Firmenauftritt

Augen auf! – Lernen Sie von anderen ...

Gitte Härter • 07.07.2008 • email Weiterempfehlen

Letztens las ich in der U-Bahn in einem Marketingbuch, und da stand so nebenbei, man solle sich doch einfach mal die Anzeigen von erfolgreichen Firmen ansehen und schauen, wie die das machen. Besonders Anzeigen, die über längere Zeit laufen, funktionieren offensichtlich sehr gut – denn wenn sie kein Geld bringen würden, würden die Werbetreibenden ihre Anzeige ja ändern.

Das fand ich eine gute Idee, und ich nutzte den Weg zu einem Termin einmal dazu, aufmerksam durch die Welt zu laufen. Ganz schön lehrreich! Gucken Sie mal, was mir alles auf dieser einen Fahrt begegnet ist – und wie gespickt die Welt um Sie herum mit tollen Erkenntnissen und Tipps für Ihr eigenes Business ist.

Gleich in der U-Bahn beim Hochgucken fiel mein Blick auf ein Werbeplakat mit einem schönen Wüstenmotiv und dem Text:

Sarafea. Atemberaubende Orientreisen

Dieser Text ist das eigentlich Geniale an diesem Plakat. Idealerweise hat jedes Business so einen kurzen, knackigen und aussagekräftigen Namen.

In unserem Online-Workshop damals habe ich auch schon von einem ähnlich genialen Namen geschwärmt: Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater. Jetzt schauen Sie sich diese beiden Beispiele an. Hauen die nicht rein? Machen sie nicht neugierig? Und: Bleiben sie nicht wunderbar im Gedächtnis?

Ich jedenfalls interessiere mich weder für Kasperltheater noch für Orientreisen – und selbst bei mir hat sich das bis auf alle Zeiten verhakt.

Raus aus der U-Bahn. Beim Umsteigen überbrücke ich etwas Wartezeit und schaue mir die Plakate an. Ah! Ein Plakat voller Text von einer Stadtteilauto-Organisation. Das macht mich neugierig. Denn in der Werbung sieht man gar nicht mehr so Anzeigen mit wirklich viel Text. Was schreiben die denn da alles?

Das Infoplakat

Das Plakat fängt super an: Als Leser werde ich direkt angesprochen à la: Warum wir wollen, dass Sie Ihren Privat- oder Zweitwagen aufgeben oder eine Neuanschaffung verschieben und sich stattdessen ein Auto mit anderen teilen? – Ja, das interessiert mich. Ich lese gespannt weiter … bekomme tellergroße Augen und lache hysterisch. Denn jetzt folgt keine Information, sondern nach einem „Da fragen Sie noch? – Eigentlich sollte darüber kein Wort mehr zu verlieren sein!“ geht eine Maßregelungstirade los.

Unfassbar! Das war sicher gut gemeint, und ich halte der Organisation zugute, dass sie offensichtlich sehr engagiert ist, aber mit missionarischem Zusammenstauchen von ignoranten Umweltverschmutzern, wie ich es offenbar bin, gewinnt man weder Freunde noch Kunden.

Besser wäre gewesen: Ein ausführliches Informationsplakat an einer Stelle, an der die Leute schon aus Langeweile alles lesen werden. Aber mit zu viel Eifer und zu wenig „Kundenbrille“ umgesetzt. Schade.

Wieder in der U-Bahn sehe ich zwar kein interessantes neues Plakat, aber mir fällt eine ähnlich beleidigende Werbeaktion ein. Vor einigen Jahren hat eine Personalvermittlung neue Mitarbeiter gesucht, und zwar mit dem appetitlichen Aufruf:

Sesselpupser gesucht

Ich verstehe es bis heute nicht, wie diese Zeile erstens auf Leute animierend wirken soll, sich dort zu melden. Und ich verstehe vor allen Dingen nicht, inwieweit ich eine Personalvermittlung beauftragen sollte, deren Mitarbeiterpool aus Sesselpupsern besteht.

Der Rückschluss: Sie können polarisieren. Aber seien Sie sich darüber bewusst, dass das dann zwar bei einigen extrem gut ankommt, bei anderen überhaupt nicht. Und dass Sie möglicherweise genau die falschen Leute dadurch ansprechen. Oder, wenn Sie mit Bedacht handeln, genau die richtigen. Die Sesselpupsergeschichte bleibt mir ein Mysterium. Vielleicht haben Sie ja eine Vorstellung, warum das eine gute Idee gewesen sein könnte.

Nun aber raus aus der U-Bahn und rein in die Straßenbahn. Normalerweise lese ich ein Buch und sehe nichts, diesmal gucke ich mir die Ladenzeilen mal an. Spannend!

Ungewöhnliche Öffnungszeiten

Eine Weinhandlung hat ein riesiges Öffnungszeiten-Schild an der Tür. Das alleine ist ja schon clever. Oder kennen Sie es nicht auch, dass man oft die Öffnungszeiten an Ladenfronten regelrecht suchen muss. Dieses hier sieht man sogar von der Straße in einigen Metern Entfernung. Aber noch genialer ist die Überschrift: „Unsere ungewöhnlichen Öffnungszeiten“. Und es sind wirklich ungewöhnliche Öffnungszeiten, weil es nämlich reduzierte Zeiten sind.

Doppelt gut gelöst: Passanten und Kunden werden unmissverständlich darauf hingewiesen, dass es da was „Ungewöhnliches“ an den Öffnungszeiten gibt, und gucken neugierig hin. Auch ich, die ich mich gar nicht für Wein interessiere, war ganz wild darauf zu sehen, was denn nun so ungewöhnlich daran sein mag. Es ist ein wirklicher Hingucker, auch beim Vorbeifahren.

Weiter die Straße entlanggezuckelt: Laden an Laden, alles ziemlich eng, da ist es ziemlich schwierig, überhaupt etwas auseinanderzuhalten. Aber halt, da sticht einer raus:

Der simple und clevere Ladenname

Mit Ladenbeschriftungen muss man wirklich aufpassen: Es soll rausstechen, es muss die Vorschriften einhalten, es muss finanziell im Rahmen bleiben. Aber so ein Schild ist natürlich ein echter Hingucker. Einer meiner früheren Kunden beispielsweise stellt kreative Schilder aus tollem Material her, sehr aufwändig gemacht. Eine Investition, die sich auf jeden Fall lohnt, weil sie Leute reinzieht.

Doch natürlich ist der Ladenname selbst auch sehr relevant. Was hat mich denn nun so begeistert? → DIE METZGERIN.

Nicht die x-te „Metzgerei“ oder „Metzgerei Huber“, sondern „Die Metzgerin“. Wunderbar! Einfach. Auf den Punkt. Mit Charakter. Und neugierig machend: Oh, eine Metzgerin.

Blick nach rechts … da kommt schon wieder eine Metzgerei. Aber halt! Hä? Das ist ja gar keine Metzgerei, sondern …

Das brutale Kosmetikstudio

Ein Kosmetikstudio. Das steht aber nur im Fenster mit Folie aufgeklebt. Direkt drüber ist noch das offenbar alte Schild einer Metzgerei, das aber weitaus mehr ins Auge sticht. Schlecht für das Kosmetikstudio. Denn wenn man es bemerkt, dann – auch wenn es unlogisch ist – hinterlässt es einen unguten Nachgeschmack. Angeregt, in dieses Kosmetikstudio zu gehen, bin ich nicht …

Und auf dem Weg zu meinem Termin kommt noch ein Mysterium: Eine Front. Sieht nach Restaurant aus. Mit zwei großen Markisen über die ganze Hausbreite. Auf den Markisen steht nur ein zweisilbiger Name. Ich will das Lokal jetzt nicht nennen und sage einfach mal „Lelo“. Daneben stehen zwei Wörter aus einer fremden Sprache, die ich nicht zuordnen kann. Könnte italienisch sein. Aber sicher bin ich mir nicht.

Was für ein Lokal ist das denn?

Ich grüble und schaue und gehe nochmal zurück. Tatsächlich: An diesem Restaurant steht nirgendwo, welche Art von Restaurant es ist. Komische Sache. Denn geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie beim Essengehen schon vorher wissen wollen, um welche Küche es geht? An den fremdländischen beiden Begriffen auf der Markise erkennt man, dass es keine gewöhnliche Kneipe ist.

Zu Hause google ich den Namen. Es ist ein türkisches Lokal! Da wäre ich niemals drauf gekommen. Und vielleicht viele andere Passanten oder Autofahrer, die vorbeikommen, auch nicht. Schade, dass kein Schild oder kein weiterer Hinweis dran war.

Haben Sie einen Laden oder einen Gastronomiebetrieb? Dann gehen Sie doch gleich mal vor die Türe und schauen Sie sich Ihr Geschäft mit den Augen eines Passanten an.

Der Fahrradladen

Sonst passiert es Ihnen vielleicht wie dem Fahrradladen bei mir um die Ecke: Seit drei Jahren jammere ich, dass es keinen Fahrradladen gibt, der mein altes Radl mal auf Vordermann bringt. Seit all dieser Zeit fahre ich immer an einem Fahrradladen vorbei, der offenbar neue Räder verkauft. Die Fensterfront sieht so aus und die vielen angeketteten neuen Räder auch. Als mir kürzlich mein Radlschloss versagte, ging ich rein, um ein neues zu kaufen. - Überraschung! Das war alles andere als ein Neuwaren-Geschäft. Es ist ein Mini-mini-Werkstattladen innen, in dem man sich kaum umdrehen kann, und das Hauptgeschäft ist Fahrradreparatur. Argh!

Jetzt sind Sie dran: Augen auf beim Rausgehen. Und lernen … Viel Spaß!

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Norbert Jothann am 08.07.2008
Hallo, Gitte!

Über diesen Artikel habe ich mich sehr gefreut. Warum? Nun, er ist von Dir im Stile einer Kolumne abgehalten. Ich konnte so richtig schön in Deinen Gedanken- und Spaziergang mit zwischenzeitlichen U- und Straßenbahnfahrten eintauchen. Fast so, als ob ich Dich bei Deinen Erkundungen begleitet habe.

Sehr schön zu lesen. Danke.

Falls Eure Leserinnen und Leser Interesse an Kolumnen haben, bei denen es auch humorvoll zugeht, dann empfehle ich das Buch von Fanny Müller: "Keks, Frau K. und Katastrophen"- link zweitausendeins.de

Beim Lesen Deines Artikels kamen mir sofort ein paar Werbetexte in den Sinn, mit denen ich aufgewachsen bin.

- "Schreibste mir, schreibste ihr - schreibste auf MK.Papier!"

- "Einer ruft' s dem andern zu: ELSNER-Schuh, ELSNER-Schuh!"

In den 1960er und 1970er Jahren wurden Straßenbahnkunden permanent mit Werbetexten der Paech Brot Großbäckerei "versorgt". Hier eine Auswahl:

- "Oh, wie schimpft der Opapa - Oma hat kein PAECH-Brot da"
- "Haste im Verkehr mal Frust, mit Paech-Brot kriegste wieder Lust."
- "Kuno sprach zu Kunigunde: „Paech-Brot ist in aller Munde!“"
- "Ach liebe Mutti, bitte, bitte, gib mir noch ‘ne Paech-Brot-Schnitte!"

Auch das sind Texte, die mir sofort beim Lesen Deines Artikels einfielen. Ob die PAECH-Brot-Texte wirklich zum Kauf der Brote animiert haben, kann ich nicht sagen, aber ich weiß aus eigenem Erleben, daß ich durch diese Texte wenigstens daran erinnert wurde, Brot zu kaufen.

Die Großbäckerei PAECH gibt es schon lange nicht mehr. Außer diesen für die Zeit vielleicht typischen Werbesprüchen ist von Paech nicht viel geblieben. Die Brotfabrik wurde abgerissen. Das ehemalige Gelände wartet auf den Bau eines Einkaufscenters.

Übrigens: Die letzte Straßenbahn in Hamburg fuhr am 01. Oktober 1978.

Wer sich für seinen eigenen Werbetext inspirieren lassen will, sollte sich auf der Webseite slogans.de umschauen. Und sei es auch nur, um zu vermeiden, einen bereits vorhandenen Spruch "neu" zu erfinden - und zu verwenden.

Was Du unter der Überschrift "Was für ein Lokal ist das denn?" schreibst, ist mir anderer Form auch passiert. Meine Frau und ich spazieren immer mal wieder durch bestimmte Straßen in Hamburg, um zu sehen, was sich so im Laufe der Zeit geändert hat. Manchmal kommen wir in diesen Straßen an Häusern und Geschäftsräumen vorbei, bei denen wir uns fragen: "Ja, wie jetzt? Was hat denn da vorher gestanden? Was war denn da mal drin?" Das waren oft Häuser oder Geschäfte, die scheinbar keine Ausstrahlung auf uns hatten.

In einer Einkaufsstraße war bis vor etwa vier Jahren eine Bäckerei. Diese Bäckerei gab es schon einige Jahrzehnte. An der Fassade des Hauses war eine große, schon von weitem sichtbare Brezel befestigt, die bei Dunkelheit beleuchtet wurde. Man wußte sofort: "Da ist ein / der Bäcker!"

Die Bäckerei, die noch in den eigenen Räumen selbst backte, wurde verkauft. Eine Bäckerei-Kette übernahm das Unternehmen und machte daraus ein Filial-Geschäft. Die Brezel verschwand. Der Laden sah nun von außen aus wie alle anderen Läden in der Straße auch. Mögliche Kunden, die noch nie vorher in dieser Straße waren, fragten Passanten, ob es denn hier ein "Brotgeschäft" oder einen "Bäcker" gäbe. "Ja, klar. Dort!", bekamen sie zur Antwort.

Meine Frau und ich fahren nicht mehr zu der "Ja, klar. Dort!"-Bäckereifiliale. Wir haben einen anderen, echten Bäcker gefunden, der noch eine Brezel an der Hausfassade und den Duft frisch gebackenen Brotes im Ladengeschäft hat.

Herzliche Grüße aus Hamburg

Norbert
Von: Gitte Härter am 08.07.2008
Huhu Norbert,

herzlichen Dank für Deine ergänzenden Erinnerungen. - Anhand der Brot-Straßenbahn-Werbung sieht man auch wieder mal sehr schön, wie lange sowas hängenbleibt! Vier Jahrzehnte, und Du kannst die Werbeslogans, die Du als Kind gehört hast, noch wiedergeben.

Und das mit der Leuchtbreze ist auch ein schönes Beispiel! So simple Details machen einen Riesen-Unterschied. Auch "emotional".

Das finde ich besonders nett: _Wir haben einen anderen, echten Bäcker gefunden, der noch eine Brezel an der Hausfassade und den Duft frisch gebackenen Brotes im Ladengeschäft hat._

Der ECHTE Bäcker mit der Brezel an der Fassade grin

Ich denke, dass es vielen Leuten einfach auch oft schwer fällt, das selbst einzuschätzen: Wie sieht das von außen aus, wie wirkt das? ... oder man denkt schlichtweg nicht dran.

Da ist das Einschätzen, aber auch das Sich-von-anderen-guten-Ideen-inspirieren lassen umso wichtiger.

Einen schönen Nachmittag
Gitte

PS: Ich wusste gar nicht, dass Hamburg straßenbahnlos ist.
Von: Norbert Jothann am 08.07.2008
Hallo, Gitte!

Zu Deinem PS und damit zur Straßenbahn, die es in Hamburg seit fast 30 Jahren nicht mehr gibt.

Vor einiger Zeit erzählte mir ein Bekannter, der ein Staßenbahn-/Tram-Fan ist, daß der Hamburger Senat bereits im Jahre 1958 (!) beschlossen hatte, die Straßenbahn und das damit verbundene Schienennetz bis 1978 langsam auszudünnen. (Das ist ihnen gelungen!)

Seit ein paar Jahren diskutieren einige Parteien in Hamburg darüber, ob und wie man die Straßenbahn auf welchen Routen wieder sinnvoll einführen könnte... wink

Wie heißt es bei Loriot so schön: "Bitte sagen jetzt nichts, Fräulein Hildegard" grin

Mir fällt dazu jedenfalls gegenwärtig nichts mehr ein...

Ich wünsche Dir auch einen schönen Nachmittag

Norbert

 

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