Motivation und Ausgleich

Entgrenzung der Arbeit

Gitte Härter • 13.05.2009 • email Weiterempfehlen

Im Work-Life-Balance-Artikel auf wikipedia steht:

Wenn die Grenzen zwischen Erwerbstätigkeit und den weiteren Lebens verwischen, spricht man von Entgrenzung der Arbeit.

Sind Sie auch über das Wort „Entgrenzung“ gestolpert? Mir ist der Begriff neu, hat was ...

Wo sind Ihre Grenzen?

Sie wissen ja, dass ich ein lausiger Balancierer bin. Entsprechend bin ich nach Ende der Work-Life-Balance-Challenge ebenfalls wieder in viele alte Gewohnheiten verfallen. Schande über mich! (Dafür habe ich seit heute meinen Fernseher wieder abgeschafft. Gut, was?)

Aus diesem Grunde schreibe ich auch selten Tipps für mehr Work-Life-Balance. grin Aber lassen Sie uns doch das Feld mal allgemeiner aufrollen: Die „Entgrenzung“ gefällt mir da als Begriff schon sehr gut, denn weit interessanter als zu versuchen, irgendwie eine Balance herzustellen, ist es doch, die eigenen Grenzen erstmal klar zu kriegen.

Vielleicht ist ein guter Ansatz mal der, zu sehen, wie es mit Ihrem Zeitguthaben überhaupt bestellt ist.

Ich selbst habe keine Familie, keine Kinder, keine Haustiere, keine besonderen Hobbies und kann daher voll über meine Zeit bestimmen (und dennoch wird sie auch mir oft zu knapp!). Wenn ich, wie letzte Woche, einen Tag mal frei machen will, aber etwas ansteht, dann kann ich ohne Probleme abends vorarbeiten. Ich habe den Luxus, dreimal die Woche vormittags in Sport gehen zu können. Zur Zeit schreibe ich nebenher ein neues Buch, das mache ich abends und am Wochenende. Klar ist das aus Sicht des Work-Life-Balance-Gedankens ein Alptraum, aber jetzt geht’s mal nicht um Pausen und Entspannung, sondern um Zeitkapazitäten, Grenzen und Verteilung.

Denn wenn Sie nicht der 100%ige Herrscher über Ihre Zeit sind, dann sieht das nochmal ganz anders aus. Denn zur Frage, wann Sie arbeiten und wie stark sich Ihre Arbeit in Ihren Alltag “krakt”, kommt:

  • Kindergarten- oder Schulzeiten Ihrer Kinder wollen beachtet werden
  • Ihre Familie, Kegelfreunde oder Hobbykollegen möchten was von Ihnen haben
  • es gibt feste Mahlzeiten, die - möglicherweise für einen Mehrpersonenhaushalt - zubereitet werden wollen
  • es müssen Besorgungen, Arztbesuche und Behördengänge für alle erledigt werden
  • Haus und Garten wollen instand gehalten werden
  • vielleicht sind Sie Marathoni oder sonstiger Sportler und wollen irgendwie mehrere Stunden Training pro Woche unterbringen
  • möglicherweise führt Sie Ihr Beruf vor Ort zum Kunden oder Sie sind dauernd auf Achse
  • oder Sie haben ein Ehrenamt oder engagieren sich sonst


Haben Sie mal realistisch ausgerechnet, was Ihnen an Zeit so bleibt? Und wo Zeit „übrig“ ist bzw. was Sie wohin schieben können, um Zeit für sich zu haben? Wie auch immer Sie diese dann füllen.

Ich denke, dass gerade, wenn so viel anderes koordiniert werden will und es einfach mehrere Rücksichten zu treffen gilt, die Eigen-Zeit ein ganz wichtiger Faktor in der Work-Life-Balance-Thematik sind. Wichtiger als Balance im Sinne von Ausgeglichenheit („Halbe-Halbe“).

Das klingt jetzt reichlich banal, aber ich sage Ihnen eins: Kürzlich war ich bei einem Kunden, der seine Zeiten irgendwie geschätzt hat. Und als wir dann mal ausgerechnet haben, wie viele regelmäßige Stunden alleine seine Arbeit bindet und wie viele Stunden eine Woche überhaupt zur Verfügung hat, wurde auf einmal klar: Da führt kein Weg hin. Denn wenn das, was man tun will, die vorhandene Zeit übersteigt, können Sie mit gutem Willen und tollsten Zeitmanagementmethoden nichts ausrichten.

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Reinhart Linke am 13.05.2009
Mir fällt dazu nur eins ein: Planen, planen, planen! Ich selber bin Angestellt und nebenberuflich selbständig, was schon alleine dazu führt, dass wenig Zeit für andere Dinge da ist. Doch in dieser wenigen Zeit will ich auch noch meinen Hobbies nachgehen, Freunde treffen, der besagte Garten möchte gepflegt werden, Hausarbeit muss erledigt werden und und und.

Ich bin mittlerweile so weit, dass ich mir alles in den Kalender eintrage. Das mag für manch einen komisch aussehen, aber bei mir gibt es selbst Einträge wie Rasenmähen, Einkaufen und Wäschewaschen im Kalender.

Denn ich habe festgestellt, dass ich nur so einen Überblick über die Dinge bekomme, die getan werden müssen und weiß so immer, wann noch was geht und wann nichts mehr geht. Nun gut, an der Zeit für mich muss ich hier und da noch arbeiten, dennoch meine ich, dass ich so im Moment alles ganz gut unter einen Hut bekomme.
Von: Gitte Härter am 13.05.2009
Hallo Herr Linke,

boah: angestellt und selbstständig, da haben Sie ja schon alleine damit einiges auf der Platte! Meine Hochachtung.

Ich glaube auch, dass das "planen, planen, planen" der Schlüssel ist. Wenn einerseits irgendwo Freiheit rausschauen soll, geht das am besten, wenn andererseits große Struktur herrscht.

Das mit dem Wäschewaschen und Rasenmähen im Kalender finde ich ideal. Denn nur so haben Sie den ultimativen Überblick.

Es hört sich auch so an, als ob Sie dadurch Stress erst gar nicht entstehen lassen, weil Sie die Zügel in der Hand halten. Oder fühlen Sie sich als überforderter Jongleur? grin

Viele Grüße
Gitte Härter
Von: Ralf Senftleben am 13.05.2009
Ich persönlich glaube eher nicht, das Planen der Schlüssel ist. Weil das ist ja doch irgendwie nur das Verwalten der Überforderung.

Ich glaube, das 80:20-Denken der Schlüssel ist, Konzentration auf das, was am besten funktioniert und konsequentes "Nein sagen" (auch zu eigenen Ideen + Impulsen).

Nicht falsch verstehen: Planen halte ich auch für wichtig. Aber schlechte Planung ist in meinen Augen selten DER größte Engpass im System.
Von: Gitte Härter am 13.05.2009
Ist es nicht beides?

Also erst 80:20/überhaupt schlau und konsequent vorgehen (bzw. das immer wieder zu überprüfen), aber wenn man sehr viel machen muss, eben schon das "planen, planen, planen".

Ich frage mich echt oft, wie "normale" Leute - wie Herr Linke - das alles schaffen. Wenn Du heute Familie und alles Mögliche hast, dann hast Du ja eine bestimmte Anzahl an Verpflichtungen, die sich nicht wegrationalisieren lassen. Der Spielraum dessen, wo Du wirklich klar eingreifen kannst, ist also weniger als bei jemandem wie mir, wo nicht soviel an festen "Rahmenaufgaben" drückt. Oder seh ich das falsch?
Von: Ralf Senftleben am 13.05.2009
Ich glaube, der Schlüssel liegt in den Worten "[...] viel machen muss [...]". Müssen und müssen sind zwei Dinge und oft ist ein "Müssen" ein "Wollen" oder ein "nicht Nein gesagt".

Natürlich haben wir beide es einfacher, weil wir unsere Zeit selbst frei einteilen können. Aber diese Situation ist ja bei uns beiden nicht durch Zufall entstanden, sondern durch eine Reihe von Entscheidungen, die wir getroffen haben.

Und letztlich ist es für mich auch weniger eine Planungs- als eine Energie-Frage, wie viel ich bewältigen kann.

D.h. es gibt Menschen, die haben mehr Drive und Kraft als andere. Richtige Energiebündel eben. Ich persönlich gehöre zum Beispiel nicht dazu. Ich muss mir meine Kraft einteilen, weil mir sonst irgendwann alles zu viel wird, auch mit guter Planung.

Deswegen habe ich das mit dem "Nein sagen" perfektioniert grin
Von: Reinhart Linke am 13.05.2009
Selbstverständlich gehört das "perfektionierte" nein-sagen auch dazu. Nur dies kann ich persönlich nur dann perfektionieren, wenn ich weiß, wann ich was zu tun habe oder eben auch nicht.

Ein "schlechter" Plan, in dem ich drei Dinge gleichzeitig erledigen muss oder einfach zu wenig Zeit für die geplanten Tätigkeiten geplant habe, hilft mir natürlich nicht weiter. Aber ich glaube, das trifft auf alles im Leben zu: Man kann es gut oder schlecht machen.

Und sicherlich ist Planen längst nicht alles: Es gehört auch ein ordentliches Maß an Disziplin dazu, die Dinge zu tun, die man sich vorgenommen hat; man darf die Zeit nicht vertrödeln (das Abschaffen des Fernsehers hilft da sicherlich wink); genauso wie man wissen muss, was man in welcher Zeit schaffen kann und wann man mal eine Pause braucht.
Von: Heike Thormann am 15.05.2009
Hallo zusammen,

also ich mache beides:

Ich bin ein leidenschaftlicher Rauswerfer und Begrenzer. (Das gilt z.B. für den privaten / Freundeskreis genauso wie fürs Berufliche / meine Pläne. Ich versuche immer, zum Kern vorzustoßen, und alles fliegt eben raus. Oder kommt noch nicht rein. wink)

Und ich plane gern. Ich habe z.B. eine Jahres-, Monats-, Wochen- und Tagesplanung. Die steht zwar nicht starr fest, es gibt Spielraum und Puffer. Aber sie bietet mir doch ein Gerüst, an dem ich mich entlanghangeln kann.

Und nachdem ich festgestellt habe, dass meine Tendenz, mir "Freizeitinseln" zu schaffen, im Home Office auszuarten drohte, habe ich in der Tat wie Herr Linke damit angefangen, mir meine Zeiten fürs Wäschewaschen, Putzen, Besorgungen, Arbeitszeiten, pp. im Kalender einzutragen.

Und da ich auch kein sonderliches Energiebündel, sondern eher bequem bin, fahre ich mit diesem System ziemlich gut. Meistens bin ich meiner Monatsplanung sogar voraus. wink

LG Heike
Von: Ursula Kruck-Hantschel am 17.05.2009
Hallo,
gerne möchte ich es ganzheitlich betrachten:
Aus meiner Sicht ist es wichtig zu wissen, wohin ich will - was mein Ziel ist.

Wenn dies ganz klar empor ragt, ist der Weg dahin eindeutig und zielgerichtet.
Die Berufung zu einer Lebenstätigkeit kann das Private nicht ausgrenzen, sowie das Private die Berufung nicht ausgrenzen kann.

An Pläne zu klammer bedeutet auch ein Stück weit nicht loslassen zu können. Abgrenzung ist wichtig, ebenso wie das Präsentsein. Hier befindet sich die Kunst der Balance.

Es könnte durchaus sein, dass ich einen interessanten und wichtigen Kunden beim Einkaufen i m Schlange stehen an der Kasse, kennen lerne. In diesem Moment gebe ich gerne mal die Grenze frei und schalte auf Unternehmerin um wink

Eine kleine Anmerkung möchte ich gerne noch machen: Außer Planen und strukturieren, Aquisa und Kernkompetenzen bleibe ich doch gerne noch Mensch!

Schöne Grüße
Von: Gitte Härter am 17.05.2009
Interessanter Gedanke, dass das eine das andere ausschließen könnte ...
Von: Ursula Kruck-Hantschel am 18.05.2009
Hallo Gitte,

ich denke, und ich weiße es aus Erfahrung, das ein ganzheitlich geführtes Unternehmen ein soldie Fundament besitzt, das so schnell nicht kippen kann.

Schließe ich etwas aus, so findet Ganzheitlichkeit nicht mehr statt.

Entweder man ist mit Leib und Seele Unternehmer oder gar nicht. (Ganz oder gar nicht). Nur ein bisschen und nur dann wenn man will, ist aus meiner Sicht bereits der Weg bergab wink

Dies beantwortet auch die Frage:

Erfolgsprinzipien
Was bremst Selbstständige aus?
http://unternehmenskick.de/0/tipps/entry/umfrage-was-bremst-selbststaendige-aus/

Eine schöne Woche wünsche ich Allen grin
Ursula Kruck-Hantschel
Von: Gitte Härter am 19.05.2009
Guten Morgen Ursula,

das stimmt auf jeden Fall: das Fundament ist einfach stabiler durch das Ganzheitliche. Das Bild mit dem Fundament ist eh immer sehr eingängig und nützlich, um sich auf die Tragfähigkeit des eigenen Unternehmeens zu besinnen.

Ich meinte auch das insbesondere:

>>Außer Planen und strukturieren, Aquisa und Kernkompetenzen bleibe ich doch gerne noch Mensch!

Das finde ich sehr interessant, weil mir der Gedanke daran nicht kommen würde, dass Planen & Co. das Menschsein ausklammern könnte. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass dem teilweise so ist.

Viele Grüße
Gitte
Von: Susanne Küpper am 20.05.2009
Guten Morgen uns allen,

ich liebe meine Selbständigkeit und bin froh, dass die Kundenzahl so kontinuierlkich wächst. Ich merke dabei aber immer wieder, dass ich meine Grenzen überschreite und dann so kaputt bin, dass ich weder Mensch noch Selbständige bin. Darum habe ich jetzt auch wieder angefangen, mir Freiräume in den Kalender zu schreiben, damit ich schon vorher die Bremse ziehe. Klar kann ich mir nicht verordnen "Mittwoch in den Wald", wenn mir dann gar nicht danach ist. Aber "Mittwoch ist der Tag, an dem sich mal alles um mich dreht" geht schon! Das ist dann auch kein Verordnen, eher ein Gönnen und ein Anerkennen, dass ich halt so bin wie ich bin, mit all meinen Grenzen. Und das will ich echt üben! Denn nur, wenn ich gut für mich als ganze Person sorge, kann ich auch Gutes für meine Kunden leisten!

Ich wünsche uns allen ein gutes Für-uns-selber sorgen!

Viele aufgeräumte Grüße,
Susanne Küpper
Von: Gitte Härter am 20.05.2009
Guten Morgen Frau Küpper,

das finde ich toll: ""Mittwoch ist der Tag, an dem sich mal alles um mich dreht". Danke!

Einen schönen Mittwoch, an dem sich alles um Sie dreht grin
Gitte Härter

 

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