Selbstmanagement

7 x Probleme suchen

Gitte Härter • 20.06.2011 • email Weiterempfehlen

Am Wochenende habe ich ein Interview mit der amerikanischen Schauspielerin Betty White gesehen, in dem sie sinngemäß sagte: “Mach deine Arbeit gut und kümmere dich um Probleme, wenn sie auftauchen. Geh nicht aktiv nach Problemen suchen.”

Ein guter Rat. Ich behaupte, dass Selbstständige zu oft auf potenzielle Probleme fixiert sind. Nicht immer merkt man das, weil es manchmal unter einem anderen Deckmantel geschieht.

Schauen Sie mal, wo Sie sich wiederfinden:

1. “Die negative Kristallkugel: Bestimmt ...”

Sie malen sich aus, was passieren könnte. Leider sind diese Vorhersagen immer negativ: “Bestimmt bekomme ich den Auftrag wieder nicht!”, “Bestimmt findet der Kunde meine Arbeit Scheiße!”, “Bestimmt wird er die Rechnung nicht zahlen wollen und es gibt eine ärgerliche Diskussion.” Manche Menschen nutzen das als Selbstschutz: Wenn ich mich auf den schlimmsten Fall vorbereite, kann ich nie enttäuscht werden. Leider laufen sie auch dauernd bedrückt und eher negativ durch die Gegend.

2. “Murpyhs Law: Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen!”

Es gibt ja regelrechte Anhänger von Murphy’s Law – bis hin zu der Überzeugung, dass man einfach ein Pechvogel ist. Hier geht es nicht um das Vorhersehen, sondern um die Überzeugung, dass das dicke Ende auf jeden Fall kommen wird. Jeder Auftrag wird zum Dauerstress, weil Sie ständig auf der Hut sein müssen. Manchmal hat das zur Folge, dass Sie jeden Eventualfall berücksichtigen und abfangen wollen – und viel zu viel Aufwand in mögliche Eventualitäten stecken, die dann doch nicht eintreten.

3. “Morgen kommen sie mir drauf: Ich bin eigentlich ein Hochstapler.”

Als ich mich vor vielen Jahren zur Vertriebsleiterin hochgearbeitet hatte, bekam ich eine Visitenkarte, auf der “Gitte Härter, Sales Manager” stand. Ich fühlte mich aber gar nicht als Sales Manager. Und auch wenn ich in meiner Arbeit super war, hatte ich immer das Gefühl ein Fake zu sein. Haha. Ich bin ja gar kein richtiger Sales Manager. – Dieses Gefühl kann allerdings alles andere als belustigend sein: Nämlich wenn man tief in sich drin Selbstzweifel hat. Weil man Quereinsteiger ist, noch nicht lange in einem gewissen Feld arbeitet oder weil man so gut ist, dass einen das ganze Umfeld zu überschätzen scheint. Manchmal sieht es innen völlig anders als, als das, was man außen sehen kann.

4. “Einseitig vorausschauen: Es könnte sein, dass ...”

Eine gute Sache ist es, sich zu überlegen, was sein könnte: Wie könnte diese Anzeige missverstanden werden? Was mache ich, wenn der Kunde über den Preis verhandeln will? Auf diese Weise kann man Missverständnisse oder Einwände vorwegnehmen und Lösungen finden. Aber: Manche Selbstständigen glauben, dass sie konstruktiv vorausschauen, malen sich allerdings doch nur lauter schlimme Szenarien aus. Das ist verwandt mit der negativen Kristallkugel, aber es ist tückischer, weil Sie selbst denken, dass sie einfach nur vorausschauend und “realistisch” sind.

5. “Der unfaire Vergleich: die anderen sind eh besser.”

Sind Sie hart oder sehr unnachgiebig mit sich selbst? Haben Sie fachlich oder persönliches ein nicht so ausgeprägtes Selbstbewusstsein? Dann kennen Sie es, dass Sie andere nicht einfach bewundern oder von ihnen abschauen, sondern jede Gelegenheit nutzen, sich selbst im Vergleich dazu schlechter wegkommen zu lassen. Andere sind erfahrener, cleverer, gewitzter, pfiffiger, professioneller und und und – Besonders gefährdet sind alle mit perfektionistischer Ader. Denn hier gibt es keine objektiven Kriterien, sondern das “noch besser” bleibt immer schwammig. So schneiden Sie in den eigenen Augen auch schlecht ab, wenn Sie super sind.

6. “Beeinflussung: nach Problemen fischen

Wie Sie eine Frage stellen, fällt auch die Antwort aus. “Was findest Du an meiner Website alles schlecht?”, “Finden Sie nicht auch, dass der Markt in unserer Branche einfach am Boden ist.”, “Als Selbstständige bekommen wir eh keinen Fuß mehr auf den Boden.” – im Gespräch mit anderen können wir wunderbar die Richtung bestimmen, die wir brauchen. Darum suchen wir uns oft im Freundes- oder Kollegenkreis die Personen aus, von denen wir schon wissen, was sie sagen werden. Sind Sie negativ und brauchen einen Arschtritt, gehen Sie zu Freund X. Wollen Sie eher mitleidigen Zuspruch, rufen Sie Kollege Y an. Problematisch wird es nur, wenn Sie sich immer die negativen Mitjammerer suchen oder wenn Sie durch Ihre Fragen auch die konstruktivste Person aufs negatives Terrain ziehen.

7. “Dominoeffekt: Wenn das eintritt, hat das zur Folge ...”

“Bestimmt bekomme ich diesen Auftrag wieder nicht, dann wird es eng mit der Miete. Wenn ich die Miete nicht zahlen kann, muss ich das Büro aufgeben. Daheim habe ich keinen Platz. Außerdem darf ich kein Gewerbe in der Mietwohnung führen. Dann kann ich keine Kundenbesuche mehr vor Ort annehmen und mir bricht die Hälfte des wenig verbliebenen Umsatzes weg. Ich werde meine Wohnung verlieren und lande unter der Brücke.” Wenn wir so ein Horrorszenario in einem Film hören, finden wir es belustigend. Doch tatsächlich passiert es auch im Alltag, dass man angenommene Verkettungen immer weiter spinnt. Leider merkt man manchmal gar nicht, wie sehr man übertreibt, und so kommt nicht nur der Domino-, sondern auch noch der Schneeball-Effekt zum Tragen. Plötzlich hängt an diesem einen Auftrag die Gefahr, unter der Brücke zu landen.

Selbst-Sabotage

Damit wir uns richtig verstehen: Natürlich ist es gut, ein paar Schritte vorauszudenken. Bei Dingen, die wir auch wirklich beurteilen können und die wir in irgendeiner Weise unter Kontrolle haben. Wenn Sie sich also vorab überlegen, was gegen Ihr Angebot spricht, können Sie es im Vorfeld besser machen. Wenn Sie aber ein Angebot abgeben und dann eine Woche nicht schlafen können, weil Sie nachträglich dieses Angebot vorsorglich schon mal in der Luft zerreißen, hat das nichts mehr mit vorausschauendem Handeln zu tun.

Sie binden Energien. Und schlimmstenfalls belasten Sie sich, und zwar ohne konkreten Anlass.

Im Englischen gibt es die Redewendung “I’ll cross that bridge when I come to it”. Bei uns würde man sagen “sich nicht über ungelegte Eier Gedanken machen”. Mir gefällt in diesem Fall das englische Bild besser: denn eine Brücke kann man nunmal erst überqueren, wenn man dort ist.

Apropos Probleme:
excaim Kostenfreier Download: Haben Sie Existenzängste?
excaim Selbstlernkurs: Wenn die Selbstständigkeit belastet - und wie Sie da raus kommen!

 

 

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Anmerkungen & Kommentare

Von: Maria am 20.06.2011
Wo ich mich wiederfinde, oder besser: Wiederfand!
“Der unfaire Vergleich: die anderen sind eh besser.”
bis ich merkte, dass "die Anderen" auch nur mit Wasser kochen.
Das war ein Anstoß (ich hatte mehrere) zur Selbstständigkeit... grin
Von: Horst R. am 20.06.2011
"Ich bin ab sofort erfolgreich" - nehmt einfach diesen Gedanken auf und handelt so... und vieles ergibt sich wie von selbst und es wird vieles geschehen was eigentlich unmöglich erscheint.

Tun und reden/schreiben und denken - nutzt alle eigenen Möglichkeiten und es läuft gut.

Hört auf eure "innere Stimme" auch "Bauchgefühl" genannt - oft muss entschieden werden, auch ohne absolute Fakten zu kennen; und tut dies.

Netter Gruss von hier
von Horst R.
Von: Kerstin am 20.06.2011
Ich musste mir neulich in einem von mir geführten Seminar wüste Beschimpfungen anhören von 2 Teilnehmerinnen, die nicht mit meiner Methode kompatibel waren.
Da fiel der Satz, dass es "üblich" ist bei anderen Seminaren, das es für mindestens 1000Euro Geschenke gibt!
Ich habe viele Seminare besucht in den letzten Jahren, aber Geschenk habe ich noch nie bekommen!
War ich vielleicht bei den "falschen" Seminaren?
Ich denke nicht, denn es gibt immer wieder Kunden, die versuchen ein Seminar zu sprengen, aus welchen Gründen ist ihnen eigentlich egal.

Liebe Grüße
Kerstin
Von: Amos Ruwwe am 20.06.2011
Als Selbstständiger durchs Leben zu kommen ist beruflich und privat eine Gratwanderung. Ein unbedachtes Wort, eine falsche Geste......

Ein Lehrstück für das selbstständige Denken und Handeln ist das Märchen Hans im Glück, der Brüder Grimm.

Bei meinen Seminaren dazu gibt es immer reichlich Diskusionen, Tenor: Jeder ist seines Glückes Schmied.
Kreatives Handeln
Amos
Von: Markus am 20.06.2011
Hallo Gitte,

länger nicht mehr gelesen, schön es doch mal wieder zu tun grin)

Witzig, dass du mit dem amerikanischen Satz "We´ll cross that bridge when we come to it" schließt. Genau das wollte ich auch gerade kommentieren.

Denn genau das ist es, was ich mir seit einigen Monaten immer wieder selber sage, wenn ich mich bei so einem Probleme-such-Antizipieren erwische.
Mir hilft das richtig gut.
Und deswegen schreibe ich das hier auch noch mal, um es zu verstärken.

Klasse Idee. Und klasse Idee kann man ruhig mal wiederholen, finde ich.

Viele liebe Grüße

Markus
Von: Tanja Handl am 21.06.2011
Ein Spitzenartikel.

Ich glaube, gerade wir Frauen kämpfen häufig mit solchen Selbstzweifeln. Kenne wenig Männer, die sich selbst so leidenschaftlich mit anderen vergleichen. In meinen Augen ist der Zweifel auch mit ein Grund, weshalb wir oft bei Gehaltsverhandlungen nicht so berauschend abschneiden.

Deshalb: Gut vorbereitet loswandern und nicht zu viel an mögliche Hindernisse denken. Mit der richtigen Ausrüstung können 1 Million Brücken kommen. Herausforderungen sind nicht dazu da, um sie zu analysieren, sondern um sie zu überwinden!
Von: Gitte Härter am 21.06.2011
Hallo zusammen,

dankeschön für das Feedback und die Ergänzungen. Ich freue mich immer, weil dadurch ein Artikel weitere Dimensionen bekommt. grin

@Markus: Das finde ich ja wirklich lustig, denn ich sage mir diesen Satz auch seit einigen Jahren immer mal, wenn ich vorpresche. Das sind gar nicht immer mal Probleme, manchmal geht es auch um das Weiterentwickeln von Ideen oder Entscheidungen, die einfach gerade jetzt noch gar nicht sein müssen.

@Kerstin: Auch wenn die Situation für Sie alles andere als lustig war, so musste ich doch schmunzeln über: "Da fiel der Satz, dass es "üblich" ist bei anderen Seminaren, das es für mindestens 1000 Euro Geschenke gibt!"
Waaaas?!!

Einen schönen Nachmittag
Gitte
Von: Ulrike am 21.06.2011
das ist wirklich passend gerade heute dies in meinen mails zu finden.

Für heute nachmittag habe ich mir vorgenommen Angebote an eine ganz neue Zielgruppe zu schreiben....

....jetzt haben die vermeintlichen Blockaden keine Chance mehr !!!!! grin
Von: Gitte Härter am 24.06.2011
Huhu Ulrike,

das ist immer besonders schön wenn das Timing so schön passt + ein Artikel genau jetzt nützt. grin

Viele Grüße
Gitte
Von: Barbara Steldinger am 26.06.2011
Hallo Gitte,

nächstes Wochenende gebe ich ich ein ganz neues Seminar das erste Mal und bin dementsprechend leicht angespannt. Ich habe natürlich auch schon fleissig überlegt, was alles zu bedenken ist, was schief gehen könnte und und und...
Dann las ich deinen Artikel und musste schallend lachen. Ich finde den Satz “I’ll cross that bridge when I come to it” sowas von genial. Jetzt lass ich die Brücken einfach rankommen. Ich bin schon über soviele Brücken gekommen, warum sollte ich also noch welche fürchten?

alles Liebe
Barbara
Von: Matthias Talmeier am 28.06.2011
Oh, liebe Gitte, mein Dank für diesen Artikel stürmt Ihnen entgegen!
Sie haben mich damit "kalt erwischt" und wie ich grad "am Boden bin"...
neee, der Markt ist am Boden und deshalb ich...
das mit der Miete klappt zwar derzeit noch, aber wer weiß wie lange noch ... und ich habe zwei süße Katzen und die haben Anspruch auf eine gemütliche Wohnung...grins... somit klappt das auch nicht mit Schlafen unter der Brücke... oh Elend, oh Not...lach...

Tiefschwarzer Humor beiseite:
Mit den 7 Punkte haben sie voll ins Schwarze getroffen und mich AUFGERÜTTELT!

Vielen Dank dafür (auch von KITA & ROSI...meine Katzen!) -

Viele Grüße

Matthias Talmeier
Von: Gitte Härter am 30.06.2011
Hallo Barbara, hallo Matthias,

wie schön, wenn das Timing genau richtig ist, und Gedankenanstöße genau passen. grin

Barbara bringt auch noch einen wichtigen Punkt: "Ich bin schon über soviele Brücken gekommen, warum sollte ich also noch welche fürchten?"

Das ist einer der Vorteile beim Erwachsensein (neben der Tatsache, dass man jederzeit essen darf, was man will, ohne dass es jemand verbieten könnte ... hehe): Wir haben schon viele Erfahrungen gesammelt und sind gut darin, Situationen zu meistern - auch, wenn es mal schwierigere Phasen sind. Sich darauf zu besinnen, ist enorm wichtig, gerade wenn die Gedanken Amok laufen.

Alles Gute!
Gitte

 

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