Ein kleines Wundermittel: Das Prinzip „Zustimmung“ bei Ideen und in Gesprächen
Am Wochenende habe ich Malcolm Gladwells „Blink“ gelesen. Darin ist unter anderem eines der Grundprinzipien des Improvisationstheaters genannt: Zustimmung. Wenn Schauspieler spontan auf der Bühne eine Geschichte entwickeln sollen, dann gelingt das dann, wenn sich alle auf diese Regel einigen: Was vorgeschlagen wird, wird angenommen und weitergesponnen. Wird ein Vorschlag hingegen abgelehnt oder nicht aufgegriffen, kommen die Beteiligten schnell ins Stocken, es wird unrund oder die Geschichte versiegt.
Nun kennen wir alle den Grundsatz des Brainstormings, dass man in der Sammelphase nicht bewerten soll. Egal, ob Sie mit anderen gemeinsam Ideen entwickeln, ob Sie alleine brainstormen oder jemand Ihnen Feedback gibt: In dem Moment, wo wir vorschnell bewerten,
- preschen wir sofort in eine bestimmte Richtung: anstatt weiter zu sammeln, gehen wir beispielsweise direkt auf eine bestimmte Idee ein, entwickeln diese weiter, suchen pro und kontra,
- wir werten eine Idee ab, weil wir zu schnell ein vermeintliches Argument draufklatschen,
- oder wir sind übermäßig begeistert von der Idee und lassen uns von erstem Enthusiasmus benebeln.
Dass wir uns um weitere gute Ideen betrügen oder wichtge Aspekte außen vorlassen, ist das eine. Dass wir uns zudem oft gefühlsmäßig behindern - etwa frustriert sind, keine Lust mehr haben, weiterzumachen oder dass andere keinen Bock haben, nochmal mit uns darüber zu reden – ist das andere.
Nun dachte ich mir: Das Prinzip der ZUSTIMMUNG bei eigenen Ideen, Plänen und bei Feedback von anderen ist viel besser als nur „nicht gleich bewerten, erstmal sammeln“.
Denn wenn wir eine Idee so richtig aufgreifen, sie also erstmal annehmen, kann ja viel mehr entstehen. Vor allen Dingen aber fühlt es sich ganz anders an. Und um das zu illustrieren, mache ich kurz einen kleinen Ausflug zu schwierigen Gesprächen.
Ein bewährter Tipp in schwierigen Gesprächen
Das Prinzip „Zustimmung“ ist ein bewährter Tipp, wenn Sie sich in einer schwierigen Gesprächssituation wiederfinden: weil Sie ein Gegenüber nicht mögen, sich provoziert fühlen, weil Sie einen bestimmten Einwurf total blöd finden oder einfach unsicher sind.
In diesem Fall können Sie gut auf den anderen zugehen und sicherstellen, dass Ihr eigenes Gefühl konstruktiv bleibt, wenn Sie zustimmen statt einfach gegenzureden (oder einzuschnappen).
Beispiel:
Sie sind in einem Beruf selbstständig, zu dem es eine formelle Ausbildung gibt. Sie haben aber keine, sondern sind Quereinsteiger. Wer hier unsicher ist, reagiert oft unglücklich, wenn er nach seiner Ausbildung gefragt wird, weil er Kritik dahinter vermutet. Eine defensive Reaktion lässt Sie jedoch schwach erscheinen – und wenn es ganz blöd läuft, wirken Sie nicht nur unsouverän, sondern unsympathisch.
„Was haben Sie eigentlich für eine Ausbildung?“
Eine spontane Erwiderung könnte lauten: „Ich habe keine einschlägige Ausbildung. Aber meine Kunden sind mehr als zufrieden!“ oder „Es ist schade, dass in Deutschland so viel Wert auf Scheine gelegt wird.“ oder „Wenn Sie jemanden suchen, der ein Studium hat: Damit kann ich Ihnen leider nicht dienen. Ich komme aus der Praxis.“
Wann immer wir spontan eine Antwort gegensetzen, kommen oft Unsicherheiten durch. Auch Verärgerung über eine Frage (oder das Gegenüber) zeigt sich meist sehr deutlich.
Nehmen Sie die Frage jedoch wirklich auf, zeigen Sie Ihrem Gegenüber damit, dass Sie es ernst nehmen und bleiben sehr viel ruhiger, weil Sie sich auf den Inhalt stützen können. Das wirkt souverän. Denn dann sagen Sie zum Beispiel:
„Gerne sage ich Ihnen, wie ich xy geworden bin ...“
„Ich freue mich, dass Sie gleich intensiver nachfragen. Ich ...“
Dass da „gerne“ und „ich freue mich“ steht, ist kein Zufall! Denn wir fühlen uns selbst ganz anders und können dadurch viel sachlicher und konstruktiver reagerien, wenn wir eine Sache positiv bewerten. Das funktioniert sogar, wenn Sie sich alles andere als freuen!
Beispiel:
Sagen wir, Sie halten einen Vortrag. Eben haben Sie lang und breit erklärt, dass man in einer bestimmten Situation Sache X auf keinen Fall tun sollte und warum. Jetzt meldet sich empört ein Zuhörer zu Wort und sagt: „Ich finde das unmöglich, dass Sie empfehlen, dass man Sache X tun soll!“
Innerlich denken Sie: „Oh Mann! Ich habe doch eben lang und breit erklärt, dass man Sache X nicht tun soll. Und dann schnauzt er mich auch noch an!“
Wenn Sie aus diesem Gefühl heraus antworten, stehen die Chancen gut, dass Sie einfach gegenreden („Hab ich doch gesagt!“) oder Sie lassen den Zuhörer schlecht aussehen („Hätten Sie aufgepasst ...!“). Auch wenn Sie es schaffen, sachlich zu bleiben, zeigt sich oft in unserer Mimik und Körperhaltung automatisch, wenn uns etwas ärgert oder wir jemanden „blöd“ finden.
Auch hier rettet Sie die Zustimmung, also das aktive Aufnehmen des Einwurfes:
„Jetzt bin ich sehr froh, dass Sie das nochmal ansprechen. Offenbar war ich noch nicht deutlich genug. Lassen Sie mich das kleine Missverständnis aufklären ...“
Auf diese Weise haben Sie die Person ernst genommen, nehmen die Kritik auf und zeigen zudem dem Publikum, wie souverän Sie mit dem Einwurf umgehen.
... und jetzt zurück zu den Ideen
Ich erlebe es ganz häufig, vor allen Dingen auch bei Schreibworkshops, dass sich Teilnehmer selbst entmutigen. Sie haben ein Projekt, sie fangen damit an, und dann sezieren sie jeden Einfall. Aber natürlich nicht auf seine Möglichkeiten, sondern sie nehmen alles auseinander: Die Idee ist Scheiße, sie können diesesundjenes nicht, das, was sie bisher überlegt haben, ist alles andere als überzeugend, blähblähblähbläh. Alles sinnlos und doof.
Was wäre aber, wenn Sie davon ausgehen, dass jede Idee gut ist? Das heißt natürlich nicht, dass jede Idee gut ist. Es heißt nur, dass eine zustimmende Haltung garantiert, dass Sie
- nichts einfach abtun,
- „Gold schürfen“ – auch in den absurdesten oder „dummen“ Ideen,
- dass Ihre Grundhaltung so ist, dass Sie weiterkommen und nicht etwa wie im Improvisationstheater alles zum Stocken kommt, weil Sie etwas abblocken.
Das Ganze funktioniert sowohl mit sich selbst als auch im Gespräch mit anderen.
Beispiel:
Sie haben sich überlegt, dass Sie einen Flyer erstellen und den in Arztpraxen und beim Friseur auslegen möchten.
nicht hilfreich: Naja, das wäre schon eine gute Sache, aber seien wir mal ehrlich. Das legt doch keiner aus. Warum sollten die denn Werbung für mich machen? Da könnte ja jeder kommen und außerdem liegt da ja eh manchmal schon viel zu viel rum.
schon hilfreich: Das ist eine gute Idee! Das sind richtig gute Multiplikatoren für mich! Was gäbe es noch für Multiplikatoren außer Ärzten oder Friseuren? Fragen kostet sowieso nichts! Ich kann also nur gewinnen. Trotzdem will ich gleich mal noch überlegen: Was könnte ich als Dankeschön oder als Gegenleistung anbieten? Was könnte die Leute sonst motivieren, meinen Flyer auszulegen?
Beispiel:
Sie haben ein neues Webdesign erstellt und zeigen es Ihrer besten Freundin. Die schaut sich das Ganze an und sagt: „Ja, es ist ganz nett geworden. Aber ich finde es noch viel zu kalt und unpersönlich. Mach doch vorne auf der Startseite ein Bild von Deinem süßen Hund drauf!“
Sie denken: „Du liebe Zeit! So nett meine Freundin ist, vom Business hat sie ja überhaupt keine Ahnung. Mein Hund auf der Website! Wie absurd!“
hilfreich: „Dankeschön für Dein Feedback! Du meinst also, dass Rexi die Website persönlicher und ‚wärmer‘ machen würde. Bitte sag mir doch mal genauer: Was an der Website ist Dir zu kalt, was findest Du unpersönlich – und warum?“
Sie sehen, dass die Idee der Freundin erstmal bestehen bleibt. Sie würden auch nicht sagen: “Nä, da hat doch der Hund gar nichts zu suchen!”, denn das würde bei Ihrer Freundin wiederum etwas blockieren (“Erst fragt sie mich und dann stellt sie meine Idee als lächerlich hin!”). Sondern Sie nehmen die Idee auf und fragen ganz gezielt nach.
Besonders der Aspekt des Goldschürfens in jeder Idee bringt Sie nach vorne. Oft kommen die besten Ideen aus überraschenden Ecken!
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Anmerkungen & Kommentare
danke für den buchtipp, frohe ostern aus wien!
sabine
Diese Ausdrucksweise finde ich sehr sympathisch!
dem Prinzip Zustimmung kann ich mich voll anschließen. Wichtig ist, dass man es - speziell gegenüber anderen - nicht nur als rhetorischen Trick einsetzt, sondern eine entsprechende innere Haltung entwickelt. Der Gedanke des Goldschürfens gefällt mir dabei sehr gut. Man muss nicht die ganz Idee gut finden, sondern sucht das Gold darin.
Natürlich weiss ich das alles... haha... aber eben beim Durchlesen merkte ich, dass ich meine Klienten zwar auf solche nicht-konstruktiven Gesprächsformen hinweise - selber aber öfter rechthaberisch reagiere.
Wahrscheinlich bin ich mir meiner eigenen Kompetenz manchmal nicht sicher, sonst würde ich nicht so harsch reagieren.
Super Beispiele hast Du gebracht. Sehr anschaulich. Dankeschön - und ein frohes und gesegnetes Osterfest für alle Leser und Leserinnen hier.
prima Idee, mit Kritik so umzugehen.
Ich wünsche Euch allen ein schönes sonniges Osterfest.
Viele Grüße Sylvia
herzlichen Dank für das schöne Feedback und die ergänzenden Tipps.
Besonders gefreut habe ich mich über Monikas "Natürlich weiss ich das alles... haha ..." - denn dieses "Klar weiß ich es, aber ich hinterfrage und ertappe mich eben doch" geht uns fast allen bei den unterschiedlichsten Themen so. Oft bleibt es leider beim "Weiß ich schon!"
Viele Grüße und schöne Ostern an alle
Gitte
mal wieder ein super Beitrag.
Ich weiß nur nicht, wie ich mit all den guten Beiträgen von Dir und Ralf umgehen soll. Ich würde sie so gern stets präsent haben
An die Wand pinnen - geht nicht. Wand wäre zu schnell voll .....
Schönes Wochenende!
Rita
Ja, da kommt wirklich viel zusammen - ich bin selbst oft überrascht, wenn ich einen früheren Beitrag suche oder einfach in der Übersicht stöbere. Das wäre mal eine Fleißarbeit, bestimmte Artikel zu einem E-Book zusammenzustellen. Wird aber so schnell leider nicht passieren, da andere Dinge voranstehen.
Einen schönen Nachmittag!
Gitte
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Gitte Härter •
Und Blink ist einfach ein tolles Buch. Gute Erholung in der Osterzeit Gitte.
Katrin