßig unterschätze?
- Arbeite ich auf Pauschale und bin super bezahlt – habe aber irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass ich für „so wenig Arbeit“ so viel bekomme?
Ihr Marketing
- Nutze ich meine Schnelligkeit als Pluspunkt? Vermittle ich in meiner Werbung und Akquise deutlich und glaubwürdig, dass ich fixe Qualitätsarbeit leiste?
- Will ich die Geschwindigkeit noch mehr herausstellen oder sogar hauptsächlich mit diesem Argument meine Leistung bewerben?
Ihr Selbstmanagement
... jetzt geht’s noch an die Selbstkritik. Wie gut Sie Ihre Arbeit machen, wie lohnend sie ist und wie wohl Sie sich fühlen, hängt auch davon ab, wie Sie mit Ihrer Schnelligkeit umgehen. Zum Beispiel:
Ihre Arbeitsweise
- Bin ich gut organisiert oder nutze ich meine Schnelligkeit dazu, zu trödeln und Dinge dann erst auf den letzten Drücker zu machen?
- Bin ich schnell, aber nicht immer wirklich gut (indem ich viele Fehler mache oder vorschnell Ideen verwende anstatt nach einer besseren Ausschau zu halten)?
- Fühle ich mich wohl mit meiner Schnelligkeit oder ist sie mir nicht geheuer? Denke ich manchmal: Das kann gar nicht sein, dass ich das so schnell mache, bestimmt ist etwas noch nicht fertig/nicht richtig/nicht gut genug?
Grenzen
- Gehe ich über meine eigenen Grenzen, etwa weil ich aufgrund meiner Schnelligkeit zu viel annehme und dann in Summe doch unter Druck gerate?
- Habe ich Kunden, die meine Geschwindigkeit als selbstverständlich nehmen, oder vielleicht sogar auf einmal ungeduldig werden, wenn ich mich nicht ultraprompt melde?
Nehmen Sie diese Fragen als Sprungbrett, um alles mal so richtig zu durchdenken. Sie werden sehen, dass sich aus Ihren Antworten mindestens 3-5 gute Ansätze und Ideen finden, die Sie zu Ihrem Vorteil und Geschäftserfolg nutzen können!
Wie sind Ihre Erfahrungen?
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Anmerkungen & Kommentare
diesmal sind wieder so viele gute Ideen dabei, die man sich gar nicht auf einmal einverleiben kann.
Deshalb habe ich beschlossen, den Genuss deiner Infos auf die ganze Woche aufzuteilen.
Jeden Tag ein kleiner Motivationsschub von Gitte.
Ist auch besser für die Umsetzung glaub ich zumindest.
Danke für diese immer sehr brauchbaren Tipps und liebe Grüße
Edeltraud
Du sprichst da was generell Wichtiges an: Es GEHT gar nicht darum, das Rad immer wieder neu zu erfinden. Im Gegenteil! (Mal abgesehen davon, dass die meisten Räder eh schon erfunden sind ...)
Systematik reinzubringen, eben wie Du es so schön formulierst:
>>auf bestehenden Ressourcen aufbaue. Denn auch nach dem Baukastensystem lässt sich ein hochwertiger und individueller Webauftritt erstellen.
Absolut!
Individuelle Lösungen setzen schlauerweise auf Gegebenem auf. Nehmen wir ein ganz banales anderes Beispiel aus unser aller Alltag: Korrespondenz.
Wer schlau ist, erstellt sich Vorlagen und durchaus auch Textbausteine für wiederkehrende Passagen. Aber nimmt NIEMALS NIEMALS einfach diese Grundlagentexte unverändert her. Er wird aber schneller antworten können und gegebenen Texte mit wenig Aufwand personalisieren. So bekommt niemand einen "Serienbrief", aber das Erstellen geht weitaus schneller.
Genauso ist es in anderen Fachbereichen, zum Beispiel eben Websites, auch. Das Skelett, auf dem aufgesetzt wird, ist ja nicht das Endprodukt (bzw. sollte es nicht sein - erst am Freitag habe ich mir die Referenzseiten einer Webfirma angeschaut: sie hatten alle ihre Websites als Thumbnails aufgeführt - und da wurde auf einen Blick klar: ALLES SAH GLEICH AUS! =-o ... aber das fiel mir nur gerade ein).
*
>>Mit Bezahlung nach Stundensatz habe ich weniger gute Erfahrungen gemacht: Ich habe oft gemerkt, dass potentielle Kunden vor einem hohen Stundensatz zurückschrecken, obwohl sie letztendlich bei mir weniger bezahlt hätten als beim Mitbewerber.
Ja, das ist immer die Schwierigkeit, wenn der Stundensatz alleine dasteht. Ich kenne das auch, dass Kunden das von Haus aus falsch einschätzen. Auch bestehende. Im E-Mail-Coaching sage ich immer: "Ich sage Bescheid, wenn eine Stunde 'voll' ist, dann wissen Sie immer, wo wir zeitlich stehen." Die Leute schätzen regelmäßig den Zeitaufwand sehr viel höher ein - manchmal bis zum Fünffachen dessen, was ich tatsächlich gebraucht habe.
Eine gute Sache ist es hier, wenn man mit Stundensätzen arbeitet - Rahmengrößen anzugeben. Das kann auch helfen, dass Kunden den Aufwand nicht unterschätzen. Christine schreibt zum Beispiel bei den Bewerbungsmappenchecks: "Der schriftliche Mappencheck dauert zwischen 1,5 und 3 Stunden."
Viel Erfolg beim Ausprobieren Deiner neuen Preise!
... und einen schönen Abend
Gitte
wie schön - danke
Ja: Verteil's Dir auf die Woche, gerade wenn Du Dir immer gleich was zum TUN rauspickst ist es wirklich besser, sich das nach und nach "einzuverleiben".
Herzliche Grüße
Gitte
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Gitte Härter •
ich kenne das selber nur in Ansätzen, sehe eine meiner Stärken - gerade im Bereich der Homepageerstellung - aber schon darin, schnell gute Ergebnisse zu erzielen.
Oft geht das einfach nur, indem ich nicht bei jedem Auftrag das Rad neu erfinde, sondern auf bestehenden Ressourcen aufbaue. Denn auch nach dem Baukastensystem lässt sich ein hochwertiger und individueller Webauftritt erstellen.
Mit Bezahlung nach Stundensatz habe ich weniger gute Erfahrungen gemacht: Ich habe oft gemerkt, dass potentielle Kunden vor einem hohen Stundensatz zurückschrecken, obwohl sie letztendlich bei mir weniger bezahlt hätten als beim Mitbewerber.
Also bin ich gerade dabei, wie auch hier vorgeschlagen, auf Pauschal- und Paketpreise umzustellen, und auch mein Angebot expliziter auszuformulieren. Ich bin selber schon gespannt auf die Erfahrungen, die ich damit machen werde, bin aber überzeugt, dass das für ale Beteiligten die sinnvollste Lösung ist.
Liebe Grüße
Tobias