Selbstmanagement

Ablenkungen: Was ist Ihr „Schafbock“?

Gitte Härter • 19.10.2008 • email Weiterempfehlen

Ich warne Sie: Zu Beginn wird‘s jetzt etwas surreal. Ich habe nämlich höchst eigentümlich geträumt und bin mit diesem Blogeintrag zum Thema Ablenkung und Prioritäten aufgewacht.

Ich renne den langen Flur einem schwarzen Schafbock hinterher. Er rast in die Küche. Dort sehe ich den Wellensittich. Total abgemagert und offenbar dringender Hilfe bedürftig auf dem Boden seines Käfigs. Ich nehme vage ein weiteres Tier in der Küche wahr, aber noch immer fordert der wilde Schafbock meine ganze Aufmerksamkeit. Er stellt sich unter den Vogelkäftig und springt in die Höhe und schüttelt den Sittich durch, dann rast er weiter, an mir vorbei. Ich entscheide: Der Schafbock muss erst unter Kontrolle gebracht werden. Ich bekomme ihn am Hals zu fassen. Aber: Obwohl ich mich mit aller Kraft dagegenstemme, zieht er mich mit, bockt, gibt bedrohliche Laute hinter seinen gefletschten Zähnen von sich und schleppt mich weiter von der Küche weg, wo ja der Sittich in Not meiner Hilfe bedürfte ...

Aufgewacht! Fix und fertig. Es fühlt sich an, als hätte ich wirklich gerade alle Kraft eingesetzt, um einen ziehenden Schafbock festzuhalten.

Schafböcke in Ihrem Business

Gibt es in Ihrem Alltag auch solche „Schafböcke“? Menschen oder Tätigkeiten, von denen Sie sich gnadenlos Ihre Zeit diktieren lassen, die Ihre Konzentration von Wichtigem abziehen und Ihre Energie fressen?

Das könnte beispielsweise sein:

  • Menschen, die Ihre ständige Aufmerksamkeit fordern z. B.: Familienangehörige oder Freunde, die Ihre Arbeitszeiten im Home-Office nicht respektieren „weil Sie ja eh zu Hause sind“; gute Kunden, die permanent etwas von Ihnen möchten, und denen Sie bislang keine Grenze aufgezeigt haben, sondern immer springen, wenn diese sich melden
  • Ein Endlosprojekt z. B.: Kooperationsideen mit anderen Selbstständigen, bei denen aber eigentlich immer nur Arbeit durch Abstimmung, das Ausarbeiten von Ideen und Denken, Denken, Denken entsteht, aber nie was umgesetzt wird; ein Herzensprojekt, das Sie sich in den Kopf gesetzt haben, etwa nebenbei endlich ein Buch schreiben möchten oder eine ganz neuartige Methode entwickeln möchten, das jedoch immer nur im Arbeitsstadium bleibt
  • “Scheine sammeln“ – Immer noch eine Ausbildung z. B.: Sie glauben, dass Sie immer noch eine Fort- oder Ausbildung brauchen, damit Sie noch sicherer sind oder damit Sie wieder einen Abschluss in Ihrem Profil aufführen können. Aber es ist nie genug, Sie bilden sich immer wieder nebenbei fort, lesen und pauken ...
  • Ehrenamt oder „Helfersyndrom“ z. B.: Sie arbeiten in verschiedenen Vereinen, Verbänden oder Netzwerkgruppen unentgeltlich, weil Sie sich einen guten Ruf und Kontakte erhoffen, aber letztlich buttern Sie echt viel Arbeit in die Organisation von Veranstaltungen, das Führen der Bücher oder die Pressearbeit, die Ihnen für Ihr eigenes Business fehlt. Oder: Sie helfen Kollegen mit Feedback oder Ihren Leistungen und stehen anderen endlos viele Stunden im Internet mit Rat und Tat zur Seite. Leider haben Sie darüber schon längst keine Kontrolle mehr, sondern das Engagement hat sich verselbstständigt.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt

... naja okay, nur mit dem Erkennen ist es ja nie getan, aber es ist auf jeden Fall immer der erste wichtige Schritt. Denn jetzt können Sie hinterfragen:

1. Was genau nimmt mir sehr viel Zeit und/oder Aufmerksamkeit? Was kostet mich Kraft?

2. Schreiben Sie zu jedem „Schafbock“, den Sie gefunden haben, ganz spontan mindestens eine halbe Seite was Ihnen dazu an Gedanken im Kopf herumgeht. Nicht strukturiert, nicht politisch korrekt: einfach mal rausschreiben was kommt.

Das könnte so aussehen:

Ich mag die Verbandsarbeit ja eigentlich gerne, bekomme auch Anerkennung dafür. Aber irgendwie wird es immer mehr und ich bin, wenn ich ehrlich bin, schon sehr lange über meiner Grenze: von dem, was ich kostenfrei machen will. Außerdem habe ich überhaupt keine Zeit. Meine eigene Firma stagniert, weil immer wieder die Verbandssachen reinpfuschen. Vor allen Dingen die Rückfragen per Telefon oder E-Mail („Kannst Du mal schnell ...“) ...

Wenn Sie einmal alles spontan rauslassen, bekommen Sie ein ungefiltertes Bild von dem, was Sie denken und „eigentlich“ möchten. Oft trauen wir uns das nicht oder hinterfragen es erst gar nicht genau und es bleibt bei einem: „Ach, das ist zwar Arbeit, aber es wird sich schon auch lohnen.“ Obwohl es sich gar nicht lohnt, keine Freude mehr macht und irgendwann dazu führt, dass man sich ausgenutzt fühlt.

3. Was sind die „Sittiche“, die Sie vernachlässigen, und die eigentlich viel höhere Priorität brauchen? Warum genau? Wie dringend ist es? Konkretisieren Sie auch diesen Part.
 
Auf dieser Basis fällt es Ihnen leichter, Ihre Prioritäten neu zu setzen und zu erkennen, ob irgendwo schon Feuer am Dach ist. Dann jagen Sie nicht den Schafböcken nach, nur weil diese Ihre Aufmerksamkeit erzwingen, sondern übernehmen aktiv die Kontrolle über Ihre Zeit, über Wichtigkeit und Dringlichkeit.

 

Sie können diesen Beitrag kommentieren oder ihn an einen Freund oder Bekannten email weiterempfehlen oder Ich lese: Ablenkungen: Was ist Ihr „Schafbock“?Twitter den Beitrag.

 

Anmerkungen & Kommentare

Von: Norbert am 19.10.2008
Hallo, Gitte!

Auch wenn es jetzt etwas seltsam klingen mag, aber diesen Beitrag hast Du im übertragenen Sinne für mich geschrieben. grin

Zu einem gewissen Anteil finde ich mich darin wieder. Insbesondere in den Aufgaben, die sich daraus ableiten. Ich sag' nur: "Feuer am Dach".

Ralf schrieb in einem Betrag: "Erledige das Wichtigste zuerst und weigere Dich mit Händen und Füßen, Dinge zu tun, die unwichtig sind."

Genau!

Ich war ja rund vier Wochen durch meine Erkrankung "außer Betrieb" gesetzt, weshalb ich jetzt wieder alle Kraft den wichtigen Dingen widme. Ohne aber die Regeneration außer acht zu lassen.

Dein beschriebener Traum ist eine schöne Metapher, um sich die anzupackenden Sachverhalte besser verdeutlichen und daraus folgend die Prioritäten neu setzen zu können.

Herzliche Grüße aus Hamburg
Norbert
Von: expertenmacher am 20.10.2008
Hallo Gitte,

der alltägliche Schafbock der meisten Leute ist sicher: E-Mail. Und obwohl ich mir dessen 100&#xig; bewusst bin, schaffe ich meinen Vorsatz nicht umzusetzen, nur 2x täglich Mails zu checken. Ich werde zwar immer besser, aber der Bock ist hartnäckig...

Grüße

Fabian Raschke
Von: Zamyat M. Klein am 20.10.2008
Hallo zusammen,

noch sitze ich ja am schönen Strand von Cirali in der Türkei, da lässt sich natürlich einiges schön planen.
Zum ersten Mal habe ich ein Laptop mit und checke abends einmal die E-Mails. Und das reicht völlig! (Allerdings wissen auch viele, dass ich nicht da bin).
Und hoffe, dass mir das hilft, das zu Hause auch endlich wie geplant nur zwei mal am Tag zu machen und auf keinen Fall als erstes Morgens.
Sondern da mit der wesentlichsten Aufgabe anfangen gemäß dem Motto: wenn ich heute nichts anderes getan hätte, wäre ich dann zufrieden mit dem Tag?

Aber ein größeres Problem für mich ist es, mittags pünktlich Pause zu machen (weil dann der Nachmittag immer chaotisch wird). Oft denke ich dann, och schnell noch die eine Mail - und zack, ist es eine Stunde später oder noch mehr.

Da habe ich allerdings eine kreative Idee: ich will mir schrecklich laute Wecker kaufen und die die Treppe zur Küche hochstellen. Wenn die dann mittags alle klingeln, muss ich die Treppe bis zur Küche rauf - und dann werde ich inshallah da bleiben und kochen und Pause machen.

Vielleicht fällt ja jemandem etwas ähnlich kreatives zu den E-Mails ein?
Beispielsweise, dass man jedes Mal einen Stromschlag erhält, wenn man zu ungeplanter Zeit dran geht wink. Naja, ist etwas brutal- ich hoffe auf nettere Ideen.

Wenn es mir nach dem Urlaub gelingt, werde ich dir lieber Fabian berichten, wie ich es geschafft habe.

Schöne Grüße aus der Türkei
Zamyat
Von: Gitte Härter am 21.10.2008
Guten Morgen zusammen,

danke für Eure Kommentare. Ich habe sehr über den Wunsch nach einem Stromschlag beim E-Mail-Checken gelacht - so Brachialmethoden sind durchaus auch mein Geschmack grin

@Norbert: Ich finde es auch oft hilfreich, bestimmte Bilder im Kopf zu haben, um mehr auf Kurs zu bleiben. Da ist es dann einfacher, sich an Aha-Effekte oder wichtige Vorsätze zu erinnern und im "Ernstfall" zurückzupfeifen.

@Fabian und Zamyat: Ich bin ja der Extremfall von "morgens als erstes den PC an" und natürlich immer sofort lesen, wenn eine E-Mail reinkommt. Ich finde nicht, dass das nur Nachteile hat - im Gegenteil: Ich weiß, dass sich bei mir nichts staut (mich würde es eher erschrecken, wenn ich abends einen Stapel auf einmal abarbeiten sollte und womöglich noch eine Terminsache drin war) - und es ist durchaus etwas, was meine Kunden und Geschäftspartner auch schätzen: prompt zu reagieren.

Letztlich kommt es auch darauf an, wie der eigene E-Mail-Verkehr so aussieht: Kommt viel, kommt wenig, kommen oft eilige Sachen? Wie ist mein sonstiger Alltag strukturiert. Und: Was sind meine sonstigen Aufgaben - mache ich gerade die Buchhaltung und eine E-Mail reißt mich aus allem raus? Oder mache ich etwas, wo ich im Kopf schnell hin- und herschalten kann. Bleibe ich bei meiner Aufgabe oder nehme ich jede E-Mail als willkommene Gelegenheit, das Anstehende vor mir herzuschieben. - Es ist halt bei der Organisation meistens differenzierter als sich nur ein "2 x/Tag" aufzuerlegen.

Haha, diese Schrillende-Wecker-Treppen-Geschichte hat's in sich: Ich wäre oben auf der Treppe dermaßen wütend und aggressiv, dass es mit der entspannten Mittagspause nicht mehr weit her wäre.

Einen schönen Tag
Gitte
Von: Barbara Steldinger am 22.10.2008
Hallo zusammen,

ein interessantes Thema. Nun habe ich wenigstens ein schönes BIld für das, was mich immer wieder vom Wesentlichen weglockt, ein Schafbock grin. Und mein Sittich jammert auch gelegentlich ziemlich laut.

Insbesondere Internet und Email sind meine Böcke.Internet, weil ich gerne in meinen Lieblingsnewslettern und Foren rumgucke und das immer länger dauert als geplant. Allerdings ergibt sich da oft ganz konkreter Nutzen, so wie hier immer.

Emails gucke ich mir morgens auch immer als erstes an. Wahrscheinlich würde ich platzen bei der Vorstellung, da könnte jetzt was spannendes drin sein, eine Anfrage oder der ultimative Kick für mein Business...
Es hat auch den Aspekt, den du liebe Gitte angesprochen hast. Ich hab die Mails gerne laufend erledigt. Das macht mich fertig, wenn da eine endlose Liste entsteht Ich gehe allerdings inzwischen ziemlich rigoros nach dem Prioritätenprinzip vor und werde immer besser darin, gleich ganz viel zu entsorgen.

Ich gucke auch zwischendurch, finde das aber völlig ok für mich. Die Idee mit dem Stromschlag, liebe Zamyat, hätte mich wahrscheinlich schon unter die Erde gebracht....

liebe Grüße
Barbara

 

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