Selbstmanagement

Die scheinbare Verpflichtung

Gitte Härter • 22.02.2011 • email Weiterempfehlen

imageLetztes Jahr war ich auf einem Infoabend, weil ich mich für ein Ehrenamt interessiert habe. Dabei habe ich, wie das so ist, freundlich mit dem einen oder anderen geplaudert und auf Anfrage meine Visitenkarte rausgegeben.

Eine Woche später ruft mich einer der Leute von diesem Verein an: Ich soll ihm für einen seiner Freunde in Sache XY ein Schriftstück optimieren.

Hä?
Da hat der Mann, nur weil wir uns bei seinem Vereinstreffen getroffen haben, abgeleitet, dass er mich (obwohl ich dort nur als Besucher war!) jetzt einfach so anhauen kann. Und nicht mal für sich selbst. Nein. Für einen Kumpel!

Unfassbar. Aber nicht selten.

Sie kennen doch auch die Leute, die aus irgendeiner Gemeinsamkeit heraus eine Verpflichtung ableiten:

  • Wir sind im gleichen ... (Netzwerk/Verein/Beruf tätig/Boot – bei „Boot“ kann man dann alles einsetzen: Wir sind beide Mütter. Wir sind beide aus Darmstadt. Unsere Arbeitskollegen heißen beide Schorsch.
  • “Ich war mal Kunde bei Ihnen“ oder „Ich werde später mal Kunde bei Ihnen sein“, will jetzt noch/schon mal was extra (und zwar nicht eine Frage oder einen kleinen Gefallen, sondern etwas, das mit Arbeit verbunden ist und eigentlich was kostet).
  • Wir kennen uns! Und damit meine ich nicht selbstverständliche Freundschaftsdienste, sondern ich meine die Frau, die Sie letztens auf der Party Ihres Schwagers kurz gegrüßt hat. Oder den Mann der Arbeitskollegin der Freundin.


Ich brauche gar keine weiteren Beispiele bringen. Sie kennen das nur zu gut.

Das sind Situationen, die einem auf Anhieb vielleicht gar nicht so eindeutig sind. Manchmal kommt man wirklich ins Grübeln: Gibt es da vielleicht sogar eine “unsichtbare Verpflichtung”? Oder benimmt sich Ihr Gegenüber so, dass Sie sich so fühlen, als wenn Sie jetzt sofort unbezahlt ans Werk gehen müssten?

Übrigens: Natürlich geht es nicht nur um Ihre Arbeit. Vielleicht besteht die abgeleitete Verpflichtung auch in Gefallen wie „beim Umzug helfen“ oder „Kuchen backen“. Auch das sind Gefallen, die man gerne tut ... wenn man sie denn gerne tut, weil es für Leute ist, für die man sie tun möchte. Und nicht, weil man in die unsichtbare Verpflichtungsfalle gekommen ist.

Packen Sie die Schere aus!

In solchen Situationen ist es oft besonders schwierig, direkt „Nein“ zu sagen oder sonstige klare Ansagen zu machen: „Ja, das mach ich gerne für Sie. Und zwar zu diesen Konditionen.“

Wenn Ihnen das also nicht auf Anhieb gelungen ist und Sie sich schon in der Pflicht finden, dann heißt es:

  • Sich nicht Grün und Blau ärgern. Jetzt haben Sie schon zugesagt. Entweder durch aktives Nicken oder durch Nichtssagen. „Selbst schuld.“ – Das sollten Sie sich sagen, und zwar ganz freundlich. „Ja, da bin ich jetzt selbst Schuld, ich habe meinen Mund nicht aufgemacht!“ Das ist wichtig, weil Sie sonst in die ungute Situation geraten, sich ausgenutzt zu fühlen. Ist das ein Muster bei Ihnen, dann fühlen Sie sich früher oder später von ganz vielen Leuten ausgenutzt, und das ist kein gutes Gefühl – und ein noch schlechteres Weltbild. Holen Sie sich die Kontrolle zurück! Voraussetzung dafür ist die Selbsterkenntnis: „Ich habe nicht Nein gesagt.“ – „Ich habe nicht gesagt, dass ich Geld dafür haben möchte.“ – Nicht um sich zu schimpfen, sondern Sie übernehmen die Selbstverantwortung, die Ihnen beim nächsten Mal hilft, eine Grenze zu ziehen.
  • Schadensbegrenzung machen. Das kann bedeuten, dass Sie einen Rückzieher machen. „Ich habe nochmal darüber nachgedacht, dieses und jenes ist damit verbunden – ich mache es unter diesen Voraussetzungen“ oder „Ich war zu voreilig. Ich mache es nicht.“ In den meisten Fällen ist das kein Problem, wenn Sie zeitnah reagieren. Eine andere Möglichkeit ist es, dass Sie den Auftrag, in den Sie sich reinreden haben lassen, begrenzen: Als Berater können Sie sich auf stichpunktartige Aussagen begrenzen und dazu sagen, was noch eine Rolle spielt, aber zu zeitaufwändig wäre und xy Euro kostet. Und bei anderen Gefallen kann man oft mit einem „bis hierher und nicht weiter“ auch nachträglich noch eingrenzen. So kommen Sie der Zusage zwar nach, lassen sich aber nicht noch weiter verwickeln und verpflichten.
  • Vorbauen für das nächste Mal! Sagen Sie – auch wenn Sie der Sache diesmal komplett nachkommen – sofort, dass ab da Schluss ist! So bringen Sie sich gar nicht erst in die Situation, beim nächsten Mal „Nein“ sagen zu müssen, denn Sie sagen jetzt schon: „Das mache ich jetzt. Aber das ist es dann.“ Das ist besonders nützlich für Leute, die sich mit dem Neinsagen schwer tun. Denn jetzt haben Sie den Vorteil auf Ihrer Seite, dass Sie momentan ja schon den Gefallen erbringen und dem anderen damit etwas schenken (anstatt etwas später abzulehnen).

Wie ist Ihre Erfahrung mit solchen unsichtbaren Verpflichtungen?

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Renate am 22.02.2011
Das ist ein Thema, das viele Selbständige immer wieder betreffen wird, nehme ich an.

Am Anfang mußte ich da auch viel Lehrgeld bezahlen, tat mich total schwer, nein zu sagen. Aber das Lehrgeld hat sich rentiert. Inzwischen bin ich da ziemlich eindeutig und fühle mich auch nicht mehr mies dabei. Vor einigen Monaten ließ ich mich mal wieder überrumpeln, konnte dann aber diese "Schadensbegrenzung" einsetzen, sprich habe rechtzeitig abgesagt. Keiner nahm es mir übel und ich achte seitdem wieder verstärkt darauf.

Was mich wirklich ärgert: Ich bekomme über mein Homepage ziemlich oft Anfragen von Studenten, die für ihre Arbeiten irgendwelche Infos haben wollen. Anfangs war ich da sehr freigiebig, genau 3x, hab ja selber 2 studierende Kinder und will der Jugend ja auch helfen. Mir passierte es, dass ich recht ausführlich antwortete und in keinem der Fälle auch nur eine klitzekleine Reaktion kam, also ein Dankeschön oder mal später eine kurze Nachricht, was denn mit der Info gemacht wurde. Gar nix! Dabei konnten diese Studenten mit Sicherheit die Inhalte einfach so für ihre Arbeiten übernehmen - Guttenbergmäßig, will dieses Thema aber nicht überstrapazieren. smile

Seitdem antworte ich auf solche Anfragen nicht mehr. Ist vielleicht nicht ganz fair, aber gebranntes Kind scheut das Feuer und diese Arbeiten sehe ich für mich persönlich wirklich als "umsonst" an, und ich meine damit nicht das Finanzielle.
Von: Silke am 22.02.2011
Solche Anfragen erhalte ich ab und zu.

Sehr oft von Studenten/Absolventen, die sich in der Umweltbildung selbständig machen wollen und möglichst viele Tipps gratis möchten. Oder Menschen, meist Frauen, die vorgeben meine Tätigkeit ganz toll zu finden, sich so etwas auch irgendwann demnächst vorstellen machen zu wollen. Eigentlich befriedigt sie abber die Vorstellung davon es zu tun.

Auch Berieselungen heißen mittlerweile Beratungen und kosten Euronen. Oft kommt es dabei zu keinem Auftrag. Aber ich fühle mich damit wohler, als nicht zu antworten oder gratis zu erzählen.
Von: Luitgard Gasser am 22.02.2011
Liebe Gitte,
nach meinem Praxisumbau stand abends ein Mensch vor der Tür, der sich als zukünftiger neuer Nachbar und Freund des Ex-Nachbarn vorstellte. Ich kannte weder ihn noch den Ex. Ihm gefiele doch mein neuer Praxisaufbau so gut, was der gekostet habe...... Ich würde ihm, da die Häuser baugleich seien, doch sicher den Architektenplan kopieren. Hääääää???

Ich hab´ mir inzwischen verziehen, dass mir einfach die Kinnlade runterklappte und ich ihn nur sprachlos anstarrte (obwohl ich sonst nicht auf den Mund gefallen bin).

Herzlichen Gruß mal wieder,
Luitgard
Von: Silke am 22.02.2011
Hallo Frau Gasser,

Ihre Geschichte erinnert mich an eine Studentin, die meinen Businessplan zum Abschreiben haben wollte. Und zwar genau die anstrengenden Kapitel (zumindest für Nicht-BWL´er:-)): Marketinganalyse, Finanzplan, Zielgruppen- und Standortanalyse, Angebotsbeschreibung.
Während dieses Telefonats spürte ich auch, wie meine Gesichtszüge entgleisten...

Grüße,
Silke
Von: (52)Sylvia am 23.02.2011
Aktuell: ein Klassenkamerad aus der Berufsschule meines Sohnes, (der schon ein paar mal hier übernachtet hat nach Partys) ruft letzten Sonntag bei uns an und fragt, ob er 1 Woche bei uns wohnen kann im nächsten Berufsschulblock. Er habe seinen Führerschein verloren. Mit Bus und Bahn wäre er sonst über eine Stunde unterwegs. Ich hab nachgeschaut, an unserer Tür steht noch immer nicht HOTEL.... !
Übrigens hat er einige andere Familien auch gefragt und alle haben abgelehnt. Jeder dachte: wie dreist: er muss nicht nur ein Bett haben, sondern auch bei uns Essen, Duschen usw. natürlich kein Wort von den Kosten, er ist dauerhaft pleite. Er ist immerhin schon 25 Jahre, aber er hat aus diesen Absagen hoffentlich was gelernt.
Mein Sohn und auch ich sind richtig sauer,
dass er unsere "Lockerheit" meinte so ausnutzen zu können.
Fragen kostet nichts ? Doch, manchmal bezahlt man dafür sehr viel mit Respekt und Vertrauen.
Von: Gitte Härter am 23.02.2011
Dankeschön zusammen für das Beisteuern eigener Erfahrungen. Das ist wirklich ein Endlosthema - umso wichtiger, sich da klar abzugrenzen.
Von: Ulrike Bergmann am 28.02.2011
In diese Kategorie fallen auch die Anfragen in Richtung "Wollen wir mal zusammen einen Kaffee trinken?" Diese kommen meist von angehenden Kolleginnen oder solchen in der Frühzeit ihrer Selbständigkeit (bislang nur Frauen). Argument: "Wir sind doch im gleichen Metier" - na und?! Oder in letzter Zeit öfter: "Mein Angebot könnte für Ihre Kunden interessant sein..." Das muss dann schon etwas sein, was niemand anderes bietet. Und auch dann frage ich mihc: Was bitte habe ich davon, wenn ich jemanden empfehle, den / die ich noch nicht kenne?
Mir fällt da nicht immer eine sinnvolle Antwort ein, denn im Grunde finde ich es eine Frechheit, dass sie sich nicht einmal die Mühe machen, mir im Gegenzug etwas wirklich "Anreizendes" anzubieten.
Von: Gitte Härter am 02.03.2011
Oh ja, Ulrike! Das mit dem "Kaffee trinken" oder "austauschen (wobei von vornherein klar ist, in welche Richtung der Austausch funktioniert) oder auch das populäre (vage) "Ich möchte mit Ihnen kooperieren!" ...

... und was bieten Sie? Keine Ahnung, aber ich möchte auf jeden Fall gerne von Ihrem Wissen, Ihrem Marketing und Ihren ganzen Kunden profitieren.

Klingt gemein? Ist gar nicht gemein gemeint. Sondern auch hier heißt es einfach, wie ich schon in einigen Artikeln auch erwähnt habe: Einfach vorher mal überlegen, wie so eine Kooperation aussieht, dass sie tatsächlich auch dem anderen was bringt.

Ich freue mich auch immer über "Wir sollten auf unseren Websites gegenseitig füreinander Werbung machen" - die andere Website hat zwei Besucher pro Woche!

Ein bisserl mehr Mühe. Ein bisserl mehr Realismus. Und Klartext und nicht den Kaffee drumherumdrapieren, wenns eigentlich um was anderes geht.

Viele Grüße
Gitte
Von: Ulrike Bergmann am 02.03.2011
Danke, liebe Gitte, für Deine klaren, offenen und pointierten Worte. Meist bin ich auch so klar, doch in manchen Situationen - vor allem, wenn jemand vermeintlich auf Empfehlung kommt - stehe ich wie der Ochs vorm Berg. Jetzt habe ich gutes Futter für klare Antworten.
Herzliche Grüße
Ulrike

 

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