Bremsen Sie sich aus?
Im Coaching treffe ich immer wieder zwei Sorten von Menschen:
Die einen erkennen, dass sie wo ein Problem haben beziehungsweise dass es schlau ist, sich von jemandem unterstützen zu lassen, der etwas besser oder schneller kann als sie selbst.
Und die anderen reden und verschieben.
Das hat natürlich ganz unmittelbare Auswirkungen auf Zufriedenheit und den Geschäftserfolg:
- Die einen beschließen beispielsweise, ihre Website zu erneuern, holen sich Unterstützung zu Struktur und Text und haben innerhalb von zwei Wochen ihre neue Seite online.
- Die anderen denken darüber nach. Warten. Planen ein bisschen. Hören auf. Probieren selbst rum. Schauen sich erst mal um. Lassen es liegen. Wenden sich schließlich an jemanden, der die Seite programmiert und nur noch die Inhalte von ihnen braucht – worauf das Ganze, was einmal konzentriert ein paar Stunden dauern würde, auf ein halbes Jahr ausgedehnt wird.
Oder persönlich:
- Die einen stellen fest: „Mist! Ich tue mich schwer damit, selbstbewusst aufzutreten, und knicke bei Honorarverhandlungen so oft ein.“ Dann machen sie ein Coaching und erarbeiten sich das Selbstbewusstsein und holen sich Verhandlungswerkzeuge, die sie anschließend nutzen und einüben können.
- Die anderen überlegen, ob es sich von selbst legen könnte. Dann kaufen sie ein Buch, können das Gelesene aber nicht so richtig umsetzen. (Wie auch: Man kann nicht auf einmal selbstbewusst verhandeln, nur weil man ein Buch liest.) Dann überlegen sie, sie könnten ein Training oder ein Coaching besuchen. Daraufhin ziehen weitere Monate ins Land: Ich müsste mal ein entsprechendes Angebot suchen. Ob sich das lohnt? Muss ich dafür wirklich Geld ausgeben? Kann ich es nicht doch selbst machen? Dann kaufen sie sich noch mal ein Buch. In der ganzen Zeit können sie sich nicht selbstbewusst verkaufen und gehen bei jeder neuen Anfrage wieder mit dem Preis runter. Das Ganze hat schon zigmal mehr Nerven und Geld gekostet, als wenn sie es sofort richtig gemacht hätten.
Es erstaunt mich immer wieder, dass sich so viele Selbstständige so etwas antun. Denn das zugrunde liegende Problem ist hier ja nicht das betreffende fachliche Thema, sondern die Entscheidungsschwäche, Bequemlichkeit oder schlichtweg die Verschleppung.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie stehen vor einer Rasenfläche, um die viereckig ein Weg führt. Sie könnten quer über den Rasen gehen. Stattdessen gehen Sie mehrmals den Weg darum herum und fragen sich dabei unablässig: „Ob ich die Abkürzung nehmen soll? Ob es mir wohl was bringen könnte, wenn ich die Abkürzung nehme? Ist es überhaupt nötig, die Abkürzung zu nehmen?“ – Absurd, nicht wahr?
Das Tückische ist, dass uns das im Alltag nicht so auffällt. Denn zu tun gibt es immer etwas. Und gerade das eigene Fortkommen oder ein strategisches Voranbringen des eigenen Business wird dann gerne mal hintangestellt oder zugunsten von Aufträgen immer wieder auf die Wartebank geschoben.
Aber wenn es eine Geldfrage ist?
Dieses Argument zieht nicht. Es gibt Unterstützung in allen Formen, Farben und Varianten – für wirklich jeden Geldbeutel. Und wer kein Geld hat oder ausgeben möchte, kann sich dahinterklemmen und Tauschgeschäfte eingehen.
Abgesehen davon kommt jede Verzögerung Sie viel teurer zu stehen, als Sie realisieren.
Die nicht vorhandene Website blockiert neue Aufträge oder boykottiert eventuell vorhandene Akquisemaßnahmen, wenn ein Interessent auf eine alte oder leere Website stößt und sich dann doch lieber bei der Konkurrenz informiert.
Das ständige Unterm-eigentlichen-Honorar-Arbeiten kratzt ebenfalls unmittelbar an Ihren Einnahmen. – Das Blöde ist, dass Sie das Geld, das Ihnen hier durch die Finger rinnt, nicht sehen oder greifen können. Wenn ein Strom von Geldscheinen neben Ihnen aus dem Fenster fliegen würde, würde Ihnen das sicher ganz schnell Beine machen. ![]()
Das Gefühl der eigenen Unzufriedenheit und das Wissen darum, dass Sie sich selbst blockieren, weil Sie die Dinge endlos vor sich herschieben, machen die Sache nicht besser. Jeder, der schon mal wochen-, monate- oder gar jahrelang die Dinge mit sich rumgeschleppt hat, weiß jetzt sehr genau, worum es mir geht.
Sie kennen diese alten Comics, bei denen die Sträflinge eine schwere Kugel ans Bein gekettet hatten? Genau das sind Sie, wenn Sie wichtige Aufgaben ungelöst mitziehen.
Ist das nicht zu streng?
„Was ist denn mit der Gitte los? Sonst gibt sie uns so nett Tipps und Anregungen und jetzt kommt sie mit der Sonntagspredigt?“ – Jo. Manchmal tut eine Sonntagspredigt auch ganz gut, finde ich.
Diejenigen von Ihnen, die nach dem Motto „ERKANNT – GEBANNT“ handeln, indem sie sofort tätig werden, nicken jetzt, denn sie wissen, dass sie so schneller vorankommen und nicht so schnell graue Haare bekommen.
Diejenigen von Ihnen, die zur Zögertruppe gehören, stellen jetzt die Ohren auf. Und wenn nur einer von Ihnen genau jetzt ertappt mit den Augen rollt und das, was er schon andauernd vor sich herschiebt, HEUTE ANGEHT, dann hat mein Leben wieder einen Sinn.
Geben Sie Ihrer Selbstständigkeit und sich selbst bitte immer die Chance, noch erfolgreicher zu werden.
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Anmerkungen & Kommentare
boah eh... autsch... *deinen Finger nehm, aus der Wunde zieh und ein Handtuch reich* Schmerz lass nach.
Nach gefühlten zweihundertfünfzig Mails, einer "ich-brauch-Hilfe" Anfrage und mindestens einer Terminierung schalte ich langsam wieder vom Jagdgalopp in Trab runter.
@ Heike: Endlich habe ich den Begriff Opportunitätskosten verstanden. Danke dafür.
Liebe, noch ein bißchen die schmerzende Stelle reibende, Grüße
Markus
Auf den Punkt gebracht, kurz und bündig, ohne wenn und aber. Sehr gut, danke!
VG
Patrick
Das mit dem "rückblickend" ist oft die Crux - ich glaube, das kennt jeder, zum Beispiel auch bei banalen Dingen wie "den Keller aufräumen" oder "die Steuer machen", die dann doch immer schneller erledigt sind als man sich das vorher so ausmalt. Mit den richtig behindernden Dingen, die dann schnell mal zum Ausbremsen führen, sind die Auswirkungen dann schnell kritischer ...
@Markus
Oha, hat's wehgetan? Dafür bist Du gleich aktiv geworden! Gratuliere! (und damit hat mein Leben ja wieder einen Sinn ...
@Patrick
Freut mich. Danke!
Opportunitätskosten
Das Bild mit dem fliegenden Geldstrom finde ich ausgezeichnet
Vielen Dank. Ich lese Ihre Seite sehr gerne. Sie schreiben authentisch, lebensnah und präzise, ohne diesen schrecklichen weltfremden Erfolgsratgeber-Tonfall anzunehmen.
herzlichen Dank für das schöne Feedback. Das ist toll, dass Sie uns gerne lesen und ich freue mich, dass Ihnen der Artikel und das Geldstrom-Bild eingängig ist. Genau solche Sachen "verhaken" sich dann ja und bringen einem oft ins Tun. Mir ging das vor einigen Monaten so bei einem Buch, wo drinstand: "Freie Flächen sind Luxus" - und das hat mich so beeindruckt, dass ich seitdem schlagartig zum Leertischler geworden bin.
Auf wiederlesen
Gitte
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Übrigens wollte ich allgemein noch sagen: Ich habe einige schöne E-Mails auf diesen Artikel bekommen und von einigen unserer Leser erfahren, dass und was sie am Montag auf den Newsletter hin gleich erledigt beziehungsweise in die Gänge gebracht haben. Toll!
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die Montagspredigt ist manchmal notwendig. Von Mal zu Mal brauchen wir Selbständige einen Tritt in den Hintern. Und das, was Du schreibt, ist goldrichtig. Wir schieben Dinge vor uns her, weil eine Sache, die uns selbst nicht durch die Hände flutscht, mit viel Geld bezahlen zu müssen. Aber diese Opportunitätskosten oder -erlöse (das ist betriebswirtschaftlicher Slang und heißt, die entgangenen Erlöse/Kosten, die wir nicht eindeutig sehen), die du ansprichst, das vergessen wir oft. Und ich selbst schließe mich da gar nicht aus. Oft genug spart man am falschen Ende, merkt es aber erst Monate später oder nie. Wenn man es später merkt, ist die Chance, dass man es künftig anders macht, recht hoch. Aber dazu muss man sensibilisiert werden und dafür ist auch dieser Beitrag wunderbar geeignet.
Viele Grüße
Heike